In der Natur findet Angelika Hentschel Formen, Farben und Strukturen, in der Natur begegnen ihr auch Empfindungen und Gefühle, aus denen sie für ihre künstlerische Arbeit schöpft. Foto: Weiß Quelle: Unbekannt

Von Gaby Weiß

Es ist bereits Tradition, dass die Kursleiter an der Esslinger Kunstakademie nicht nur Kunst und künstlerische Techniken lehren, sondern dass sie in der hauseigenen kleinen Galerie ab und zu auch einen Blick aufs eigene Können erlauben und der Öffentlichkeit ihre eigenen Arbeiten präsentieren. Bis in den Juli hinein zeigt nun Akademie-Leiterin und Dozentin Angelika Hentschel einen Ausschnitt ihrer Werke. Unter dem Titel „Primär Sekundär Temporär“ sind „Bilder und andere Geschichten“ der Malerin und Lyrikerin zu sehen, die während der Ausstellung immer wieder auch in diesem „Atelier auf Zeit“ vor Ort arbeiten wird.

Die Natur ist eine nie versiegende Quelle für die leidenschaftliche Spaziergängerin Angelika Hentschel: Hier beobachtet sie Formen, Farben, Strukturen, Materialien, Bewegungen und Veränderungen, hier sammelt sie Erlebnisse, Eindrücke und Empfindungen. „Das heißt nicht, dass ich mich ausschließlich an der Schönheit der Natur labe. Ich frage mich auch, was ich darin für eine Rolle spiele. Auf die Welt kommen, auf der Welt sein, wieder von der Welt gehen. Das hat viel mit Verfall, Vergänglichkeit, Zerstörung und dem Zerrinnen der Zeit zu tun“, erläutert Hentschel.

Der Titel der kleinen Ausstellung - „Primär Sekundär Temporär“ - ist dem Farbkreis entnommen, wo aus den primären Grundfarben Rot, Gelb und Blau alle weiteren Sekundär- und Tertiärfarben gemischt werden können. „Durch die Arbeit mit der Natur, die mich speist, ist alles gleichzeitig, veränderlich, vergänglich und somit auch temporär“, erklärt sie.

Für den aufmerksamen Betrachter gibt es in der äußerst stimmig präsentierten Schau viel zu entdecken - wie in der Natur auch: Angelika Hentschel setzt Abgeblühtes, Verwelktes, Verästeltes und Rankendes in neue Zusammenhänge, ein Schneckenhaus ruht dazwischen, ein frisch abgestochenes Stück Grasnarbe setzt einen lebendig-grünen Akzent. Einem ausgereiften Konzept folgend bringt Angelika Hentschel Fülle, Reichtum, Verschiedenartigkeit, aber auch Ausuferndes, Unvorhersehbarkeit und Wildwuchs in ihren Arbeiten in eine neue Ordnung. Auf ein Format, auf eine Serie, auf eine Farbigkeit lassen sich ihre Werke nicht festlegen, sie reflektieren Linien, Flächen und Farben, sie variieren Formen und Strukturen. Oft sind sie in mehreren Schichten übereinander gearbeitet. Das ist klug komponiert und atmet doch Frische, Lebendigkeit und Freiheit.

Wichtiges Thema für Angelika Hentschel ist das Sammeln, Ordnen und Bewahren. Nicht nur für die Zeichnerin, Malerin und Performance-Künstlerin, sondern auch für die Autorin Angelika Hentschel. Zwei Gedichtbände hat sie bereits veröffentlicht. Und sie schreibt seit vielen Jahren an einem fortlaufenden unendlichen Text - immer frühmorgens direkt nach dem Aufstehen, in jener Zeit „Zwischen dem Jetzt“, wie sie es nennt. Dabei öffnet sie die Schleusen in ihrem Kopf für Lebens- und Sinnesempfindungen, für das Sicht- und Fassbare ebenso wie für das Unbewusste. Einige der Texte finden sich in der Ausstellung: Sie verstärken Gesehenes, lenken die Wahrnehmung und lassen neue Aspekte aufscheinen. Texte und Gemälde von Angelika Hentschel stecken voller Bilder, die versuchen, Flüchtiges festzuhalten, zu konservieren, aufzuarbeiten und sich einzuverleiben - um sie dann für den Betrachter und Leser freizulassen.

Die Ausstellung „Primär Sekundär Temporär“ mit Arbeiten von Angelika Hentschel ist bis zum 30. Juli in der Kunstakademie Esslingen, Fritz-Müller-Straße 1, zu sehen. An den Samstagen 10. und 24. Juni und 8. Juli ist die Künstlerin von 13 bis 17 Uhr persönlich anwesend und lässt sich bei der Arbeit im „Atelier auf Zeit“ über die Schulter schauen. Weitere Öffnungszeiten während der Büro- und Kurszeiten oder auf Anfrage unter info@kunstakademie-es.de

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