Den Flügel in die Nabenöffnung bugsieren ist filigrane Arbeit. Ein Arbeiter, der in der Öffnung steht, zieht es mit der Hand an die richtige Stelle. Quelle: Unbekannt

Von Karin Ait Atmane

Noch in diesem Jahr sollen sich die Windräder am Goldboden drehen. Gestern wurden alle drei Rotorblätter am Standort drei, direkt am Kaisersträßle, montiert. Ein gutes Dutzend Schaulustiger verfolgte, wie die geschwungenen Flügel in die Höhe gehoben und in die Nabe eingesetzt wurden - und dann kam auch noch ein weiteres Rotorblatt auf der Straße vorbeigefahren.

Zwei Mal hatten die EnBW und die ausführende Firma Nordex den Termin in der vergangenen Woche verschoben - wegen dichten Nebels, vereister Rotorblätter, zu viel Wind. Denn gute Sicht ist unabdingbar, und bei vereisten Blättern besteht Gefahr für die Mitarbeiter durch herabstürzende Brocken. Unter Umständen hätte der spezielle Greifer sogar Schwierigkeiten, das Rotorblatt mit seiner geschwungenen Form zu halten.

Gestern waren die Wetterbedingungen optimal, ruhig schwebt der Flügel nach oben. 13 Tonnen schwer, 65 Meter lang - und doch wirkt er beinahe zerbrechlich, wie ein filigranes Mobile, als er vom 180 Meter hohen Kran in die Höhe gezogen wird. Mit drei Seilen, die nach unten zum Boden führen, kann das Rotorblatt stabilisiert und auch etwas gelenkt werden. In wenigen Minuten hat es die 164 Meter Nabenhöhe erreicht. Rund dreieinhalb Meter groß ist die Einsetzöffnung, in deren Innerem drei Mitarbeiter warten, um die 30 Zentimeter langen Bolzen von innen festzuschrauben. Sobald diese in ihren Löchern stecken: „Das ist ein Fitzelgeschäft, definitiv“, sagt Christopher Backfisch, der stellvertretende EnBW-Projektleiter für diesen Windpark. „Deshalb geht das auch nicht bei hohen Windgeschwindigkeiten.“

Der Kranführer sieht per Kamera, wohin sich seine Fracht bewegt - und jetzt ist in der Naben-öffnung eine menschliche Gestalt zu erkennen, die einen Arm zum Rotorblatt reckt. „Die Mitarbeiter führen das mit der Hand ein, die müssen natürlich höllisch aufpassen“, sagt Michael Soukoup, der die Entwicklung der Windkraft bei der EnBW leitet. Den Standort beurteilt er als gut. Mit einem Windmessmast und einem Lidarmessgerät wurde eine Windgeschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde ermittelt, das sei für Baden-Württemberg „ein guter Wert“.

Ein Flügel kommt angefahren

Einige Minuten lang dauert es, bis sich der Ansatz des Rotorblatts vollständig in die Nabe gefügt hat. Einige Schaulustige sammeln sich neben der Presse und EnBW-Mitarbeitern, darunter Rolf Höger aus Reichenbach, der technikbegeistert ist und schon öfter zugeschaut hat. Peter Markotschi aus Büchenbronn ist sogar beinahe täglich vor Ort. Er steht mit seiner Kamera auf einem Stück Styropor gegen die kalten Füße. „Ich dokumentiere das für einen Film“, erklärt er. Damit wolle er an einem Wettbewerb in seinem Filmclub teilnehmen. Das Einsetzen der Rotorblätter beeindruckt ihn bislang am meisten, zusammen mit dem Aufbau des Krans. Er wurde in der Baustelleneinfahrt liegend zusammengesetzt und dann mit einem Hilfskran aufgestellt. Auch einige Vorbeifahrende halten an und schauen eine Weile zu. Von der Bürgerinitiative Pro Schurwald, die gegen den Windpark protestiert und wegen der Genehmigung Mitte Oktober eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Landrat des Rems-Murr-Kreises eingereicht hat, scheint niemand da zu sein.

Fertig montiert, dreht sich das erste Rotorblatt langsam nach unten, damit die Nabenöffnung fürs zweite Exemplar in Position kommt. Rund eineinhalb Stunden pro Blatt muss man rechnen, an diesem Tag werden an dieser Anlage alle drei eingesetzt. Das zweite Windrad soll einen Tag später folgen, das dritte Ende nächster Woche - allein der Ab- und Aufbau des Krans samt Transport benötigt einige Tage. Dann könnte der Windpark am Goldboden noch 2017 Strom produzieren.

Eigentlich hätte er im September an den Start gehen sollen, die Verzögerung sei vor allem durch den Transport der Komponenten entstanden, erklärt EnBW-Projektleiter Tobias Borde, denn jedes Mal müssten Straßen gesperrt und Genehmigungen eingeholt werden. Aber auch dieses spektakuläre Ereignis können die Zuschauer an diesem Tag erleben: Gegen halb zwölf taucht zwischen den Bäumen ein nach oben ragendes Rotorblatt auf, es ist auf dem Weg zum benachbarten Windrad. Auf einem „Selbstfahrer“, einem zwölf Meter langen Transportfahrzeug, das über eine Fernsteuerung bedient wird, ist es eingehängt und zeigt nach oben - denn flach ausgestreckt hätte es die Kreisverkehre in Schorndorf und die Kurven im Wald nicht nehmen können.

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