Schleudertour in eine Haltestelle: Der Unfallfahrer in Vaihingen wird noch Wochen später gesucht. Foto: 7aktuell.de/Andreas Werner

Das Warten auf den Bus ist zumeist langweilig. Viele vertiefen sich lieber in ihr Handy. Doch was tun, wenn plötzlich ein Auto auf das Wartehäuschen zurast? Erschreckende Fälle aus Stuttgart und der Region.

Der Zwischenfall dauert nur wenige Sekunden, und ein 43-Jähriger befindet sich zur falschen Zeit am falschen Ort. An einer Bushaltestelle. Von rechts schleudert ein BMW mit quietschenden Reifen auf ihn zu und erfasst ihn mit dem Heck. Der Mann erleidet schwere Verletzungen. Den Autofahrer kümmert das nicht weiter. Er flüchtet von der Unfallstelle – und bleibt noch Wochen später verschwunden. Glaubt er den Ermittlern der Verkehrspolizei etwa entkommen zu können?

Der ungewöhnliche Verkehrsunfall am 14. April gegen 19.40 Uhr an der Bushaltestelle Waldburgstraße in Vaihingen ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es vor, dass Autofahrer die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlieren und ausgerechnet in Haltestellenhäuschen rasen. Relativ glimpflich endet das nur, wenn gerade kein Fahrgast dort wartet – oder, wie in anderen Fällen, kurz zuvor in den Bus eingestiegen ist.

Manchmal trifft es gleich zwei Fahrgäste auf einmal

So gesehen war es etwa eine glückliche Fügung der Uhrzeit, als im Februar dieses Jahres die Bushaltestelle Birkenkopf an der Rotenwaldstraße im Stuttgarter Westen demoliert wurde. Ein 25-jähriger Smart-Fahrer war gegen 3.30 Uhr laut Polizei offenbar viel zu schnell und alkoholisiert stadteinwärts unterwegs, rammte Haltestellenschild und Häuschen, ehe der Kleinwagen seitlich liegen blieb. An Flucht war nicht zu denken. Der 25-Jährige wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert.

Zwei schwer verletzte wartende Fahrgäste gab es voriges Jahr in Nürtingen-Zizishausen (Kreis Esslingen), als ein 23-jähriger Seat-Fahrer zu schnell in einen Kreisverkehr fuhr und in die Bushaltestelle Weberstraße schleuderte. Eine 42-jährige Frau und ein 29-Jähriger wurden von dem Fahrzeug erfasst, mussten vom Notarzt versorgt und in Krankenhäuser gebracht werden.

Wer ist der Mann mit Bart und Tattoos an den Armen?

Auch der 43-Jährige, der im jüngsten Fall in Vaihingen betroffen war, musste nach notärztlicher Versorgung ins Krankenhaus. Glücklicherweise konnten Zeugen Angaben zu dem Fahrzeug machen, das den Mann sowie das Haltestellenschild getroffen hatte. Auch der Fahrer des BMW wurde beschrieben: Ende 20 bis Anfang 30, muskulös, schwarzer Bart, schwarzes T-Shirt, Tattoos an den Armen.

Der Fahrer war an jenem Freitagabend von der Waldburgstraße nach links in die Robert-Koch-Straße abgebogen, wohl viel zu schnell, und dann quer über die Fahrbahn in die Haltestelle auf der gegenüberliegenden Seite geschleudert. Die Reifenspuren auf dem Asphalt zeigen den genauen Verlauf. Nach dem Aufprall in die Haltestelle flüchtete der Fahrer mit dem beschädigten Wagen.

Die Ermittler haben wohl eine heiße Spur

Offenbar haben die Beamten der Verkehrspolizei aber eine heiße Spur. Das Kennzeichen und das Unfallfahrzeug sind demnach bekannt. „Wir haben den Halter bisher aber nicht antreffen können“, sagt Polizeisprecherin Jennifer Janoska. Wie immer bei Unfallfluchtermittlungen geht es um die Frage, ob der Halter denn auch der Fahrer war. Doch jegliche Kontaktversuche sollen bisher ins Leere gelaufen sein. So kann auch über das Motiv der Flucht bisher nur spekuliert werden.

Der 33-jährige Autofahrer, der 2021 in Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) die Bushaltestelle Ziegelwasen demolierte und dann das Weite suchte, war dank des verlorenen Kennzeichens schnell ermittelt worden – und hatte mehr als zwei Promille Alkoholgehalt im Blut. Eine demolierte Bushaltestelle am Kelterplatz in Zuffenhausen im Herbst 2019 war das Ende einer Verfolgungsfahrt, als ein 22-Jähriger einer Verkehrskontrolle entkommen wollte. Der Mercedes blieb spektakulär an einer Haltestelle hängen, an der ein paar Minuten zuvor noch Busfahrgäste gestanden hatten. Der junge Mann hatte keine Fahrerlaubnis.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände

Manchmal ist es aber auch eine Verkettung unglücklicher Umstände. Gerade die Bushaltestelle Kelterplatz wurde 2020 erneut Unfallschauplatz, als eine 58-jährige Mini-Fahrerin das Wartehäuschen und ein elfjähriges Mädchen erfasste. Der Frau war zuvor die Vorfahrt von einem 84-jährigen Opel-Fahrer genommen worden, ihr Wagen geriet dadurch in den Gegenverkehr und vollends aus der Bahn.

Das Warten an der Bushaltestelle ist meistens langweilig. Angesichts der unerwarteten Gefahren stellt sich allerdings die Frage, was man überhaupt tun kann, wenn plötzlich ein Auto auf das Wartehäuschen zurast. Von Polizei oder Verkehrsbetrieben wie den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) gibt es hierzu freilich wenig Empfehlungen. Das könne schließlich auch an einer Ampel, vor einem Schaufenster oder in einem Straßencafé passieren. So bleibt nur der wohlfeile Ratschlag, sich an der Haltestelle aufmerksam einen Platz auszusuchen, von dem aus man gegebenenfalls schnell ausweichen könnte.