Von Juli an drohen in der Region Stuttgart weitere Fahrverbote für Euro-5-Diesel, die nicht nachgerüstet sind. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Schätzungen zufolge sind in der Region Stuttgart noch etwa 145.000 Euro-5-Diesel unterwegs. Doch trotz drohender Fahrverbote kommt die Nachrüstung der Fahrzeuge nicht in Gang.

Brüssel - Trotz einer drohenden Ausweitung der Fahrverbote für Euro-5-Diesel im Stuttgarter Raum Anfang Juli kommt die Hardware-Nachrüstung nicht in Gang. Nach Informationen unserer Zeitung hat Daimler bundesweit erst in rund 300 Fällen den Zuschuss für die Nachrüstung mit dem SCR-Katalysator bewilligt. Mit dem Nachrüstset lässt sich der Stickoxidausstoß der Dieselfahrzeuge weiter reduzieren, so dass sie nicht von den Euro-5-Fahrverboten betroffen sind. Ein ähnliches Bild zeichnet Volkswagen. Ein VW-Sprecher teilt mit: „Bei uns sind bisher 23 Anträge auf Vergütung eingegangen.“ Daimler und VW sind die einzigen Hersteller, die betroffenen Autohaltern für die Umrüstung einen Zuschuss von bis zu 3000 Euro gewähren.

Ein Daimler-Sprecher erläutert, dass es bisher 5300 Anfragen auf der eigens eingerichteten Internetseite gab, auf der Autohalter ihren Anspruch auf den Zuschuss unverbindlich prüfen lassen können. In drei Fällen sei bisher der Zuschuss verweigert worden, weil nicht alle Bedingungen erfüllt wurden, sagt der Sprecher. So muss man in der Nähe einer Region wohnen oder arbeiten, die von Fahrverboten betroffen ist. Außerdem muss das Auto vor einem bestimmten Datum erworben worden sein.

Die Nachfrage ist gering

VW teilt mit, 21 Fälle seien abgearbeitet worden, im Schnitt habe jeder Antragsteller 2985 Euro bekommen. Bis Ende April war bei VW noch kein einziger Antrag eingegangen, Daimler hatte damals 150 registriert.

Auch bei Handwerkerfahrzeugen, für die das Land und der Bund eine Extraprämie zur Umrüstung aufgelegt haben, ist die Nachfrage offenbar gering: Laut Kfz-Innung Stuttgart waren beim Land Anfang Juni erst vier Anträge auf die zusätzliche Förderung der Umrüstung eingegangen – alle vier kommen demnach aus dem Kreis Ludwigsburg.

Die tatsächlichen Zahlen der Nachrüstungen dürften etwas höher liegen. Hintergrund ist: Der Zuschuss kann beim Hersteller erst dann beantragt werden, wenn die Umrüstung in den Kfz-Papieren auch eingetragen ist. Und Corona-bedingt haben viele Zulassungsbehörden auf Notbetrieb umgestellt, die Eintragung wurde also noch nicht vorgenommen. Hinzu kommt, dass nur VW und Daimler den Zuschuss für die Umrüstung gewähren. Wie das Kraftfahrt-Bundesamt auf seiner Seite mitteilt, sind mittlerweile sieben Nachrüstsets von Zulieferfirmen zugelassen. Nachrüstkits sind für über 2700 Modellvarianten verfügbar, darunter auch für einzelne BMW- und Volvo-Fahrzeuge.

145 000 Euro-5-Diesel sind noch unterwegs

Die Kfz-Innung für die Region Stuttgart geht aber von einem deutlich höheren Bedarf bei den Autohaltern aus. Nach Schätzung der Innung sind auf den Straßen in der Region noch rund 145 000 Euro-5-Diesel unterwegs, deren Halter Interesse an einer Nachrüstung haben könnten. Innungsgeschäftsführer Christian Reher: „Die Nachfrage nach den Bausätzen übersteigt das Angebot.“ Reher nimmt an, dass es zu regelrechten Engpässen komme, wenn es im Sommer ernst werde mit den Fahrverboten. „Für rund 40 000 Euro-5-Diesel-Fahrzeuge ausländischer Marken, die in unserer Region unterwegs sind, gibt es keine Nachrüstsätze.“ Hinzu kommen die Autos deutscher Marken, bei denen der Hersteller entweder die Umrüstung nicht bezuschusst oder für die noch kein Nachrüstset zugelassen ist.

Die Hersteller lehnen die Umrüstung ab. Sie hatten nach Bekanntwerden des Dieselskandals die technischen Möglichkeiten geprüft und sich dagegen entschieden. Auch HJS, ein Unternehmen, das in der Vergangenheit Nachrüstlösungen in der Abgasnachbehandlung angeboten hat und in der Branche als führend gilt, ist nur im Nutzfahrzeugbereich eingestiegen. SCR-Katalysatoren für Pkw bieten die Zulieferer Dr. Pley, Baumot und Oberland-Mangold an.

Der Autohalter muss eine Werkstatt suchen

Der Autohalter, der sein Fahrzeug umrüsten will, muss sich auf eigene Faust eine Werkstatt suchen, die die Umrüstung vornimmt. Nach Information des Zulieferers Dr. Pley hat das Unternehmen bis Ende Mai rund 500 Nachrüstsets für Pkw allein in den Raum Stuttgart geliefert. Eberhard Renz vom Autohaus Kloz berichtet, dass 133 Nachrüstkits in den eigenen Werkstätten verbaut wurden. 150 Sets seien darüber hinaus bereits bestellt. „Die Nachfrage von der Kundenseite ist nach wie vor hoch. Jeden Tag bekommen wir im Schnitt drei Anfragen.“ Dr. Pley will im Herbst Nachrüstsets für weitere Modelle auf den Markt bringen. Roger Schäufele vom Autohaus Lutz in Stuttgart berichtet: „Wir haben 210 Anfragen bekommen, rund 100 Fahrzeuge davon lassen sich umrüsten.“ Bisher sei ein Nachrüstkit aber erst zweimal verbaut worden, 15 Sets seien bestellt. Die Lieferzeit betrage über zehn Wochen.