Die „Mein Schiff 6“, derzeit noch in Piräus vor Anker, darf bald weiterfahren. Foto: dpa/Socrates Baltagiannis

Aufatmen bei Tui Cruises und der Kreuzfahrtbranche, die gerade vorsichtige Schritte zurück auf See macht: Die Corona-Verdachtsfälle an Bord der „Mein Schiff 6“ waren eine Fehldiagnose. Ein Tourismus-Forscher schätzt das Krisenmanagement des Unternehmens derweil als positiv ein – und glaubt an die Zukunft der Urlaubsform.

Hamburg - Die Kreuzfahrtbranche ist erleichtert. An Bord der „Mein Schiff 6“ gibt es anders als zunächst gemeldet doch keine Corona-Fälle. Das Kreuzfahrtschiff mit 922 Urlaubern an Bord wird seine Reise im wohl bald Mittelmeer fortsetzen. Angebliche Infektionen bei Crewmitgliedern haben sich am Dienstag als Fehldiagnose eines Labors erwiesen, wie das griechische Staatsfernsehen mitteilte. „Die am Montag gemeldeten unklaren zwölf positiven Covid19-Tests wurden mittlerweile durch zwei weitere Tests als negativ identifiziert“, sagte Godja Sönnichsen, Pressesprecherin von Tui Cruises in Hamburg, auf Anfrage unserer Zeitung. Ein vierter Test, durchgeführt von den griechischen Behörden, habe den Fehlalarm erneut bestätigt, so das griechische Fernsehen.

Rätsel um positive Test

Am Montag war bekannt geworden, dass bei routinemäßigen Tests unter 150 der 666 Besatzungsmitglieder zwölf Seeleute ein positives Ergebnis aufgewiesen hatten. Die Tests waren im Auftrag von Tui Cruises von einem griechischen Labor auf Kreta durchgeführt worden. Die Betreffenden wurden daraufhin isoliert, und das Schiff fuhr direkt zum Hafen von Piräus. Bei hohen Testzahlen kommt es immer wieder vereinzelt zu so genannten „falsch positiven“ Ergebnissen. Unklar bleibt jedoch, wieso in diesem Fall so viele Tests zunächst positiv ausfallen konnten.

Reedereien in der Krise

Die Meldung über die angeblichen Infektionen lösten ein großes Medienecho aus – und hätten im Fall einer Bestätigung einen erneuten Rückschlag für die Branche bedeutet. Alexis Papathanassis kommt allerdings zu einer anderen Einschätzung: „Dass es positive Testergebnisse gibt, klingt zunächst nicht nach einer guten Nachricht“, sagte der Professor für Kreuzfahrt-Tourismus an der Hochschule Bremerhaven auf Anfrage unserer Zeitung. Der Wissenschaftler findet es „dennoch beruhigend“. „Denn es beweist, dass getestet wird – und vor allem, dass die Unternehmen auf Transparenz bedacht sind“, so Papathanassis.

Die Branche zeige damit ihre Verantwortung. Wer offen mit dem Thema umgehe, schaffe Vertrauen beim Kunden: „Und der Tourismus lebt vom Vertrauen.“ Im Juli hatte er sich noch kritisch über den Neustart der Branche geäußert: Er kam seiner Ansicht nach zu früh. Inzwischen ist Papathanassis zuversichtlicher: „Wir haben Ende September. Ich bin zwar kein Gesundheitsexperte, aber die Reedereien haben offensichtlich ihre Krisenpläne, Sicherheits- und Hygienekonzepte weiterentwickelt. Und man hatte genügend Zeit, sie an Bord zu trainieren, sodass sie nun greifen können.“

„Blaue Reisen“ in der Nord- und Ostsee

Das bestätigt auch Tui Cruises: „Im Zuge des Frühwarnsystems, welches maßgeblicher Bestandteil unseres Gesundheits- und Hygienekonzepts ist, wird die Besatzung regelmäßig auf Covid-19 getestet“, so Godja Sönnichsen. Gäste dürften nur mit einem negativen Testergebnis an Bord. „Zudem fahren wir derzeit mit einer Auslastung von maximal 60 Prozent.“ Dadurch gäbe es viel Platz auf den Schiffen, um Abstand zu halten. Landausflüge fänden in einem „geschlossenen System“ satt, sprich: ohne Außenkontakte. In der Nord- und Ostsee setze man derzeit noch auf so genannte Blaue Reisen, verzichte also ganz auf Landgänge. Wann das geändert werde, sei unklar.

Nach Ansicht von Alexis Papathanassis muss man allerdings „relativ schnell lernen, neue Wege zu finden“. Denn die Pandemie habe auch die Reedereien in eine schwere Krise gestürzt. „Eine Auslastung von lediglich 60 Prozent, das halten auch die Großen nicht lange durch. Selbst sie werden spätestens Ende November finanzielle Schwierigkeiten bekommen“, ist sich Papathanassis sicher.

Corona als „Trendbeschleuniger“

Trotzdem glaubt der Tourismus-Forscher an die Zukunft der Urlaubsform. Seiner Ansicht nach wird es zu einer Konsolidierung kommen: „Einige Reedereien könnten verschmelzen, ältere Schiffe wurden bereits verschrottet, es wird mehr Wert auf Umweltverträglichkeit gesetzt, es wird verstärkt in die Digitalisierung an Bord und die Roboterisierung investiert – und das Thema geschlossene Systeme hat entscheidend an Bedeutung gewonnen.“ Letzteres bedeute unter anderem, dass der Gast an Land kaum oder keine Kontakte habe, wodurch es größere Kontrolle über die Sicherheit gibt. All diese Themen seien schon vor der Krise angestanden: „Corona wirkt hier allerdings als Trendbeschleuniger.“

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