Wie viel Wohnraum braucht der Mensch? Die Deutschen haben für alles Normen und Gesetze. Aber lässt sich diese Frage mit einer Regel beantworten? Trends zeigen, wohin der Weg gehen könnte.
Tokio macht es vor: Man kann an Wohnraum sparen. In der japanischen Metropole stehen dem einzelnen Menschen durchschnittlich 20 Quadratmetern Wohnfläche zur Verfügung, in Deutschland 47,4. In Großstädten sind es allerdings etwas weniger: Im Jahr 2022 betrug die Wohnfläche pro Einwohner in Berlin rund 39,2 Quadratmeter, in Stuttgart 40,68 Quadratmeter.
Wie viel Wohnraum also braucht der Mensch? Die Deutschen haben für alles Regelungen, Normen und Gesetze. Ein Schwein muss zum Beispiel 0,5 bis einen Quadratmeter Platz haben, um „schweinewürdig“ gehalten zu werden. Gibt es solch eine Zahl auch für Menschen? Dazu hat die deutsche Wohnungsaufsicht eine klare Meinung.
Demnach sind pro Erwachsener mindestens neun Quadratmeter vorgeschrieben. Diese Zahl existiert, weil zum Beispiel festgesetzt werden muss, wie groß eine Gefängniszelle für einen Erwachsenen sein muss, um noch menschenwürdig zu sein. Die Hartz-4-Grundlage sieht vor, dass eine Wohnung mindestens 45 bis 50 Quadratmeter für eine Person haben sollte – für jede weitere Person kämen 15 dazu. So will es das Gesetz.
Stuttgarter Wohnsoziologin hält 25 Quadratmeter für angemessen
Aber geben gesetzlich festgelegte Zahlen wirklich etwas darüber Auskunft, wie viel Wohnraum ein Mensch zum Leben braucht? Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) sagte im Jahr 2022: „Der Staat kann niemandem vorschreiben, auf wie vielen Quadratmetern man zu wohnen hat.“ Vorschriften machen will auch die Stuttgarter Professorin für Architektur- und Wohnsoziologie Christine Hannemann niemanden, sie sagte aber im Jahr 2021 gegenüber dem Magazin „Der Spiegel“, sie würde 25 Quadratmeter für angemessen halten.
Michael Kunert vom Amt für Stadtplanung und Wohnen der Stadt Stuttgart ist der Meinung, dass die 25 Quadratmetern zwar ambitioniert sind, man aber gut damit auskommen könne. Dennoch ist es ihm wichtig zu differenzieren. „Ob ein Mensch gut mit 25 Quadratmetern zurechtkommt, hängt stark davon ab, wie hoch die Qualität der Nachbarschaft und der Umgebung ist“, sagt er. Der Mensch müsse, was er nicht in der Wohnung habe und erleben könne, im Außen finden. So wie die Menschen in Tokio.
Kunert ist bei der Kontaktstelle Baugemeinschaften. Er sagt, es sei längst klar, dass der einzelne Mensch in Deutschland viel zu viel Platz für sich beansprucht – Grund dafür seien oft strukturelle Themen wie die Problematik, dass viele ältere Menschen in dem viel zu großen Familienhaus wohnen bleiben, weil sie keinen adäquaten Ersatz finden. Auch Singlehaushalte trügen dazu bei, der Wandel in der Familienstruktur (keine Großfamilien mehr unter einem Dach) sowie die Wohlstandsgesellschaft, die von allem immer mehr will – auch vom Wohnraum. Inzwischen gäbe es aber durchaus Bestrebungen, dem entgegenzuwirken. Eben etwa bei Baugemeinschaften.
Wie in Tokio würden bei solchen Wohnformen oft einzelne Funktionen outgesourct werden, es gebe etwa Gemeinschaftsräume, von allen nutzbare Gästezimmer – sogar Schwimmbäder. „In Stuttgart gibt es letztere zwar noch nicht, aber Projekte in Österreich und der Schweiz machen das vor“, sagt Kunert.
Dort sei man punktuell weiter mit gemeinschaftlichen Wohnprojekten, einen Trend sieht er aber noch nicht – auch wenn er in Stuttgart daran arbeiten will: „Bisher ist in Deutschland aber der Trend nach Individualität noch immer größer.“ Das sei früher anders gewesen, allerdings eher aus der Not oder dem Mangel heraus. „Aber im Sinne von Nachhaltigkeit könnte man ja neu darüber nachdenken“, sagt Kunert.
Tiny Houses als Gegentrend zu „größer ist besser“
Auch eine andere Wohnform, die derzeit im Trend liegt, will eher weniger als mehr – und ist somit eine Gegenbewegung zu „Bigger is better“ (größer ist besser): Tiny Houses. Das sind Kleingebäude mit einer Brutto-Grundfläche von unter 50 Quadratmetern, welche stationär oder transportabel ist.
Jährlich werden laut dem Tiny House Verband derzeit deutschlandweit mehr als 500 Tiny Houses von mehr als 100 Tiny House Herstellern aus Deutschland gebaut. Sie sind schnell zu planen und zu bauen, leicht versetzbar und es gibt sie zu vertretbaren Preisen. Allerdings unterliegen sie dem normalen Baurecht – und leider sind auch kleine Bauplätze rar.
Die Verbraucherzentrale kritisiert zudem, dass ein Tiny House „ keine ökologische und nachhaltige Form des Wohnens“ sei, „weil ein solches Gebäude pro Person oder pro Quadratmeter Nutzfläche einen hohen Materialbedarf, einen hohen Flächenbedarf und einen hohen Heizenergiebedarf hat. Das liegt einerseits daran, dass das Haus freistehend aufgestellt wird, womit jede Einzelpartei verhältnismäßig viel Fläche beansprucht.“
So werden Tiny Houses bezüglich ihres Flächenverbrauchs oft für ihren geringen Fußabdruck gegenüber klassischen Einfamilienhäusern gelobt, sie können aber naturgemäß nicht die Effizienz mehrstöckiger Gebäude mit vielen Wohneinheiten erreichen.
Eine weitere neue Wohnform sind Mikroapartments. Vordenker dieser Lebensart ist der amerikanische Softwareingenieur Michael Kelly Sutton, der mit seinem „Cult of Less“ (der Kult des Wenigen) vor einigen Jahren von sich Reden machte. Nun greift das Prinzip des „digitalen Minimalismus“ auch auf den Wohnungsbau über. In Deutschland sind Mikroapartments auf dem Vormarsch.
Aus gutem Grund, denn die Anzahl der Single-Haushalte hierzulande steigt kontinuierlich: Mittlerweile wohnt fast jeder fünfte Einwohner Deutschlands allein, in Großstädten ist es sogar jeder Zweite. Längst beeinflusst der gesellschaftliche Wandel die Wohnkultur, und Architekten, Planer und Wohnungsgesellschaften forschen nach neuen Wohnimmobilientypen, die nachhaltiges und bezahlbares Wohnen vereinen.
In Berlin machen bereits einige Studenten Wohnanlagen mit Mikroapartments den Trend salonfähig. Auch in Stuttgart gibt es Mikroapartments, etwa im Skyline am Stuttgarter Pragsattel. Dort verfügt die Württembergische Lebensversicherung AG über 75 Mikroapartments. Jüngst wurde auch ein Mikroapartment-Projekt in Stuttgart-Untertürkheim, geplant von Fischer Rüdenauer Architekten, mit dem Architektenpreis „Beispielhaftes Bauen in Stuttgart“ ausgezeichnet.
Diese werden in der baden-württembergischen Landeshauptstadt vorrangig von Menschen mit zeitlich befristetem Aufenthalt angenommen, die etwa bei Firmen wie Bosch, Daimler, aber auch anderen mittelständischen Unternehmen unterwegs sind. Wegen der hohen Nachfrage sind derzeit weitere im Entstehen. Im Skyline haben die Mikroapartments übrigens eine durchschnittliche Größe von 30 Quadratmetern – das entspricht in etwa der von Hannemann anvisierten Größe pro Mensch.