In der Welt hat der Name Voith einen guten Ruf. Die Namensgeber aus der Familie wirken in einem „geheimnisumwitterten Gremium“ der Firma, sind allerdings so gut wie unsichtbar. Ein Porträt aus unserer Serie „Unternehmerdynastien im Land“.
Strategisch gesehen gibt es bessere Orte für eine Industrieansiedlung als Heidenheim. Die durch den Ort auf der Ostalb schlingernde Brenz mag ein idyllisches Flüsslein sein, bis zum nächsten schiffbaren Gewässer ist es aber ebenso weit wie bis zum nächsten größeren Verkehrsflughafen. Der hieße Stuttgart oder Memmingen. Die Autobahn mit der Nummer Sieben ist an dieser Stelle der Republik erst in den 1980er Jahren fertig gebaut worden, die Bahnstrecke wartet noch darauf, elektrifiziert zu werden. Dessen ungeachtet ist hier eines der großen Familienunternehmen im Land zu Hause. Fast fünf Milliarden Euro Umsatz und weltweit mehr als 20 000 Mitarbeiter – das ist aktuell der Stand bei Voith.
Geburtsstunde vor mehr als 150 Jahren
Daran hatte natürlich niemand gedacht, als Friedrich Voith 1867 den florierenden Schlosserbetrieb seines Vaters Johann übernahm. Der hatte damals rund 30 Mitarbeiter. Die Firmenhistoriker haben diesen Moment zur Geburtsstunde der heutigen Voith GmbH & Co. KGaA ausgerufen. Friedrich Voith war einer der ersten Fabrikbesitzer in Deutschland, der eine Krankenversicherung und eine Pensionskasse für seine Mitarbeiter eingerichtet hat. Und den Zehnstundentag. Das war, man muss das heutzutage vielleicht dazusagen, eine klare Verbesserung für die Arbeiter.
Friedrichs Sohn Hanns erzählt in einem Radiobeitrag aus dem Jahre 1960, dass der Standort „vom nationalökonomisch wissenschaftlichen Standpunkt aus schlecht gewählt sei“. Ein Ingenieur bestätigt das flugs, wenn er dem Reporter berichtet, wie dereinst eine mit 20 Pferden bespannte Kutsche Turbinen von der Fabrik zum Bahnhof gebracht hat. Turbinen, wie sie Voith schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Niagarafälle geliefert hat. Die waren von Heidenheim damals ähnlich weit entfernt wie der Mond.
Der Reporter und die Ehrfurcht vor dem Patron
Der „Herr Doktor“, wie Voith von dem Reporter des Süddeutschen Rundfunks ehrfurchtsvoll genannt wird, erklärt dann aber, dass es weniger auf die geografische Lage als vielmehr alleine auf die Menschen ankomme. „Die Sesshaftigkeit der Arbeiter spielt heute eine größere Rolle denn je.“ Wie gesagt, das war 1960, wenige Tage nach dem 75. Geburtstag des damaligen Seniorchefs.
Wer damals auf der Ostalb gefragt hat, wo jemand arbeitet, der bekam noch oft „beim Schlosser Voith“ zu hören. Das „beim Schlosser“ ist heute aus den Antworten verschwunden, der Stolz, „beim Voith“ zu arbeiten, aber noch immer erkennbar.
Die Töchter heißen nicht mehr Voith
Allerdings: „Den Voith“, den gibt es schon lange nicht mehr. Die sechs Töchter des ehemaligen Firmenchefs tragen inzwischen andere Namen. Hahn und Schweppenhäuser zum Beispiel, oder Gorsch und Schily. Ein Statut regelt, dass kein Familienmitglied mehr in der Geschäftsführung tätig sein darf – Hanns Voith war so gesehen der letzte seiner Art. Im Gesellschafterausschuss des Unternehmens sind einzelne Mitglieder der Familie noch vertreten, müssen aber laut Statut in der Minderheit sein. Dieser Ausschuss sei ein „machtvolles und geheimnisumwittertes Gremium“, schreibt das „Manager-Magazin“, offiziell bekannt gemacht werden dessen Mitglieder nicht. Jedes Jahr trifft man sich einmal zu einem Familientag, bei dem das Management den Voith-Erben die aktuelle Strategie präsentiert. Immerhin: Ein Büro „zur Organisation ihrer Aktivitäten“ sei in Heidenheim noch vorhanden, so eine Sprecherin des Konzerns.
Öffentliche Auftritte gehören in der Tat nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der Voith-Nachfahren. Daher war es schon etwas Besonderes, als Ophelia Nick zum 150-jährigen Bestehen des Unternehmens in Heidenheim vor das Mikrofon trat. Das war im Jahr 2017.
Die Tiermedizinerin aus der fünften Voith-Generation ist Enkelin von Hanns Voith und Tochter des ehemaligen Innenministers Otto Schily. Inzwischen ist sie selbst Mitglied des Bundestages – und Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium, das von ihrem Parteifreund Cem Özdemir geführt wird. „Wir sind keine Shareholder, wir sind Bewahrer“, hatte Nick bei den Feierlichkeiten die Rolle des weitgehend im Hintergrund wirkenden Familienclans beschrieben.
Unübersehbar in der ganzen Stadt
Mit Papiermaschinen ist Voith groß geworden, später kam das Geschäft mit Wasserturbinen und Zuggetrieben hinzu. Heute ist das Unternehmen überwiegend in den Bereichen Energie, Papier, Rohstoffe und Transport aktiv, zunehmend digital und in mehr als 60 Ländern. In Heidenheim hat Voith jedoch die größten Spuren hinterlassen. Es gibt eine Hermann-Voith-Straße, eine Friedrich-Voith-Straße und die Voith-Arena, seit Beginn der aktuellen Saison ein echtes Bundesliga-Stadion – wenn auch mit 15 000 Zuschauerplätzen das kleinste.
Und irgendwie ist der Voith auch verantwortlich für eine politische Besonderheit, die es bundesweit kein zweites Mal gib. Im Heidenheimer Gemeinderat ist seit 1975 die DKP mit mindestens einem Sitz vertreten. Das hat die Deutsche Kommunistische Partei in keiner anderen Gemeinde bundesweit geschafft. Zurück geht das Ganze auf Uli Huber, der vor knapp 50 Jahren das erste Mandat eroberte. Huber war Betriebsrat – natürlich bei Voith.
Vom Grundstein zum Imperium
Anfänge
1867 gilt als Geburtsjahr der Firma Voith. Friedrich Voith hat da den Betrieb seines Vaters Johann Matthäus übernommen, der bereits in die Fußstapfen seines Vaters Johannes getreten war. Der Schlosser Johannes und Johann Matthäus Voith, der eine Maschine erfand, welche die Papierherstellung vereinfachte, mögen den Grundstein gelegt haben zur Firma Voith. Friedrich hat darauf ein Imperium gebaut.
Aufstieg
„Weil Friedrich Voith die Holzschleiftechnik seines Vaters perfektioniert, wird die industrielle Herstellung von Papier erst möglich und Papier zur Massenware, die für viele Menschen verfügbar wird“, heißt es in den Chroniken des Unternehmens. Friedrich Voith, am 3. Juli 1840 in Heidenheim geboren, ist zudem gut vernetzt und pflegt nicht nur mit Gottlieb Daimler den Austausch.
Übergabe
Und auch ein anderes Thema der heutigen Debatte war Friedrich Voith bekannt: der Facharbeitermangel. Mit der Gründung einer eigenen Lehrwerkstatt im Jahr 1910 legte er schließlich den Grundstein für die moderne Berufsausbildung und schaffte es, den Bedarf an Fachkräften für das eigene Unternehmen zu decken. Die Firmenchronik spricht im Rückblick von einem „revolutionären Managementansatz“.