Für viele ist die Esslinger Stadtbücherei ein Ort der Identifikation – Foto: Weller - Weller

Damit die Bibliothek der Zukunft den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer gerecht wird, hat die Stadt einen aufwendigen Prozess der Bürgerbeteiligung gestartet, der bislang viel Beifall findet.

EsslingenSeit Anfang der 90er-Jahre wird in Esslingen über die Zukunft der Stadtbücherei diskutiert – nun will man im Rathaus Nägel mit Köpfen machen. Doch der Weg zur neuen Bibliothek, die mehr als 20 Millionen Euro kosten wird, ist weit. Sicher ist: Der aktuelle Bücherei-Standort wird auch der künftige sein. Das haben die Esslinger im Bürgerentscheid am 10. Februar mit überwältigender Mehrheit beschlossen. Nun ist es an Gemeinderat und Verwaltung, diesen Bürgerwillen umzusetzen. Die Planung will man nicht allein den Fachleuten überlassen – die künftigen Nutzer sollen ein gewichtiges Wort mitreden. Die erste Phase eines aufwendigen Beteiligungsprozesses ist mittlerweile gelaufen, und sie fand großen Anklang.

Hohe Identifikation der Nutzer

Nach der letzten von vier Sitzungen eines Expertengremiums, in dem Vertreter unterschiedlicher Zielgruppen mitgewirkt hatten, zog OB Jürgen Zieger eine positive Bilanz: „Der Bürgerbeteiligungsprozess war rundum erfolgreich. Mehr als 600 Ideen und Anregungen wurden aufgenommen und dokumentiert.“ Die Empfehlungen fließen nun in das Raumprogramm zum Architektenwettbewerb und in den so genannten Design Thinking Prozess ein, in dem die Ausgestaltung der neuen Bücherei-Räume von den künftigen Nutzern geplant werden. „So ist gewährleistet, dass die Bürgerinnen und Bürger mit ihren konstruktiven Anregungen und zukunftsorientierten Ideen die Stadtbücherei des 21. Jahrhunderts in der Heugasse mit gestalten“, sagt Rathaus-Sprecher Roland Karpentier. Dass sich der Aufwand gelohnt hat, ist für Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs keine Frage: „Obwohl wir uns schon lange mit der künftigen Bücherei befasst haben, war es sehr hilfreich, andere Perspektiven kennenzulernen. Es war beeindruckend, zu sehen, wie sehr sich viele Esslinger mit ihrer Bibliothek identifizieren und mit welcher Sachkenntnis sie sich an der Suche nach den besten Lösungen beteiligt haben.“

Zunächst hatte sich der eigens gegründete Planungsrat in drei Sitzungen mit unterschiedlichen Bereichen der künftigen Bücherei beschäftigt: Foyer mit Medienlogistik, Kinderbücherei, Jugendbücherei, Sachliteratur, „schöne Literatur“ sowie Café mit Veranstaltungen. Dieselben Themenbereiche wurden am 10. Mai in einem öffentlichen Bürgerworkshop beleuchtet, um sodann in einer letzten Sitzung des Planungsrates in dessen Überlegungen eingearbeitet zu werden. Am Ende gab es weitgehende Zustimmung zum Raumprogramm der Bücherei – geringfügig haben sich zum Beispiel Flächen zugunsten der Kinderbücherei verschoben. Diese Ergebnisse wird die Verwaltung in einer Sitzung von Kulturausschuss sowie Betriebsausschuss Städtische Gebäude am 15. Juli vorstellen. Zudem sind sie auf der Homepage der Stadt Esslingen dokumentiert. Dort findet man etwa den Hinweis, wie wichtig vielen Besuchern ein attraktives Café ist, wie sehr der malerische Innenhof geschätzt wird und dass viele von einem Lese-Dachgarten träumen. Klar formuliert wird der Wunsch, Themen wie die „schöne Literatur“ oder die Musik im historischen Teil anzusiedeln, während etwa die Sachliteratur ihren Platz eher im Bereich der einstigen Nanz-Halle finden könnte, die nicht unter Denkmalschutz steht und neu gebaut werden wird.

Professorin Sylvia Greiffenhagen, die als Vorsitzende des Fördervereins der Stadtbücherei im Planungsrat mitgewirkt hat, zeigte sich hinterher sehr angetan: „Wir waren schon immer überzeugt, dass eine umfassende Bürgerbeteiligung sinnvoll und nötig ist. Dass sie so gut werden würde, hätte ich nicht erwartet. Die Beratungen waren ausgesprochen konstruktiv. Jeder hat sich bemüht, die Anliegen seiner Zielgruppe einzubringen. Trotzdem ließ man auch andere Perspektiven gelten. In manchen Punkten haben wir Kompromisse gefunden, in einigen blieben die verschiedenen Positionen bewusst so stehen.“ Besonders gefreut hat sich die profilierte Sozialplanerin über das konstruktive Miteinander der verschiedenen Generationen: „Von den angeblichen Gegensätzen zwischen Jung und Alt, die manche im Vorfeld betont hatten, war überhaupt nichts zu spüren. Für die Älteren war es klar, dass die Jungen Bereiche brauchen, die nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gestaltet werden. Gleichzeitig war es den Jüngeren ein Anliegen, dass die Bücherei in anderen Bereichen als solche erkennbar bleibt.“ Das bestätigt auch Mark Wendt, der Vize-Vorsitzende des Jugendgemeinderats: „Die Arbeitsatmosphäre war hervorragend. Ich fand es fantastisch, wie interessiert und konstruktiv die Vorstellungen der jungen Generation aufgenommen wurden.“ Und was Sylvia Greiffenhagen besonders wichtig war: „Alle waren sich einig, dass die Bücherei qualifiziertes Personal in ausreichender Zahl benötigt. Das war ein klares Signal, wie wichtig eine kompetente Beratung auch in Zukunft ist. Das ist ein Kompliment an unser Bücherei-Team, das richtig gut ist.“

Beispiel soll Schule machen

Zu denen, die auf eine konsequente Bürgerbeteiligung gedrängt hatten, zählt die Initiative für den Bürgerentscheid zum Verbleib der Bücherei im Bebenhäuser Pfleghof. Daniel Blank, deren Vertreter im Planungsrat, fand die erste Phase der Bürgerbeteiligung sehr gelungen: „Es war richtig, dieses Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Wenn man ständig davon redet, dass die neue Bibliothek mehr noch als bisher ein ‚dritter Ort’ der Identifikation werden soll, darf man die Nutzer nicht außen vor lassen.“ Die Debatten im Planungsrat hat Blank als „sehr intensiv, aber auch äußerst produktiv“ empfunden. Klar ist für ihn: „Diesen Weg muss die Stadt weitergehen – nicht nur bei diesem Thema. Das Beispiel der Bücherei hat gezeigt, dass es sinnvoll ist, die Bürger frühzeitig in Planungen einzubeziehen.“

Die ersten Schritte der Bürgerbeteiligung

Expertengremium: Weil unterschiedliche Zielgruppen die Planung der neuen Stadtbücherei aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, hat die Stadt Mitte März einen Planungsrat einberufen, der sich in vier Sitzungen mit dem Raumprogramm beschäftigt hat. Beteiligt waren neben Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs Vertreterinnen und Vertreter des Fördervereins der Stadtbücherei, der

Initiative zum Bürgerbegehren, der Schulen, des Gesamtelternbeirats, des Jugendgemeinderats, des Fachrats für Migration und Integration, der Kulturverwaltung, des Inklusionsbeirats, des Geschichts- und Altertumsvereins, der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium sowie drei Nutzerinnen und Nutzer der Bücherei, die per Los ausgewählt wurden. Moderiert wurden die Beratungen vom Bibliotheksexperten Andreas Mittrowann.

Bürgerworkshop: Alle an der Zukunft der Bücherei Interessierten hatten zudem am 10. Mai Gelegenheit, ihre Erfahrungen, Wünsche und Anregungen in einem öffentlichen Workshop im Neckar Forum einzubringen. Rund 90 Bürger arbeiteten dort vier Stunden lang mit.

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