Zwei Generationen, ein Restaurant: Tochter Athina und Mutter Filo Reizi betreiben das Theatercafé seit 40 Jahren. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Das Theatercafé ist seit 40 Jahren der Szenetreff für Schauspieler. Daran hat auch die Übergabe des griechischen Restaurants von Mutter Filo an Tochter Athina nichts geändert.

Esslingen Laut deklamierend lädt der Direktor das Publikum ein in sein Theater. Um besser gesehen zu werden, ist er sogar auf einen Stuhl geklettert. Trotzdem bleiben die Zuhörer skeptisch: Die Frau hat ihren Hund vorsorglich unter den Arm geklemmt, falls sie sich zum Besuch der angepriesenen Vorstellung entschließen sollte. Sie könnte aber auch jeden Moment auf dem Absatz kehrtmachen. Der Mann hält sicherheitshalber Abstand und kratzt sich grüblerisch am Ohr. Diese kleine Szene entfaltet sich auf dem Vorhof der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB). Im Sommer ist das tiefgelegte Dreiviertelrund gesäumt von Schauspielern und Theatergästen. Sie sitzen an reichlich gedeckten Tischen zwischen Olivenbäumen. Die Lokalbesucher sind aus Fleisch und Blut; Theaterdirektor, Hundefrau und Ohrenkratzer aus Bronze. Die einen sind beim griechischen Restaurant Theatercafé eingekehrt; die andern hat der Bildhauer Karl-Henning Seemann 1983 der Landesbühne zur Eröffnung ihrer frisch gebauten Spielstätte übergeben. Die Übergänge zwischen beiden sind fließend. Sie gehören zusammen, so wie Theater und Theatercafé. Seit 40 Jahren sind sie nun mehr als nur Nachbarn. Das Theatercafé ist der Szenetreff der WLB. Daran hat auch die Geschäftsübergabe von Mutter Filo Reizi an Tochter Athina nichts geändert.

Die Seele des Restaurants

Filo Reizi ist eine kleine, kräftige Frau Mitte sechzig. Laut und herzlich, die Seele des Restaurants, die Mutter von allen. Bis dahin war es ein weiter Weg. Als Filo vor über 40 Jahren mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Esslingen kam, war sie 25 Jahre alt und sprach kein Wort Deutsch. Ihre erste Kneipe in der Entengrabenstraße besuchten nur griechische Männer. Sie spielten Karten, tranken Ouzo und aßen Meze, die kleinen griechischen Vorspeisen. Heute befindet sich in dem Haus eine Shishabar. 1978 dann übernahm Filo das Theatercafé von einem Konditor. Bis heute fragen einige Gäste nach Kaffee und Kuchen. Den Namen des Restaurants hat Filo zwar beibehalten, die Speisekarte aber gründlich überarbeitet: Gyros und Krautsalat, Moussaka und Tsatsiki, Souvlaki-Fleischspieße und Bifteki-Frikadellen – traditionelle griechische Küche eben, nichts für Fleischverächter und Kalorienzähler. Filo kochte die Gerichte, die WLB-Schauspieler schrieben sie in korrektem Deutsch auf die Speisekarte. Dort konnten sie fast vier Jahrzehnte lang ihren Platz behaupten.

„In großen Städten hat man Laufkundschaft, in kleinen Stammgäste“, weiß Tochter Athina. Zu den Stammgästen des Theatercafés gehörten seit jeher die Theaterleute. Schauspieler kehrten dort ein und Intendanten, Regisseure und Dramaturgen, Kostümbildner und Bühnentechniker. Nach Premieren schloss sich Friedhelm Röttger oft der Truppe an. 23 Jahre lang leitete er das Feuilleton der Eßlinger Zeitung und besprach die neuen WLB-Aufführungen im Blatt. „Es gab eine lange Theke“, erinnert sich Röttger. „Dort stand man, rauchte und redete.“ Verteilt in der Wirtsstube standen Sitzrondelle auf Podesten. An der Wand hing ein blauer Rettungsring, den Mama Filo von den Schauspielern geschenkt bekommen hatte. Ob zum Zeichen, dass die Truppe mit ihren Besuchen trotz des Theaterneubaus Ende der 70er Jahre Filos Geschäftsbilanz rettete? Oder weil Filo das Ensemble vorm Verhungern bewahrte?

In den vergangenen 40 Jahren hat die Landesbühne viele Intendanten kommen und gehen sehen. Einer ist zurückgekehrt: Friedrich Schirmer, ein Mann Mitte sechzig mit hagerem Gesicht, Dreitagebart und dunkel gefasster Brille. Zum blauen Jackett trägt er rot gemusterte Turnschuhe. Schirmer leitet das Theater seit vier Jahren, davor stand er dem Haus bereits von 1985 bis 1989 vor. In den 80ern brachte Schirmer 40 Kilo mehr auf die Waage und war oft zu Gast im Theatercafé. Von der deutschen Gastronomie in dieser Zeit zeichnet er ein düsteres Bild: „Es gab – freundlich gesagt – gutbürgerliche Küche, warmes Essen bis 21 Uhr, und eine Stunde später wurden die Stühle hochgestellt.“ Die reinste Servicewüste also für ein Ensemble, das abends nach dem Gastauftritt Hunger hatte und das geschlossene Theatercafé direkt vor der Nase. Was lag da näher, als die Stadt um eine Sondergenehmigung zu bitten, damit Filo ihr Lokal auch jenseits der Sperrstunde offen halten durfte? 1979 hatte die Stadt ein Einsehen, und Filo bewirtete die Truppe auch um 24 Uhr noch mit Gyros, Krautsalat und Bratkartoffeln. „Manchmal sind wir erst um 4 Uhr morgens gegangen“, erinnert sich Schirmer.

Herzlichkeit ist geblieben

Als der Intendant nach 25 Jahren nach Esslingen zurückkam, stand im Theatercafé dieselbe Wirtin, auf den Tischen lagen dieselben rot-weiß karierten Decken. „Als wäre die Zeit stehen geblieben“, sagt Schirmer. Seit Filo das Lokal vor vier Jahren ihrer Tochter Athina übergeben hat, ist die Zeitkonserve allerdings aufgebrochen: „Vieles hat sich verändert“, resümiert der Intendant. „Aber das Wesentliche nicht: Die Herzlichkeit ist geblieben, die Wertschätzung gegenüber den Schauspielern und das gute Essen.“ Eigentlich seien Filo und Athina selbst „Intendanten“. „Denn egal, ob man ein Restaurant führt oder ein Theater: Man braucht viel Menschenkenntnis und ein großes Herz.“ Weil Mutter und Tochter beides besäßen, kämen Ensemble und Publikum gerne zu ihnen. Davon ist Schirmer überzeugt. „Das Theatercafé ist die gute Stube der WLB.“

Eigentlich wollte Athina nicht ins Restaurantgewerbe einsteigen, ebenso wenig wie ihre beiden Brüder: lange Arbeitstage, kaum Freizeit, das Privatleben kommt zu kurz. Heute arbeiten Filos Kinder alle in der Esslinger Gastronomie: Der ältere Sohn Nico führt das Hotel Zeller Zehnt, der jüngere Sohn Georgios das Restaurant Froschkönig in der Gartenstadt. Ihn unterstützt Mutter Filo hier und da. Aus dem Theatercafé hat sie sich ganz zurückgezogen, seit Tochter Athina dort vor vier Jahren die Geschäfte übernahm. „Das Theatercafé war immer meine große Liebe“, gesteht Athina. Doch lange Zeit sah es nicht danach aus, dass sie das Lokal jemals übernehmen würde. Mit 18 Jahren ging sie nach Griechenland zurück, lernte Erzieherin, weil ihr Vater das so wollte, und setzte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau oben drauf, weil sie das so wollte, heiratete und bekam zwei Söhne. 22 Jahre später kam die Finanzkrise dazwischen, zerstörte die griechische Wirtschaft und führte Athina mit ihrer Familie zurück nach Esslingen.

Athina ist schlanker als ihre Mutter, klein und drahtig. Mit ihrer herzlichen, fürsorglichen Art, die sich gleichzeitig in dezenter Zurückhaltung übt, stellt sie in kürzester Zeit Nähe her. Die Stammgäste bekommen ein Bussi. Sie erzählen der neuen Wirtin, dass sie genauso sei wie ihre Mutter. Trotzdem hat Athina einiges verändert. Die Wirtsstube zum Beispiel: Die Sitzgruppen aus dunklem Holz mit grünen Polstern sind in honiggelbes Licht getaucht. Kopfüber von der Decke baumeln getrocknete Peperonischoten, rote Zwiebel- und weiße Knoblauchknollen. Im Hintergrund spielt gedämpft griechische Musik. Athina meint, sie habe den Raum „heller und offener“ gestaltet. Die Dekoration verleiht ihm aber nach wie vor einen urig-gemütlichen Touch.

Auch die Speisekarte ist einer Generalüberholung nicht entgangen: Zwar konnten die griechischen Klassiker ihren Platz behaupten, zu ihnen haben sich aber leichte, mediterrane Speisen gesellt. Das Gyros konkurriert mit den Lammkoteletts, die frittierten Calamari-Ringe mit dem gegrillten Oktopus. Gemüse findet sich unter den Vorspeisen ebenso wie eine Seite Salate. Reingeschmeckt aus der deutschen Küche ist das panierte Schnitzel. Trollinger und Riesling aus Esslinger Weingärten bieten eine Alternative zu Retsina, Metaxa und Ouzo. Die Bestellungen der Gäste leiten Athina und ihre Mitarbeiter per Zuruf in die Küche weiter. Der kleine Raum ist vollgestopft mit Töpfen, Schüsseln und Brettern. Bratpfannen hängen kopfüber von einer Stange herab. Offener Grill, Backofen und Herd: Alle drei bollern gleichzeitig und heizen das Zimmer auf. Kisten voller Zucchini und Auberginen, Tomaten und Paprika stapeln sich auf der Treppe zum ersten Stock. Dazwischen arbeiten drei Köche Hand in Hand: Der eine bestreut die gegrillten Peperoni mit Gewürzen, die andere träufelt Öl darüber. Die fertigen Gerichte verschwinden durch eine Schiebeklappe in der Wand nach draußen.

Keine Lust zum Kochen

Das Cordon bleu zum Beispiel bekommt Florian Stamm. Der Schauspieler gehört seit vier Jahren zum WLB-Ensemble. Er ist einer der jüngeren Gäste, die Athina mit der Modernisierung für das Theatercafé gewinnen konnte. In der Probenpause nutze er ab und zu den Mittagstisch, sagt er. „Wenn ich gerade keine Zeit oder keine Lust zum Kochen habe.“ Abends nach der Aufführung geht er oft mit der Truppe rüber. Natürlich drehen sich die Gespräche dann weiter ums Theater: Lief die Vorstellung glatt durch? Gab es Patzer? Wie kam das Stück beim Publikum an? „Aber neben aller Manöverkritik kommen Themen wie Fußball und Urlaubsziele nicht zu kurz“, witzelt Stamm. Was ihn immer wieder ins Theatercafé zieht? Die „familiäre Atmosphäre“, die „herzliche Art der Gastgeberin“ und die „gegenseitige Wertschätzung“. Klingt fast wie Intendant Schirmers Lob für die Senior-Wirtin. Filo und Athina – zwei Generationen, zwei gastronomische Ansätze, gleichermaßen beliebt bei den Gästen.

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