Bachakademie-Chef Hans-Christoph Rademann Foto: Martin Förster - Martin Förster

Bachakademie-Chef Rademann hat die Aufführungspraxis zur Linie des Hauses erklärt. Dazu passte gar nicht, dass Vivaldis Gloria mit Verstärkung eines Patenchors aufgeführt wurde.

StuttgartMal wieder ein Beispiel für das gut Gemeinte als Gegenteil des Guten: Die Gaechinger Cantorey der Bachakademie nimmt seit September den von Thomas Kammel geleiteten Neuen Kammerchor Heidenheim als Patenchor unter ihre Fittiche – einen sehr großen und sehr guten Schulchor (letzteres zu hören in der schön gesungenen, aber neomodal öden Motette „Ave, generosa“ des 1978 geborenen Ola Gjeilo). Löblich also der fördernde Einsatz – aber völlig daneben das breite Trittbrett, auf dem die Profis den Nachwuchs ins bachakademische Abo-Konzert und in Vivaldis D-Dur-Gloria fahren ließen. Da steht dann im Stuttgarter Beethovensaal und tags zuvor im Ludwigsburger Forum eine vereinte vokale Hundertschaft auf der Bühne, die den Anspruch von Bachakademie-Chef Hans-Christoph Rademann zum Etikettenschwindel macht: barocke Musik mit originalen Klangmitteln aufzuführen. Die Folge ist ein merkwürdiger Wechsel von chorischer Slimfit-Gymnastik (in den nur von den Gaechingern gesungenen Passagen) und wattierter Hüllklangkurve. Im solistischen „Domine Deus“ wummern die Choreinwürfe wie in der Grand Opéra des 19. Jahrhunderts, und was Rademann aus dem Orchestersatz an artikulatorischem Feinschliff herausdirigiert, wirkt wie in die falsche Aufführung verirrt. Nee, für die Präsentation eines Patenchors braucht es andere Formate (oder zumindest ein anderes Repertoire).

Zähneknirschender Sünder

In Vivaldis doppelchörigem „Beatus vir“ waren Rademann und seine Gaechinger dann unter und bei sich – allerdings mit klanglichem Gefälle vom ersten zum zweiten Orchester (was die Stereo-Effekte denn doch beeinträchtigte). Ansonsten geriet die Plastizität der textgezeugten Klangfiguren vortrefflich: die bebenden Staccati im Kopfsatz (es geht um Gottesfurcht), die Chordramatik des „Paratum cor eius“, die blitzenden Figurationen und wütenden Tremoli des zähneknirschenden Sünders („Peccator videbit“), den Vivaldi in einer erzählerischen Bravour-Arie vernichtet. Wozu dem Tenorsolisten Benedikt Kristjánsson bei aller Geläufigkeit Drastik und Durchschlagskraft fehlten. Anna Lucia Richter brillierte als koloraturenreicher Sopranengel – manchmal mit stilfremden Soubrettenflügeln, immerhin vom Lamettaglitzern behutsam wieder in seriöse Passform zurückgefaltet. Anna Harvey sang gleich zwei Solo-Partien, den zweiten Sopran und den Alt. Die milde Tiefe liegt ihr besser. Die Bässe Kresimir Strazanac und Julián Millán: solid, aber mit begrenzter Stimmpotenz in „Potens in terra“. Der Chor formte in schlanker Klarheit das refrainartig wiederkehrende „Beatus vir“-Motto, steigerte sich in den komplexeren Sätzen zu elastischer Dynamik und triftiger Eloquenz.

Dirigentenlos von Konzertmeisterin Nadja Zwiener angeführt die Weihnachts-Concerti Corellis und Locatellis: mit ansprechendem Kontrast von Working-Bass-Temperament und Hirtenton bei Corelli, in Locatellis zur Passionstonart f-Moll abgedunkeltem Werk aber intonatorisch getrübt und unvermögend, den Klang zu bündeln.

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