Die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen kämpft von diesem Donnerstag an in Neu-Ulm um das Ticket für die Olympischen Spiele. Eine sehr wichtige Rolle im Team von Bundestrainer Markus Gaugisch spielt Julia Behnke von der TuS Metzingen – aus mehreren Gründen.
Julia Behnke hat schon einiges erlebt in ihre Handballkarriere. Doch sie musste 31 Jahre alt werden, um den ersten Titel mit einem deutschen Team zu gewinnen. Am zweiten März-Wochenende war das mit der TuS Metzingen in der Stuttgarter Porsche-Arena der Fall. „Phänomenal, unvergessen“ sei das gewesen, schwärmt sie auch noch knapp fünf Wochen nach dem Überraschungstriumph im Endspiel gegen die SG BBM Bietigheim vom DHB-Pokal-Sieg. „Diesen Titel nimmt mir keiner mehr“, sagt die zur besten Spielerin des Final-Four-Turniers gewählte Kreisläuferin voller Stolz.
Zwei Kracher und ein Außenseiter
Das alles gibt Julia Behnke – und auch ihrer Metzinger Nationalmannschaftskollegin Maren Weigel – viel Rückenwind für das nächste ganz besondere Ereignis. Von diesem Donnerstag an bis zum Sonntag geht es mit der deutschen Nationalmannschaft in Neu-Ulm um das Ticket für die Olympischen Spiele in Paris (26. Juli bis 11. August). „Bei Olympia dabei zu sein, das wäre die Erfüllung eines Lebenstraums, ein absolutes Karrierehighlight“, betont die Rechtshänderin.
Nach den jüngsten EM-Qualifikations-Spaziergängen gegen die Ukraine (43:21) sowie Israel (35:12 und 46:9) erwartet sie das krasse Gegenteil: Die ersten beiden Spiele gegen Slowenien (Donnerstag, 17.45 Uhr/Sport1) und Montenegro (Samstag, 14.15 Uhr/ARD) bezeichnet sie als „echte Kracher“. Paraguay, der Gegner zum Abschluss am Sonntag (13.30 Uhr/ARD), geht als krasser Außenseiter ins Rennen um die beiden zu vergebenen Olympia-Plätze.
Rücktritt vom Rücktritt
Dass Julia Behnke überhaupt wieder mit dem Bundesadler auf dem Nationaltrikot auf Torejagd geht, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Februar 2021 hatte sie gemeinsam mit Kim Naidzinavicius ihren Rücktritt verkündet. Den Fahrplan für die Weiterentwicklung des Teams vermisste das Duo. Mit der Philosophie, der Strategie unter dem damaligen Bundestrainer Henk Groener konnten sie sich nicht identifizieren. Nach zweieinhalb Jahren Pause feierte sie ihr Comeback unter dem neuen Coach Markus Gaugisch. Ob es schwierig war, sie zu überreden? Beim schwäbischen Nachfolger des Niederländers blitzt ein Lächeln auf: „Ich hatte das Gefühl, es war nicht allzu schwer. Wir waren uns sehr, sehr schnell einig.“
Für den 49-Jährigen nimmt die gebürtige Mannheimerin mit den 102 Länderspielen (192 Tore) eine Schlüsselrolle im Nationalteam ein. Auf und außerhalb des Feldes. Zumal der Einsatz der erfahrenen Spielmacherin Alina Grijseels (Sprunggelenksverletzung) fraglich ist. Gaugisch streicht Behnkes mutiges und aggressives Deckungsverhalten heraus, ihr Gefühl für die Lücken im Angriff und ihre gute Athletik, dank der sie 60 Minuten Vollgas geben kann. „Sie zeigt klare Kante und bringt viel Energie und Erfahrung in unser Team ein“, lobt der gebürtige Göppinger die Kreisläuferin.
Wertvolle Auslandsstationen
Erfahrung, die Julia Behnke auch auf ihren Auslandsstationen bei europäischen Spitzenclubs gesammelt hat. Nach ihrer Zeit in der Jugend bei der TSG Ketsch, bei der SG BBM Bietigheim (2011 bis 2014) und bei der TuS Metzingen (2014 bis 2019) gewann sie mit GK Rostow am Don 2020 die russische Meisterschaft und mit Ferencvaros Budapest in Ungarn 2021 die Meisterschaft sowie 2022 den Pokal.
Die Zeit im Ausland hat sie auf vielen Ebenen sehr stark weitergebracht. „Sportlich, weil dort hochprofessionelle Bedingungen herrschen und das Training auf Wettkampfniveau über die Bühne ging – und natürlich auch persönlich“, sagt Behnke im Rückblick. Sie musste fern der Heimat, in neuer Umgebung, in einer neuen Kultur, dem Druck standhalten und sich durchbeißen. „Wenn du bei solchen Weltklassevereinen nicht selbstbewusst auftrittst, gehst du unter“, ist sich Gaugisch sicher.
Letzte Medaille 2007
Von dieser Weiterentwicklung soll nun die Nationalmannschaft profitieren, die bei der WM 2023 auf Platz sechs landete. Und zwar kurzfristig mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele, mittelfristig mit Medaillen bei großen Turnieren. Die letzte Medaille für deutsche Handballfrauen gab es 2007 (WM-Bronze), die letzte Halbfinalteilnahme bei einem großen Turnier 2008 (EM-Vierter) und im selben Jahr in Peking auch die letzte Olympia-Teilnahme.
Was zur Weltspitze fehlt? „Die Skandinavier spielen seit Jahren in ihren Konstellationen zusammen. Die Führungsspielerinnen sind seit einer gefühlten Ewigkeit dabei und haben große internationale Erfahrung“, erklärt die 1,80 Meter große Julia Behnke, „Spielerinnen dieses Format besorgen eben immer das eine Tor, das uns zuletzt gefehlt hat.“
Sie hat das Zeug dazu, diese Frau für die entscheidenden Momente zu sein.
Olympia-Qualifikationsturnier in Neu-Ulm
Spielplan
Deutschland – Slowenien (Donnerstag, 11. April, 17.45 Uhr/Sport1), Montenegro – Paraguay (Donnerstag, 11. April, 20.15 Uhr). Deutschland – Montenegro (Samstag, 13. April, 14.15 Uhr/ARD), Slowenien – Paraguay (Samstag, 13. April, 16.45 Uhr). Paraguay – Deutschland (Sonntag, 14. April, 13.30 Uhr/ARD), Montenegro – Slowenien (Sonntag, 14. April, 16 Uhr).
Qualifikation
Zwei der vier Teams lösen das Ticket für die Olympischen Spiele in Paris (26. Juli bis 11. August 2024).
Tickets
Für alle drei Tage sind jeweils 4000 Karten verkauft. Die ratiopharm-Arena in Neu-Ulm fasst beim Quali-Turnier rund 4200 Zuschauer. (jüf)