Ein kongeniales Foto: Baumann - Baumann

Am Sonntag geht das Trainingslager des VfB Stuttgart in Spanien zu Ende – das erste unter Pellegrino Matarazzo. Der neue Trainer hat bislang gezeigt, warum er verpflichtet wurde.

MarbellaEr kommt mit langen Schritten. Der Oberkörper ist leicht gebeugt und die Arme weisen den Weg, wohin die Kugel rollen soll. Nach vorne, durch eine hohle Gasse zwischen den Abwehrspielern in den Strafraum hinein. Schnell und präzise soll das vonstatten gehen. So will es Pellegrino Matarazzo im Training sehen – und vor allem im Spiel. Das macht der Chefcoach des VfB Stuttgart bei jeder Übungseinheit während des Trainingslagers in Marbella deutlich. Mit klaren Ansagen, einer klaren Körpersprache und ebenso klaren Korrekturen. Doch nichts am Auftreten von Matarazzo wirkt übertrieben oder gekünstelt. Denn der 42-Jährige kann sich auch zurücknehmen. Als kritischer Beobachter steht er dann am Rande des Trainingsgeschehens, lässt Co-Trainer und Spieler machen. Wenig später hängen diese an seinen Lippen, wenn Matarazzo die gesamte Gruppe um sich versammelt, um ihnen auf der Taktiktafel oder der Videoleinwand aufzuzeigen, wo die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen.

Das passiert häufig noch auf dem Rasen. „Ich arbeite mit unterschiedlichen Mitteln und Methoden“, sagt Matarazzo, „sonst wird es den Spielern schnell langweilig.“ Keine Mannschaftssitzung soll länger als 15 Minuten dauern. Matarazzo lässt sich dabei filmen, da er selbst viel Rückmeldung erhalten will. Inhaltlich, aber ebenso was sein Auftreten vor dem Team betrifft. Der neue Chefcoach weiß, dass seine Ansprachen auf Anhieb sitzen müssen. Er hat vor der ersten Pflichtpartie des Jahres gegen den 1. FC Heidenheim (29. Januar) nur wenig Zeit – die Spieler beobachten ihn als Nobody genau. Auf dem Platz sind Matarazzos Analysen wesentlich kürzer als die akademische Viertelstunde und dienen als Impulse. Unter der Sonne Spaniens geht es viel um technisch-taktische Details, weniger um Konditionsaufbau. Pressing, Torsicherung, das Spiel im letzten Drittel. Das sind die Begrifflichkeiten, die seit Jahresbeginn mit dem Trainerwechsel beim VfB Einzug gehalten haben – und ein neuer Ton. „Nach Tim Walter würde man jeden Trainer hier als ruhig und besonnen wahrnehmen“, sagt Mario Gomez. Walter war extrovertiert, trat dominant auf. Die Verantwortlichen des Zweitligisten mussten hinter den Kulissen reichlich Energie aufwenden, um die Emotionalität des unmittelbar vor Weihnachten geschassten Trainers zu kontrollieren. Ohne die passenden Ergebnisse war dies zu viel an Ausbrüchen. Jetzt agiert der Gegenentwurf.

Menschlich beschreiben alle Stuttgarter während der Tage in Andalusien den Italoamerikaner Matarazzo als umgänglich, angenehm, höflich. Seine Anweisungen sind sachlich. Fußballerisch legt Sven Mislintat Wert darauf, dass der VfB mit dem Austausch des Trainers keinen Paradigmenwechsel vollzogen hat. „Wir werden in der zweiten Liga immer mehr den Ball haben als der Gegner. Deshalb brauchen wir klare Lösungen mit dem Ball am Fuß“, sagt der Sportdirektor. Mislintat gefällt, was er auf der gepflegten Anlage zwischen der Costa del Sol und der Sierra Blanca sieht. Matarazzos Akribie, sein auf Kommunikation und Empathie ausgerichteter Führungsstil. Der Chefcoach bindet seine Assistenten Rainer Widmayer und Michael Wimmer stark in die Alltagsarbeit ein. Er tauscht sich auch mit den Spielern viel aus, gewährt ihnen während der zehn Tage in Andalusien (die Planung geht noch auf Tim Walter zurück) Freiräume, um dem Lagerkoller im Mannschaftshotel La Quinta vorzubeugen. Aber Matarazzo stellt auch klar: „Am Ende treffe ich die Entscheidungen.“

Diese sollen vor allem einem Zweck dienen: dem Aufstieg. Das ist der Auftrag. Der Rest ist schön zu haben, aber im Grunde nur noch ein Nebenprodukt. Die Nachwuchsarbeit, der Spielstil, die öffentliche Wahrnehmung. Matarazzo soll helfen, das alles zu entwickeln. Er soll jedoch vor allem nicht das große Ziel gefährden. „Die zweite Liga ist eine knifflige Angelegenheit“, sagt der Trainer. Gerade in Stuttgart, wo sie sich seit Jahren auf Identitätssuche befinden und dabei eine Reihe von Trainern verschlissen haben. Als ein weiteres Experiment wird Matarazzo deshalb außerhalb des Vereins eingestuft. Es sei der Unerfahrenheit der sportlichen Leitung mit Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat geschuldet. Schon von Walters forschem Auftritt ließen sich Sportvorstand und Sportdirektor im vergangenen Sommer fehlleiten, weil sie sich ein frisches Gesicht mit hoher Fußballexpertise für den VfB wünschen. Nun also Pellegrino Matarazzo, der in New York Mathematik studiert hat und einen Fußball vermittelt, der an die Hoffenheimer Schule unter deren früheren Masterminds Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann angelehnt ist. Mit ihm rechnen sich die Stuttgarter viel aus.

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