Michael Jonas ist Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Deutsche Protestanten – das ist in der italienischen Hauptstadt, in direkter Nachbarschaft zum Vatikan, quasi die doppelte Diaspora.
Es sind die Außenseiter, die hier begraben sind. Die ersten Beerdigungen fanden Anfang des 18. Jahrhunderts noch vor der Cestius-Pyramide und damit außerhalb der Stadtmauer Roms auf nicht geweihtem Boden statt. Heute schlängelt sich dort der wuselige Verkehr der italienischen Hauptstadt vorbei, der Friedhof liegt seit 1821 hinter der Aurelianischen Mauer. Hier sind die Gräber des englischen Dichters John Keats, des Dichter-Sohns August von Goethe oder des Mitbegründers der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci. Auf dem Cimitero Acattolico finden Ausländer, aber auch Italiener ihre letzte Ruhe – sie alle eint: Sie sind nicht katholisch.
Die Gemeinde existiert seit 1819
„Der Friedhof zeigt auch so ein bisschen die Fremdheit der Protestanten in Rom“, sagt Michael Jonas. Er sitzt in der Herbstsonne auf einer Bank neben dem berühmten Keats-Grab, zu dem auch an diesem Tag immer wieder Touristen spazieren. Zypressen und Pinien geben dem kleinen, parkähnlichen Ort eine besondere Ruhe inmitten der hektischen Hauptstadt Italiens. Dass manche Besucher das nutzen, um hier ihr Vesper auszupacken und zu picknicken, passiere leider immer wieder, erzählt Jonas. Er ist Mitglied im Vorstand des nicht katholischen Friedhofs. Aber vor allem ist er seit fünf Jahren der Pfarrer einer ganz besonderen Gemeinde.
Zieht man eine Durchmesserlinie vom Friedhof zum anderen Ende der Stadtmauer, landet man an der evangelisch-lutherischen Christuskirche. Sie sei ein „freundlicher Begegnungsort für Gläubige aller Konfessionen; ein Raum, wo die Liebe regiert“, hatte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Kirche im vergangenen Sommer gesagt. Das Gebäude wurde 1922 eingeweiht, die Gemeinde existierte da schon ein weiteres Jahrhundert. 1819 wurde der erste evangelische Pfarrer von Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. nach Rom geschickt.
Touristen kommen in Notsituation
2018 wurde Michael Jonas aus Schramberg im Schwarzwald von der EKD nach Rom entsandt. Nachdem er, das ist ihm wichtig, aus drei vorgeschlagenen Kandidaten von der Gemeinde gewählt wurde. Eine protestantische und noch dazu deutschsprachige Gemeinde – mit diesen beiden Merkmalen lebt man in Rom, dem Herrschaftszentrum der katholischen Kirche, quasi in der doppelten Diaspora. „Aber genau das macht es spannend und interessant“, sagt Jonas. Seine Gemeinde hat ungefähr 500 Mitglieder, die meisten leben in Rom, zum Einzugsgebiet zählen aber die gesamte Region Lazio plus Umbrien und Sardinien.
„Das Kleinsein hat auch eine starke bindende Wirkung“, sagt Jonas. Dazu kommt eine weitere Besonderheit der Gemeinde. Viele Kirchgänger sind nicht lange in Rom, sie kommen – wie Jonas auch – wegen der Arbeit, werden entsandt, bleiben vielleicht zwei oder drei Jahre. „Muss man es schaffen, schnell Beziehungen aufzubauen und darf andererseits nicht gekränkt sein, wenn diese nach kurzer Zeit wieder enden“, erzählt der 47-Jährige. „Das musste ich erst lernen, weil ich von dem Gedanken geprägt bin, man muss Kirche kontinuierlich bauen, mit Substanz auf Jahrzehnte hin. Das ist hier gar nicht möglich.“ Es komme auch vor, dass er Touristen in Notsituationen, wie Krankheit oder einem plötzlichen Todesfall in seelsorgerischen, aber auch in praktischen Fragen begleitet. „In solchen extremen Leid- oder Notsituationen arbeitet man automatisch sehr schnell sehr eng und auf einer sehr persönlichen Ebene zusammen.“ Er sei dankbar, dass immer wieder neue Menschen den Weg in die Gemeinde finden. Jonas ist sich der Gratwanderung bewusst: „Ich muss es kommunikativ irgendwie schaffen, einladend zu sein, ohne die Leute zu bedrängen.“
Jonas ist nicht nur Seelsorger, sondern auch Repräsentant
Es gibt natürlich auch die langjährigen Mitglieder. Eine kleine Gemeinde in einer Millionenstadt zu sein sei sehr stabilisierend, sagt Jonas, die dauerhaft in Rom lebenden Gläubigen binde das sehr an die Gemeinde. Die sonntäglichen Gottesdienste gleichen oft einem Familientreffen. Michael Jonas begrüßt jeden am Eingang persönlich – und hinterher lädt er zu einem kleinen Umtrunk mit Wasser und Wein in den idyllischen Kirchgarten ein. Im Sommer wird dort alle zwei Wochen abends der Grill angeworfen. Jeder bringt etwas mit, sodass der Platz auf dem Büfett eng wird. Man trifft sich, man kennt sich, man plaudert. Und erlebt, was mit lebendiger Gemeinde gemeint sein kann. Wo jede und jeder willkommen ist, unabhängig von Taufbuch oder Kirchenmitgliedschaft. „Die Menschen sollen sich bei uns wohlfühlen“, sagt Pfarrer Jonas. Niemand muss das Gefühl haben: Wer einmal mitfeiert, muss gleich unterschreiben und Mitglied werden. „Dafür bin ich nicht der Typ. Ich finde es schwierig, wenn man als Pfarrer die Leute sofort zwangsverpflichtet.“
Die Aufgabe des deutschen Pfarrers in Rom ist es nicht nur, seine Gemeinde zusammenzuhalten. Er repräsentiert die evangelisch-lutherische Kirche auch nach außen. Neben der anderen lutherischen Gemeinde, der schwedischen, sind die Waldenser Gemeinde, die methodistischen und baptistischen Kirchen und die italienischen Protestanten im Dachverband der evangelischen Kirchen in Rom zusammengeschlossen.
Begegnungen mit dem Papst
Auch mit den vielen Ordensgemeinschaften, die in der Stadt angesiedelt sind, hat Jonas beruflich zu tun – und natürlich mit dem Vatikan. Vor allem zum Dikasterium für die Einheit der Christen mit Kardinal Koch an der Spitze bestehe eine regelmäßige und vertrauensvolle Beziehung, „und letztlich auch zu Papst Franziskus“, erzählt Jonas. Der habe eine starke Sensibilität für menschliche Kontakte und ein unglaubliches Personengedächtnis. Selbst wenn man sich oft nur wenige Minuten sehe, wisse der Papst, wer sein Gegenüber ist, und auch kurze Gespräche gingen durchaus in die Tiefe. Schön sei in Rom auch die Zusammenarbeit mit den benachbarten katholischen Gemeinden. „Zum Beispiel hatten wir letztens eine Pilgergruppe aus Sachsen hier, die zum Taizé-Treffen nach Rom gekommen war. Wir hatten nicht für alle einen Schlafplatz – da konnte ich problemlos bei meinem katholischen Nachbarpfarrer anfragen, und die Gäste kamen dort unter.“
Grundsätzlich ist die Entsendung der EKD nach Rom auf sechs Jahre ausgelegt, mit der Option, um drei Jahre zu verlängern. Was Michael Jonas in Anspruch nimmt. „Der Impuls dazu kam aus der Gemeinde, das ist mir sehr wichtig“, betont er. Sonst hätte er das nicht in Betracht gezogen.
Die Entsendung ist endlich
Jonas hat ein feines Gespür, nicht nur für Menschen, auch dafür, was angemessen ist. Diese einerseits herzliche, aber andererseits auch distanzierte Art scheint in der Christuskirche genau richtig zu sein. Etwas bescheidener Stolz klingt heraus, wenn Jonas erzählt, dass diese kleine, aber selbstbewusste Gemeinde seine Arbeit und auch seine Person so schätzt.
Trotz Verlängerung – die Entsendung ist endlich. Nach seiner Zeit in Rom will Jonas in seine Heimat zurück, in die Landeskirche Württemberg. Wohin genau, das weiß er noch nicht. „Das ist jetzt keine Schmeichelei, sondern ich fühle mich dorthin auch wirklich verbunden – und mein Schwäbischsein kann ich auch nicht verleugnen“, sagt er mit einem Lächeln. Es käme immer wieder einmal vor, dass Gruppen aus Norddeutschland, die seinen Gottesdienst besuchen, bemerkten: „Ihnen hört man aber auch an, dass Sie aus Baden-Württemberg kommen.“ Er bekomme im Ausland gespiegelt, dass er irgendwie nach Württemberg gehöre, „und das ist schon gut so“.
Er fühle sich in Rom sehr wohl, aber es sei nun nicht so, dass er sein Herz für immer an diese Stadt verloren habe. Dabei schätze er das italienische Leben, den Fokus, der hier auf der Gemeinschaft liegt; das einerseits emotionalere, auf der anderen Seite aber auch weniger verkniffene und lösungsorientierte Herangehen der Italiener an so vieles. „Das würde ich mir von Deutschland öfters wünschen“, sagt er. „Aber vielleicht kann ich ein bisschen was von diesem italienischen Sonnenschein im Herzen mitnehmen.“
Außenseiter oder Einheimischer?
Was er noch mitnehmen wird? „Ganz viel Mut im Umgang mit kleinen Zahlen“, sagt Michael Jonas. „Den Mehrheits- und Selbstverständlichkeitsgedanken von Kirche habe ich mir schnell abgewöhnt. Ich war ja durchaus so geprägt, dass es normal ist, evangelisch zu sein und auch, dass man eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat.“
Die immer weiter sinkende Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland mache ihn sehr unglücklich. „Aber ich kann hier lernen, dass Gemeinde nicht von Statistiken und Zahlen abhängig ist, sondern dass man auch mit wenigen Menschen und geringen Ressourcen sehr lebendige Gemeindearbeit machen kann.“ Die Kirche lebe von ihren Inhalten, nicht von ihren Zahlen.
Als „lebendig“ bezeichnet Michael Jonas auch den Friedhof, auf dem er an diesem Tag von seinem Leben als Pfarrer in Rom berichtet. Der Cimitero Acattolico sei eben nicht einfach eine Touristenattraktion, auch heute finden hier Beisetzungen statt. Ende September wurde hier der ehemalige Präsident der italienischen Republik, Giorgio Napolitano, beigesetzt. Außenseiter oder Einheimischer – die Trennung ist in Rom offenbar nicht einfach.