Tim Bengel in seinem Atelier in Esslingen-Berkheim. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Der Esslinger Künstler Tim Bengel baut in seinen Bildern auf Sand – mit riesigem Erfolg. Im Internet avancierte er zum Star, 2017 hatte er eine Ausstellung in New York.

EsslingenZarte 27 Jahre alt ist er. Zart? „Gefährlich“, grinst Tim Bengel, „für einen Künstler.“ Der berüchtigte Club 27 lässt grüßen, von Janis Joplin bis Amy Winehouse, von Jimi Hendrix bis Kurt Cobain. Alle starben sie mit 27, zugedröhnt mit Drogen. Und: Jean-Michel Basquiat, afroamerikanischer Künstler, 1988 einer Überdosis erlegen – 27-jährig, versteht sich. Heute gehen die Preise seiner Bilder durch die Decke. Welche Drogen Tim Bengel nimmt? „Kokoswasser.“ Nö, kein Mitgliedsantrag in den Club der toten Künstler. Nur ein bisschen Koketterie mit dem Pop-Abgrund. Bengels Überlebenschancen sind hoch, seine Preise trotzdem gestiegen – ohne verkaufsfördernden Drogendesperado-Mythos. Der Kunstmarkt kann zynisch sein, aber manchmal ist er eben doch nur: ein Markt. 30 000 Euro muss man für einen kleineren Bengel hinlegen, 60 000 für einen größeren – wenn man sich beeilt. Denn es könnte noch mehr drin sein, viel mehr.

Der junge Mann aus Esslingen, dem man mit seinem gekräuselten Schwarzhaar und dem legeren Nerd-Vollbart den Latin Lover ebenso abnehmen würde wie den Hauptdarsteller in einem Sandalenfilm, ist ein internationaler Kunststar. Aber er lässt das nicht raushängen: Angenehm zurückhaltend im Gespräch, sympathisch und allürenfrei kündet er in seinem Atelier in Esslingen-Berkheim von seinem Lebensweg – und wie dieser in die Erfolgsspur einbog. Manchmal blitzt durchtriebener Witz auf, eine Schalkhaftigkeit auf dem scharfen Grat zwischen Selbstironie und Selbstbewusstsein.

Eine Kunstakademie hat Tim Bengel nie besucht. Auch die Ochsentour durch Kleingalerien und Kunstmessen, wo einen „sowieso kaum noch was flasht“, hätte ihn so wenig zum Shootingstar gemacht wie andere Szene-Novizen. Geflasht haben vielmehr die Videoclips, die Bengel ab 2015 ins Internet stellte. Darauf zu sehen: Sand, der von einer Holz- oder Aluminium-Dibond-Platte abfällt und darauf ein Bild freigibt – Architektur-Veduten etwa, Porträts oder Pflanzen, die selbst mit Sand „gezeichnet“ sind. Bengel verwendet dafür – ähnlich wie einst Andy Warhol für seine Serigraphien – fotografische Vorlagen: gefundenes Bildmaterial, in jüngerer Zeit vermehrt eigene Aufnahmen. Auch weil er schon mal zu hören bekam, er kupfere nur fremde Fotos ab: nach 100 Jahren moderner Kunstgeschichte mit all ihren Samplings vorgefundener Objekte ein ziemlich ignoranter Vorwurf.

In der künstlerischen Arbeit selbst steckt bei Bengel eine ordentliche Portion redlichen Kunsthandwerks: „Ich habe keinen 3-D-Drucker im Keller, wie mir manche unterstellen“, sagt er. Bis in die letzten Tricks und Finessen will er sich nicht in seine Technik-Karten blicken lassen. Nur soviel: Mit freier Hand überträgt er die Proportionen der Vorlagen auf den Bildträger, mit dem Skalpell trägt er sorgsam und Korn für Korn den Sand auf die mit Industriekleber präparierte Grundlage auf. Schwarzen Sand für Gestalten und Gegenstände, weißen Sand für freie Flächen. Mit Blattgold adelt er die Schwarz-Weiß-Kontraste, setzt glänzende Akzente ins samtig anmutende, eine feingekörnte Harmonie ausstrahlende Bildwerk.

Und das Abschütteln des überschüssigen Sandes ist dann jener „Enthüllungsmoment“, ein pro Werk aktionskünstlerisches Unikat, ein schöpferischer Urknall, wo aus dem scheinbaren Nichts ein Etwas wird: das Bild. Ein Anti-Banksy-Effekt: Wo der große Unbekannte mit seinem bei der Londoner Auktion teilgeschredderten „Girl With Balloon“ die Zerstörung inszenierte, setzt Bengel die Entstehung in Szene. Aber die Banksy-Aktion findet er „cool, auch weil sie den Kunstmarkt kritisiert“. Wohl wissend, dass der Markt seine Subversion so gierig aufsaugt wie deren Gegenteil. Der Erfolg schließt beides in seine weiten Arme: Banksys Bild wird in der Stuttgarter Staatsgalerie gehypt, und Bengels Videoclip-Strategie bescherte ihm weltweit dank netztypischer Schneeballeffekte rund 500 Millionen Klicks. Er sieht das unumwunden als „Investment“, dem der monetäre Rückfluss folgen werde: „Wer ernten will, muss säen.“

Geerntet hat Tim Bengel bereits weit mehr als freundliche Selfies mit japanischen Touristen, die ihn auf dem Stuttgarter Schlossplatz erkannten. Die virtuellen Segnungen von Asien bis Esslingen bescheren dem real existierenden Künstler nicht nur leibhaftigen Ruhm, sondern dank eines US-Onlinemagazins, das seine Clips massenwirksam teilte, auch eine ganz unvirtuelle Ausstellung in der Kunstmetropole schlechthin: Die New Yorker Galerie von Philippe Hoerle-Guggenheim, einem Nachfahren des Gründers des berühmten Museums, präsentierte den Esslinger Künstler 2017 in einer Einzelausstellung. Das Echo war gigantisch. „Unter den Besuchern waren Kunststudenten, die von weither kamen, manche aus Lateinamerika“, schwärmt er. Dem Internet sei Dank – und doch will Bengel beileibe nicht nur als Netz-Artist gelten, erst recht nicht als virtuelles Phantom: „Ich bin eher der haptische Typ.“ Wenn er einem gegenübersitzt in seinem so gar nicht nach Online-Ortlosigkeit ausschauenden Berkheimer Atelier, die taktile Präsenz seiner Bilder im Blick, glaubt man ihm aufs Wort. „Die Leute sollen nicht nur in den Social Media surfen“, sagt er, „sondern auch in Galerien und Museen gehen. Erst durch die physische Erfahrung, zum Beispiel die Lichtwirkung in einer Location, werden Kunstwerke zu Kunst.“

Und das mit dem Ernten nach der Online-Saat bedeutet für ihn auch, dass ihm als „Real-Life-Kontakt“ nicht mehr genügt, wenn er gelegentlich angequatscht wird, ob er Tim Bengel sei. Da zieht er inzwischen die ungestörte Anonymität in seinem Atelier oder in seiner Esslinger Wohnung vor. Die Adresse kennen nur engste Freunde. Ohnehin führte ihn sein Aufstieg von den Social Media zum Social Life seit vergangenem Jahr in höhere Sphären. Ex-Torhüter Timo Hildebrand („inzwischen mein Kumpel“), prominente Schauspieler, die Fantastischen Vier, junge Hipster-Unternehmer: „Ich bin an krasse Leute rangekommen, das ist echt interessant“. Viele hat er porträtiert, nach einer Netflix-Anfrage sogar Barack Obama. Persönlich hat er den allerdings nicht kennengelernt – noch nicht.

Berührungsängste gegenüber der Kunst als Gesellschaftsspiel kennt Tim Bengel nicht. Warum auch? Seine Künstlerkollegen nehmen schließlich auch mit, was ihnen der Ruhm an Glanz und Glamour bietet. Dass man sich in ihnen besonders ungetrübt sonnt, wenn sich einem lange Zeit gar kein Ruhm geboten hat, ist nachvollziehbar. Sein Erfolg wurde Tim Bengel jedenfalls nicht an der Wiege in Nellingen gesungen. Mit drei Jahren zog die Familie nach Aichtal, später folgten etliche Schulwechsel – „Gymnasium, Realschule, dann Wirtschaftsgymnasium in Nürtingen“, dort immerhin ein erster Triumph in einem Schüler-Kunstwettbewerb: „Die anderen machten was mit Stiften und Pinseln, ich habe aus Trotz eine Collage eingereicht.“ Euromünzen klebte er auf eine Fläche, die aus den verschuldeten Euroländern verkehrt herum.

Der Klebstoff zeichnete möglicherweise die Spur voraus zu den späteren Sandbildern, aber die hehre Kunst hatte der Schülerpreisträger erst mal nicht auf der Lebensrechnung. Stattdessen landete er in einigen Sackgassen. Ausbildung zum Modeschneider bei Hugo Boss: „Stellte ich mir kreativer vor“. Duales Studium des Medizinmanagements in München: „Nach dem Theorieteil hatte ich keine Lust mehr auf die Praxis – bei 200 Euro im Monat.“ Kunstgeschichte und Philosophie an der Uni Tübingen: „Das erste Semester habe ich noch durchgezogen.“ Gleichzeitig begann sein Internet-Hype, Ambitionen auf einen Uni-Abschluss hat er abgelegt. Die Weiche zur glorreichen Bahn hatte bereits während des dualen Studiums ein Kommilitone gestellt: „Ey Tim, warum machste nicht Kunst?“

Machte er, aber ohne sperrigen Konzeptualismus: „Kunst sollte für jeden da sein, auch ohne Studium.“ Er verhehlt nicht, dass er fremdelt mit Akademien, intellektualisiertem Kuratorentum, der Großkritik – und sie wohl auch mit ihm. „Das ist ein Betrieb in sich und unter sich. Aber der bricht in den nächsten Jahren auf. Wir leben in der sich am schnellsten ändernden Zeit, und das wirkt sich auf die Kunst und ihre Wahrnehmung aus. Deshalb zeigt die Staatsgalerie ja auch Banksy. Weil die Leute auf Instagram und Co. selbst kuratieren, also selbst entscheiden, was sie gut finden.“ Große Worte, Zweifel bleiben. Wird da nicht das Widerständige und Unbequeme der Kunst dem Populismus preisgegeben? Bengel dreht den Spieß um, bei allem Erfolg sieht er sich immer noch als Rebell – und als verkannter Prophet im eigenen Land: „Wenn hier in Stuttgart oder Esslingen ein Künstler supergeile Sachen macht, dann warten die Kunstexperten erst mal ab, bis eine Bestätigung von außen kommt – wie bei mir aus den USA.“ Weil das so ist, hat er gegen die etablierten Kuratorenkartelle – oder was er dafür hält – die alternative Plattform „Kunscht“ mitgegründet. 14 junge Künstler aus Stuttgart und Umgebung sind dabei. Bengel selbst pflegt Kontakte zur Tech-Branche, will bei der Speerspitze von Digitalisierung und Kunst mitmischen. Unkritisch sieht er das nicht: „Wenn man sich nur von Klickzahlen blenden lässt, entstehen keine großen Visionen.“ Und darauf kommt es ihm an. Auf „Träume, Zukunft, Neugierde“. Deshalb will er auch nicht als Sandmann in die Ewigkeit der Kunstgeschichte eingehen, sondern denkt über seine Weiterentwicklung nach: „Ich habe große Ideen.“ Welche, verrät er nicht. Aber: Größe – ein Schlüsselwort für den Künstler, der sich einen „positiven Größenwahn“ bescheinigt. Apropos: Für Bengel ist Marcel Duchamps „Fountain“ von 1917 – ein handelsübliches Pissoir – das größte Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. „Aber das ist 100 Jahre her. Manche kommen trotzdem noch mit solchen Readymades daher.“ Bengel nicht. Für ihn ist es „heute viel mutiger, schöne Kunst zu machen“. Und unter der Voraussetzung „muss dann einer das größte Kunstwerk des 21. Jahrhunderts schaffen“. Wer, ist für Tim Bengel keine Frage.

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