Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Co-Präsident des Club of­ Rome Foto: Stotz - Stotz

In der Reihe „Talk im Econvent“ hat Ernst-Ulrich von Weizsäcker den Abschied von gewohnten Denkmustern gefordert und konkrete Wege zu einer nachhaltigen Welt aufgezeigt.

EsslingenSeit der Club of Rome im Jahr 1972 den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte und darin den Kollaps der Welt innerhalb von 50 Jahren prognostizierte, hat sich vieles geändert. Zwar ist der Zusammenbruch nicht eingetreten, doch der Wissenschaftler und Co-Präsident des Club of Rome Ernst-Ulrich von Weizsäcker sieht große Gefahren für den Erhalt einer lebenswerten Welt. In der Reihe „Talk im Econvent“ hat er am Montag den Abschied von gewohnten Denkmustern gefordert und konkrete Wege zu einer nachhaltigen Welt aufgezeigt.

Wenn es darum geht, Nachhaltigkeit sowie soziale, ökonomische und ökologische Generationengerechtigkeit als Handlungsmaxime zu erläutern, muss im großen Rahmen gedacht und der Bogen weit gespannt werden. Wie der Wissenschaftler, Hochschulrektor und Co-Präsident des Club of Rome Ernst-Ulrich von Weizsäcker im Gespräch mit dem EZ-Redakteur Adi Maier am Montag im „Talk im Econvent“ erklärte, ist ein den eigenen Beziehungsrahmen überschreitendes globales Denken nötig, um den Weg in das Scheitern der Menschheit zu wenden.

„Der Bericht zur Lage der Menschheit, den der Club of Rome 1972 veröffentlicht hatte, war in seiner Schlussfolgerung eindeutig und hat den kompletten Kollaps der Welt prognostiziert. Es wurde klar, wir sind auf Kollisionskurs und müssen uns ernsthaft Gedanken machen, wie es weitergeht, erinnerte von Weizsäcker.

Der Zusammenbruch sei nicht eingetreten, da sich die Technologien zur Gewinnung weiterer Ressourcen verfeinert hätten, was zu weiterem ungebremstem Wachstum der Erdbevölkerung und des Konsums geführt habe. Es müsse überdies hinzu gerechnet werden, dass durch die Entkoppelung des Kapitals von realen Gegenwerten der ökonomische Rahmen auf Umsatzrendite aus dem Kapitalfluss selbst oder durch die Produktion kurzlebiger Konsumgüter erweitert wurde.

„20 von 1000 Euro, die weltweit unterwegs sind, werden für Güter und Dienstleistungen verwendet, alles andere ist Spekulationsmasse, um mehr Rendite zu schaffen. Maschinen werden gebaut, damit sie kaputtgehen. Das alles geht auf Kosten der Ressourcen und der Umwelt. Und nun taucht in der Folge mit der Klimaveränderung der drohende Kollaps wieder auf“, mahnte von Weizsäcker und legte noch einige beunruhigende Zahlen obendrauf. „Betrachtet man alle Wirbeltiere auf der Erde, sind 30 Prozent davon Menschen, 67 Prozent sind Schlachttiere und nur noch drei Prozent sind Wildtiere. Das bedeutet ein gigantisches Artensterben, eine allein vom Menschen gemachte Ausrottung. Das bedeutet das Wort Anthropozän, es ist eine Zerstörungsmechanik, die alles andere wegdrängt“, stellte von Weizsäcker fest.

Dagegen gelte es anzugehen, nicht mit Moral, sondern mit konkreten Handlungsoptionen, wissenschaftlich unterlegt und nicht zuletzt ökonomisch attraktiv, und zwar jenseits von kurzfristigem Denken und blindem Vertrauen auf Wachstum. Die Menschheit verfüge über „genügend Wissen, die erforderlichen Veränderungen für den Erhalt der Welt zu schaffen“, fasste von Weizsäcker zusammen – ein Credo, das er gemeinsam mit dem weiteren Club of Rome-Präsidenten Anders Wijkmann in dem Bericht „Wir sind dran“ zwischen Buchdeckel gebracht hatte.

„Die Welt steckt in einer tiefen philosophischen Krise und wir handeln systematisch irrational“, sagte von Weizsäcker. So werde bei Weltklimagipfeln Richtungsweisendes beschlossen, in den einzelnen Ländern jedoch gefolgert „prima Sache, kostet aber einen Haufen Geld. Dafür brauchen wir erstmal mehr Wachstum. Wir sind also schon recht gut darin, die Symptome zu erkennen, aber in der Therapie sind wir komplette Idioten.“

Um die Zerstörung der Umwelt und damit der menschlichen Lebensgrundlagen zu stoppen, sei in der Politik und der Wirtschaft ein tief gehender Paradigmenwechsel notwendig. So gebe es diverse, noch ausbaufähige Modelle für ökologische Steuerreformen und wirkungsvolle Finanzmarktregulierungen. „Es gibt ein Fünffaches an Möglichkeiten, die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Wir vergeuden gigantische Mengen an Energie, weil sie nichts kostet. Wir brauchen also eine dramatische Effizienzsteigerung. Das ist eine ganz konkrete Maßnahme zugunsten der Enkelgeneration. Naturzerstörung darf nicht rentabler sein als nachhaltige Produktion. Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“, stellte von Weizsäcker fest. Der Kollaps könne vermieden werden, doch der Titel des Buchs habe eine doppelte Bedeutung. „Wir sind dran mit nachdenken und dann zu handeln. Wenn wir es nicht tun, sind wir dran.“

„Große Tiere, kleine Lichter“ heißt es am Montag, 15. Oktober, wenn der Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin ab 19.30 Uhr in der Reihe „Talk im Econvent“ zu Gast ist. Anmeldung unter info@ecoinn.de.

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