Auf den versprochenen Wertbon wartet man am Kassenautomaten vergeblich. Quelle: Unbekannt

Bevor man sich erleichtern kann, muss man einen Euro in den „rail & fresh“ -Kassenautomaten werfen. Der verspricht einen Rückzahlbon in Höhe von 50 Cent – ein falsches Versprechen.

PlochingenEin Euro für einmal Pinkeln – das ist ein gesalzener Preis und das Rückzahlversprechen, 50 Cent wieder einlösen zu können, hält zumindest der Plochinger Bahnhof nicht. Dort haben wir die „rail & fresh“-Toilette getestet.

Schnell noch auf die Toilette vor der nächsten S-Bahn. Der suchende Blick fällt auf ein gelbes WC-Schild, das in Richtung Busbahnhof weist, zum grauen Betonwürfel unter dessen Dach. Der zeigt sich aber mit dem Aushang „Geschlossen. Bitte benutzen Sie das WC im Bahnhofsgebäude“ wenig gastfreundlich. Also Kehrtwende und zurück; die Erlösung wartet an der Ecke des Bahnhofsgebäudes, eine Toilette mit Rampe, behindertengerecht und tatsächlich auch in Blau beschildert. Wer das „rail & fresh“-System kennt, hätte wahrscheinlich dessen Design erkannt; auf andere wirkt es eher wie eine Kühlhaustür. Am Automaten heißt es einen Euro einwerfen und einen Bon ziehen. Das kennt man von Autobahnraststätten, wo man dann meist gleich den Restwert für einen Kaffee investiert. „Mitnehmen und gleich eintauschen“, steht auch hier an dem Schlitz, der den Wertbon ausspucken soll. Was er nicht tut: Die WC-Tür schwingt auf, es rattert im Automaten, aber raus kommt nichts.

Immerhin: Die Toilette ist geräumig, auch ein Wickeltisch ist vorhanden. Die WC-Brille verfügt laut Nutzerhinweis an der Tür über eine automatische Reinigung, die nach jeder Benutzung vollzogen werde. Ein anderes Plakat rechtfertigt den Preis mit der „täglichen Reinigung, Pflege und Betreuung“ der Anlage. Allerdings klebt der Boden zu diesem Zeitpunkt so sehr, dass die Schuhsohlen auch nach Verlassen des WCs noch eine Weile laut schmatzen. Und der Seifenspender am Waschbecken ist leer.

Niemand will den Bon

Wir machen uns auf die Suche nach einer Möglichkeit, wo der Wertbon – so man einen bekommen hätte – einzulösen wäre. Fehlanzeige in der Bäckereifiliale, wo es heißt: „Die Toilette ist von der Bahn, das hat mit uns nichts zu tun“. Auch die Verkäuferin im kleinen Zeitschriften- und Buchladen schüttelt bedauernd den Kopf: „Das kann man hier gar nicht einlösen, nur in großen Bahnhöfen“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich find’s auch komisch.“ Beim Döner-Imbiss auch nur Kopfschütteln, allerdings darf man hier die Toilette nutzen. Es handle sich zwar nicht um eine öffentliche Toilette, erklärt der Mann im Imbiss. Aber man lasse die Leute schon aufs WC, wenn sie fragen und vorab 50 Cent an der Kasse bezahlen.

Am Bahnschalter bekommen wir dann die Bestätigung: Die nächste Einlöse-Möglichkeit sei am Bahnhof in Stuttgart. Damit sind die Anlaufstellen im Plochinger Bahnhof schon erschöpft, außer einer SB-Filiale und der leer stehenden Eck-Kneipe, kürzlich noch ein Burger-Restaurant, ist hier nichts mehr.

Auf unsere Nachfrage bestätigt die Pressestelle der Hering Sanikonzept GmbH, die die rail & fresh-WCs betreibt, dass sie in Plochingen bislang keinen Werbepartner habe. In solchen Fällen, „wenn wir weniger als zwei Partner an Bahnhöfen haben“, könne der Bon aber „an unseren Münzautomaten für den nächsten Toilettengang eingelöst werden.“ Hilfestellung dabei bekommen die Kunden am Automaten nicht, es bleibt rätselhaft, in welchen Schlitz man das Papier stecken muss: Da, wo es rausgekommen ist? Oder in den Geldschein- oder den Karteneingang? Ausprobieren können wir das nicht, denn auch beim zweiten Anlauf mehr als zwei Wochen später spuckt der Automat rein gar nichts aus. Unser Fazit: ein teurer Toilettengang, der längst nicht alle Versprechen hält.

Offen ist, ob sich die Toiletten-Situation im Zug des Programms „Bahnhofsmodernisierung II“ der Landesregierung ändern wird. Kurz vor Weihnachten wurde bekannt, dass Plochingen in dieses Förderprogramm aufgenommen ist. Konkrete Planungen gibt es aber noch nicht. Zunächst müsse im Frühjahr eine Rahmenvereinbarung zwischen Land und Bahn getroffen werden, erklärt eine Bahn-Pressesprecherin, dann gehe die Bahn auf die Kommunen zu und stimme „den Maßnahmenumfang und deren Finanzierung“ mit ihnen ab.

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