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Das Präsidiumsmitglied des VfB Stuttgart im Interview

StuttgartThomas Hitzlsperger, Präsidiumsmitglied und Nachwuchschef des VfB Stuttgart, blickt dem Heimspiel des Fußball-Bundesligisten gegen den FC Augsburg an diesem Samstag (15.30 Uhr) zuversichtlich entgegen. „Ich bin überzeugt, dass wir so viel Qualität haben, dass wir auch nächste Saison noch in der ersten Liga spielen“, sagt der 36-Jährige im Interview.

Herr Hitzlsperger, in der Nachwuchsarbeit des VfB Stuttgart gibt es wieder positive Tendenzen, andererseits steht der Club in der Bundesligatabelle auf Rang 18 – wie bewerten Sie als Präsidiumsmitglied des Vereins und Nachwuchschef diese Gesamtsituation?
Tendenziell positiv, weil ich vordergründig den Nachwuchs sehe, dafür bin ich als Direktor in erster Linie verantwortlich. Ziel unserer Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum ist es schließlich immer, Spieler auszubilden und in die Lizenzmannschaft zu überführen. Aktuell haben wir zwei U-19-Spieler und einen U-21-Spieler, die seit mehreren Wochen bei Markus Weinzierl mittrainieren. Dazu hatte Antonis Aidonis schon einen Bundesliga-Kurzeinsatz im Spiel in Nürnberg. Das sind erfreuliche Entwicklungen.

Was hat sich verändert zu den vergangenen Monaten und Jahren?
Es sind zuletzt auch deshalb weniger Spieler bei den Profis angekommen, weil es permanent Personalwechsel im Profibereich gegeben hat. Die Abstimmung zwischen Nachwuchs, Übergangsbereich und Profis hat darunter sehr gelitten. Das ist jetzt aber anders. Zusammen mit Sportvorstand Michael Reschke und Trainer Markus Weinzierl klappt es hervorragend, weil wir uns regelmäßig austauschen und die beiden unserem Nachwuchs große Beachtung schenken. Das erste Zwischenergebnis kann sich sehen lassen.

Die U 21 macht dennoch Sorgen, nicht nur wegen Tabellenplatz 14 in der Regionalliga. Schon zweimal hatte das Team kaum Ersatzspieler zur Verfügung.
Die U 21 hat ein wichtige Bedeutung für unseren Verein, weil sie den jungen Spielern Spielpraxis bieten kann. Die Mannschaft ist die Verbindung zwischen Jugend- und Männerfußball und dient dazu, möglichst viele Spieler für den Profifußball vorzubereiten. Wenn wir daher in Ausnahmefällen mit 13 Spielern antreten, werden wir nicht unruhig. Um so etwas zukünftig zu vermeiden, sind wir noch mehr gefordert, kurzfristig zu reagieren und entweder aus der Lizenzmannschaft oder der U 19 Spieler hinzuzunehmen. Es gibt den ein oder anderen Spieler, der sich in den letzten Monaten in der U 21 gut entwickelt hat. Deshalb können wir auch kurzfristig damit leben, dass wir auf einem Tabellenplatz stehen, auf dem wir dauerhaft natürlich nicht gerne stehen wollen.

Gibt es Pläne, den Kader in der Winterpause aufzustocken, um solche Engpässe zu vermeiden?
Es stehen in diesem Jahr noch zwei Spiele aus, dann setzen wir uns in Ruhe zusammen und schauen, wie wir die Rückrunde bestreiten. Dem möchte ich nicht vorgreifen. Es ist wichtig, dass wir in der Regionalliga bleiben, weil sie eine gute Liga ist, um die jungen Spieler weiterzuentwickeln.

Ist Ihr Bekenntnis zur U 21 über diese Saison hinaus gültig?
Absolut. Wir haben diese Entscheidung nach einem sehr intensiven und konstruktiven Prozess Anfang 2018 getroffen, und dazu stehen wir.

Diskutiert wird immer wieder die Frage: Wie viele Talente können oder müssen jährlich den Sprung in die Bundesliga schaffen? Was ist eine gute Quote – jedes Jahr ein Spieler? Alle zwei Jahre einer?
Auf eine Zahl will ich mich nicht festlegen, aber ja, in die genannte Richtung geht es. Das ist ambitioniert, aber muss unser Anspruch sein.

Zuletzt sind die beiden 17 Jahre jungen Antonis Aidonis und Leon Dajaku von den A-Junioren in den Fokus gerückt. Wie weit sind die beiden schon?
Sie sind auf einem guten Weg, aber noch längst keine Stammspieler in der Lizenzmannschaft – und genau das ist unser langfristiges Ziel. Es ist sensationell, wie Trainer Markus Weinzierl trotz der aktuellen Situation seiner Mannschaft den Nachwuchs berücksichtigt. Erst diese Woche habe ich mit ihm über die beiden Spieler gesprochen. Markus hat die nötige Geduld mit ihnen. Jetzt brauchen sie Trainingseinheiten, um sich an das Niveau zu gewöhnen. Und vielleicht erhalten sie irgendwann die Chance, ein Spiel von Beginn an in der Bundesliga zu bestreiten.

Wie beeinflusst Tabellenplatz 18 der Profis die Arbeit im Nachwuchsbereich?
Das betrifft uns alle im Verein, weil wir Anhänger des Clubs sind und diese Situation auf die Stimmung drückt. Ich habe hier im Verein verschiedene Funktionen, auch im Präsidium – daher ist es auch meine Aufgabe, in solchen Phasen Ruhe zu bewahren.

Wie ist es denn zu der Lage gekommen?
Der Saisonverlauf ist bestens bekannt. Entscheidend ist jetzt, wie wir mit dieser Situation umgehen. Und da ist es wichtig, dass wir intern Kritik äußern, wo sie angebracht ist. Darüber hinaus müssen wir Markus Weinzierl alle Unterstützung zukommen lassen, die er braucht, und zuletzt gilt es, die Ruhe zu bewahren und mit Überzeugung die Arbeit ausführen. Dann bin ich sicher, werden wir bald besser dastehen.

Besonders in der Kritik stehen vor der Partie an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den FC Augsburg die Routiniers wie Torjäger Mario Gomez und Kapitän Christian Gentner, mit denen Sie selbst noch zusammengespielt haben. Gibt es da eine Ebene, auf der Sie Einfluss nehmen?
Wir begegnen uns immer mal wieder, dann sprechen wir auch darüber. Ich weiß natürlich, was in den Jungs vorgeht. Die beiden wie auch die weiteren etablierten „Eigengewächse“ wie Andreas Beck, Jens Grahl, Daniel Didavi und Timo Baumgartl wissen besonders genau, um was es geht. Sie kennen die Bedeutung des Vereins für die Menschen in der Region. Deshalb ist es auch gut, dass sie da sind. Ich bin überzeugt, dass wir so viel Qualität haben, dass wir auch nächste Saison noch in der ersten Liga spielen.

Die Nationalelf hatte dieses Jahr auch viele Probleme. Sie haben als TV-Experte der ARD hautnah miterlebt, wie ihr Höhenflug bei der Weltmeisterschaft in Russland zu Ende ging. Ist Sie jetzt wieder auf einem guten Weg?
Die ersten Veränderungen sind sichtbar. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass viele gute Spieler da sind. Wenn Jogi (Bundestrainer Joachim Löw, Anm. d. Red.) jetzt das Personal verändert und zudem taktische Anpassungen vornimmt, dann wird es noch ein paar Spiele dauern, bis wir wieder erfolgreichen, attraktiven Fußball sehen werden.

Sie sind also optimistisch, dass der Umbruch gelingt?
Sehr optimistisch, aber es kann länger dauern. Der Bundestrainer muss die Spieler nominieren, die ihr Ego hintanstellen und alles für den Mannschaftserfolg investieren. Das Jahr war ein Wachrüttler.

Entscheidend wird ja sein, dass Joachim Löw bei den älteren Spielern Verständnis für eine neue Rolle wecken kann.
Er ist diesen Spielern gegenüber sehr loyal, sie haben große Verdienste. Wenn er feststellt, dass die nicht mehr das Feuer haben, dann wird er sich von ihnen lösen müssen. Da bin ich gespannt, wie er das hinbekommt und wie drastisch er das umsetzt. Ich schätze ihn sehr und glaube, dass er die richtigen Antworten findet.

Und das i-Tüpfelchen wäre dann ein junger Spieler vom VfB, der das Nationaltrikot trägt?
Stimmt, das wär’s. Vielleicht geben wir uns noch ein, zwei Jahre – ich würde nicht beim nächsten Länderspiel damit rechnen. Es waren zuletzt ja immer Ex-VfB-Spieler und in Mario Gomez bis zur WM ein aktueller VfB-Spieler dabei. Ich bin überzeugt, dass wir die Qualität haben, um immer wieder die Nationalmannschaft zu beliefern. Die Kunst wird es dann sein, diese Spieler auch bei uns zu behalten.

Das Interview führten Gerhard Pfisterer und Dirk Preiß.

Zur Person

Der 52-malige Nationalspieler (WM-Dritter 2006, EM-Zweiter 2008) trug von 2005 bis 2010 das Trikot des VfB Stuttgart. 2007 gewann er mit dem Club den Meistertitel. 2014 verkündete Hitzlsperger als erster prominenter deutscher Fußballer öffentlich, homosexuell zu sein.

2016 kehrte er in beratender Rolle zum VfB zurück und wurde 2017

ins Vereinspräsidium aufgenommen. Seit Februar ist er überdies Direktor des Nachwuchsleistungszentrums. Nebenbei fungiert der 36-Jährige als TV-Experte für die ARD und DFB-Botschafter für Vielfalt.

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