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„Er kann auf beiden Außenbahnen vorne und hinten spielen“, sagt VfB-Sportdirektor Sven Mislintat über die Perspektiven. Das bietet dem neuen Trainer Pellegrino Matarazzo weitere Optionen.

MarbellaZwei auffällige Tätowierungen zieren den Körper von Darko Churlinov. Ein mazedonischer Krieger auf dem linken Unterarm und ein Kicker auf der rechten Wade. Mit Maske und gestähltem Körper das eine Bild, sein sechs Jahre älterer Bruder Boris das andere – und beide Tattoos zusammen symbolisieren, was dem Neuzugang des VfB Stuttgart heilig ist: Familie, Fußball, Kampfgeist. „Ich gebe immer hundert Prozent“, sagt Churlinov. Ein Satz, den viele Talente gerne verwenden, wenn sie über ihre Motivation sprechen. Bei dem 19-Jährigen aus Nordmazedonien steckt jedoch mehr dahinter. Vor fünf Jahren kam er nach Deutschland. Allein und ohne die Sprache zu beherrschen. Nach Mecklenburg-Vorpommern verschlug es den Jungen aus Skopje, weil er nur eines wollte: Den Weg in den Profisport finden. Ein Bekannter vermittelte dem damals 14-jährigen Churlinov ein Probetraining in der Jugendabteilung von Hansa Rostock. Er durfte bleiben und wurde in einer Gastfamilie aufgenommen. Doch schon in der U 17 ging es weiter zum 1. FC Magdeburg, ehe sich der Stürmer vor dreieinhalb Jahren dem 1. FC Köln anschloss. Dort war er unter den A-Junioren der schnellste Spieler. Auch Churlinovs Technik ist gut und er bringt eine gehörige Portion Aggressivität mit – im positiven Sinne. Alles Elemente, die auch Sven Mislintat schätzt. „Er kann auf beiden Außenbahnen vorne und hinten spielen“, sagt der VfB-Sportdirektor über die Perspektiven. Das bietet dem neuen Trainer Pellegrino Matarazzo weitere Optionen. Churlinov selbst sieht sich in erster Linie als Linksaußen, der mit seinem starken rechten Fuß gerne nach innen zieht. Er sagt aber auch über seine Spielweise: „Ich bin ein Überall-Spieler.“

Wichtig ist der Nachwuchskraft, dass er überhaupt Einsätze in der zweiten Liga erhält, um in seiner Entwicklung weiter zu kommen („Ich kann mich noch überall verbessern.“). In Köln wähnte er sich in einer Sackgasse. Trotz ursprünglich guter Aussichten. Vor einem Jahr wurde Churlinov von der U 19 des Effzeh zu den Profis befördert. Er durfte mit ins Wintertrainingslager nach Mallorca. Auf der Baleareninsel gefiel er dem damaligen FC-Trainer Markus Anfang mit seinem Draufgängertum in Eins-gegen-eins-Situationen. Zu Beginn der Saison folgten gar die ersten Bundesligaminuten für die Rheinländer in der Partie beim VfL Wolfsburg. Churlinov wurde eingewechselt – und das Tor zur ersehnten Karriere schien weit offen. Doch anschließend purzelte der Angreifer aus dem Kader, durfte nur noch im U-21-Team in der Regionalliga (neun Spiele/sechs Tore) ran und der Frust vergrößerte sich. Letztlich zögerte der Nordmazedonier, seinen Vertrag zu verlängern, dann weigerte er sich, weiter in der Nachwuchsmannschaft aufzulaufen. Alles gute Zureden der FC-Manager Armin Veh und Horst Heldt half nichts. Churlinov wollte weg und die Zweifel bei den Kölnern über die charakterliche Eignung des Talents wuchsen. Der VfB sah in dem Spieler jedoch vor allem das Potenzial. Er ist kein typischer Spieler aus einer Nachwuchsakademie – angepasst und technisch-taktisch sauber ausgebildet. Vielmehr ist er es gewohnt, Widerstände zu überwinden, da er schon früh lernen musste, sich zu behaupten.

Für etwa 200 000 Euro haben die Stuttgarter Churlinov nun verpflichtet und mit einem Vertrag bis 2024 ausgestattet. „Es ist eine große Ehre für mich hier zu sein“, sagt Churlinov, der bereits als Knirps ein Trikot mit dem Brustring trug – mit dem Namenszug seines ersten Lieblingsspielers: Mario Gomez. „Das können Sie jetzt glauben oder nicht“, schmunzelt Churlinov, „aber Mario Gomez war mein erstes Vorbild, und er ist es immer noch.“ Weitaus mehr hat ihn jedoch sein Jugendidol Ronaldinho geprägt. Von dem Fußballkünstler schaute sich Churlinov gerne Videos an, als der Brasilianer noch für den FC Barcelona zauberte. Einige Tricks, die Ronaldinho gerne an der Außenlinie vollführte, hat sich das neue VfB-Talent abgeguckt. Sie will er am liebsten im voll besetzten Stuttgarter Stadion aufführen.

Es ist jedoch gut möglich, dass Churlinov mit seiner Geschwindigkeit und Zweikampfstärke gar nicht als Offensivkraft eingesetzt wird, sondern in der Defensive. Da die Außenverteidigerpositionen beim VfB nicht gerade üppig besetzt sind, wurde der Neuzugang in den ersten Trainingsspielen nach hinten versetzt. „Er spielt für sein junges Alter schon sehr robust“, sagt Mislintat und sieht – wie auf der rechten Seite bei Roberto Massimo – auch im Fall Churlinov die Option, ihn zum Außenverteidiger umzufunktionieren. Die Kriegermentalität dafür bringt Churlinov jedenfalls mit, und sein Bruder Boris, der ihn zum Fußball brachte und jetzt Forensik studiert, wird sicher nichts gegen diese Chance einzuwenden haben.

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