Im Foyer der Hochschule überrascht eine expressiv gebauchte hölzerne Wendeltreppe. Quelle: Unbekannt

Qualitativ braucht die Hochschule auf der Flandernhöhe den Vergleich mit Bauten Le Corbusiers nicht zu scheuen.

Von Dietrich Heißenbüttel

Am 25. Januar dieses Jahres haben der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger, Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid und der Geschäftsführer der Wohnbau Stadt Esslingen, Gunther Burmeister, den Vertrag unterschrieben: Land und Stadt tauschen Grundstücke, die Esslinger Hochschule zieht in die Weststadt. Damit ist das Schicksal der Gebäude auf der Flandernhöhe besiegelt: Sie werden abgerissen. 1972 bis 1979 wurde die Pädagogische Hochschule vom Staatlichen Hochbauamt II in Sichtbeton-Bauweise errichtet. Sichtbeton heißt auf französisch „beton brut“: daher der Begriff Brutalismus. Im Deutschen klingt das irgendwie brutal, scheinbar passend zum rohen Beton: Der Beton-Brutalismus ist nicht sehr beliebt. Ja, wenn es ein Werk von einem Architekturklassiker wie Le Corbusier wäre - aber wer interessiert sich schon für einen Bau des Staatlichen Hochbauamts?

Aleksandar Bede, Architekt aus Novi Sad, hätte sich wohl auch nicht für die Esslinger Hochschule interessiert, hätte ihm Vladimir Mitrović nicht eine neu erschienene Anthologie der modernen Architektur der serbischen Region Vojvodina mitgegeben, als er 2013 sein Stipendium an der Akademie Schloss Solitude antrat: Bestimmt war der Band für Sibin Djordjević und Milena Stanković Djordjević, die 1963 nach Stuttgart gezogen waren. Mitrović, Kurator des Museums für zeitgenössische Kunst der Vojvodina, war der Herausgeber des Buchs, in dem auch die älteren, seit 1953 entstandenen Bauten des Architektenpaars in Novi Sad und der serbischen Provinz enthalten sind. Als Bede, in Stuttgart angekommen, ihre Telefonnummer wählte, erfuhr er, dass Sibin wenige Tage zuvor verstorben war.

Sibin Djordjević kam 1926 im serbischen Dorf Vitkovo bei Kruševac zur Welt, seine Frau Milena 1924 in Brünn. Ihre Mutter war Tschechin, ihr Vater arbeitete als Eisenbahningenieur in Berlin, wo sie zweieinhalb Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Als Architekturstudenten in Belgrad lernten sie sich 1945 kennen. 1950 heirateten sie und bekamen eine Tochter. Drei Jahre später zogen sie nach Novi Sad, wo sofort ihre ersten Bauten entstanden. Zu jener Zeit befand sich in Ostberlin gerade die Stalinallee, später Karl-Marx-Allee, in Bau: eine repräsentative Prachtstraße, wie der Name besagt nach sowjetischem Vorbild in monumental-klassizistischem Stil. Jugoslawien distanzierte sich in jener Zeit vom Stalinismus. Die Stadt Novi Sad legte Wert auf ein modernes Erscheinungsbild, ganz auf der Höhe der Zeit. Deshalb erhielt Sibin Djordjević1954 als einziger jugoslawischer Architekt ein halbjähriges Stipendium für Frankreich, um neueste Tendenzen des Städtebaus kennenzulernen. Tonangebend: Le Corbusier.

Den Bauten der Djordjevićs ist das anzusehen: Mehrere Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungsgebäude, das Hotel Park, der Universitätscampus und das Bezirksrathaus prägen bis heute das Bild der serbischen Provinzhauptstadt, wenn sich auch nicht mehr alle in bestem Zustand befinden. Auch das Stadtzentrum von Kruševac geht zu großen Teilen auf ihre Pläne zurück. Aber sie wollten mehr von der Welt sehen. 1958 kam Milena, dreisprachig aufgewachsen, im Urlaub an der Kvarner-Bucht - heute Kroatien - mit einem sudetendeutschen Architektenpaar ins Gespräch. Dieses lebte in Stuttgart und verschaffte den beiden 1963 eine Anstellung am Staatlichen Hochbauamt Esslingen: So hieß es damals, obwohl es sich in der Dillmannstraße in Stuttgart befand.

Als sie ankamen, musste sich Milena die Frage anhören: „Warum arbeiten Sie - als Frau?“ Im sozialistischen Jugoslawien war es selbstverständlich, dass Frauen gleichberechtigt einer Berufstätigkeit nachgingen. Nicht so in Stuttgart. Sie erfuhr: „Hierzulande arbeiten die Frauen von Ingenieuren und Architekten nicht.“ Eine weitere Ironie der Geschichte: In Novi Sad ist der Name Djordjević bis heute bekannt, andernfalls wäre Aleksandar Bede niemals auf die beiden aufmerksam geworden. Dagegen nannte das Staatliche Hochbauamt in Stuttgart für seine Projekte nie die Namen einzelner Architekten. Deshalb sind Milena und Sibin Djordjević hier völlig unbekannt geblieben, obwohl sie vor allem im Landkreis Esslingen eine Reihe beachtlicher Bauwerke entwarfen.

In dem nun von Aleksandar Bede herausgegebenen Werkkatalog ist an erster Stelle die 1965 bis 1970 erbaute Staatliche Heimsonderschule für Schwerhörige, heute Johannes-Wagner-Schule für Hörgeschädigte, in Nürtingen genannt. Es folgt ein Neubau zum Esslinger Waisenheim, der bis heute unverändert auf dem Gelände des Theodor-Rothschild-Hauses steht: ein moderner Flachdach-Bau mit roten Ziegelwänden, breiten Fensterbändern und einer charakteristischen, dreifach getreppten südwestlichen Gebäudeecke. Später bauten sie unter anderem das Finanzamt von Schorndorf: ein flacher, kupferverkleideter Bau direkt neben dem Schloss. Für die Nürtinger Fachhochschule, heute Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, entwarfen sie die Neubauten am Campus Braike. Das Hauptwerk der Stuttgarter Zeit der Djordjevićsaber ist die Hochschule auf der Esslinger Flandernhöhe. „Viele sagten, dass die Hochschule von weitem aussieht wie die Akropolis“, erzählte Milena Stanković Djordjević dem Solitude-Stipendiaten Bede. Auf der „Esslinger Akropolis“, offiziell Pädagogische Hochschule, Fachhochschule für Sozialwesen und Seminar für Studienreferendare, lehrte der bedeutende Landeshistoriker und Stadtarchivar Otto Borst, bis die Pädagogische Hochschule 1984 geschlossen wurde und Borst eine Professur an der Universität Stuttgart bekam. Nach Fertigstellung der Gebäude zog 1979 auch der Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen der Fachhochschule für Technik hier ein, 1984 folgten Informatik und Nachrichtentechnik. So wuchsen die beiden Esslinger Fachhochschulen für Technik und Sozialwesen nach und nach zu einer einzigen zusammen.

Le Corbusier hätte seine Freude an dem Gebäude gehabt. Eine Treppe führt in rhythmischem Zickzack zum Hauptgebäude hinauf, dessen vier Obergeschosse auf Stahlbetonstützen hochgeständert sind, so dass im Foyer ein offener, heller Raum frei bleibt. Heute äußerlich verändert, zeichnete sich das regelmäßige Raster der Unterzüge ursprünglich in den langen, horizontalen Betonbändern ab: wie die Balkenköpfe am klassischen Tempel - daher „Akropolis“. Waagrechte Scheiben bestimmten, wie eine Zeichnung verdeutlicht, den Entwurf des gesamten Komplexes bis hinab zu den flachen, tiefer gelegenen Bauten der Mensa und des Seminars für Didaktik und Lehrerbildung. Es entsteht allerdings nicht der Eindruck eines gewaltigen Betongebäudes, sondern der einer Parklandschaft, über die sich die einzelnen Baukörper verteilen.

Dies hängt damit zusammen, wie die Gebäude in die Topografie des Geländes eingearbeitet sind. Dort, wo sich der Eingang zum Hauptgebäude befindet, steht der Bau bereits auf einem zweigeschossigen Sockel, der sowohl an der Stirnseite als auch durch große Fensterflächen an einem tiefen Innenhof an der Nordseite Tageslicht empfängt. Alle anderen Bauten sind tiefer gelegen und ragen jedenfalls nicht über das Niveau dieses Eingangsplateaus hinaus. So steht man nicht in Gebäudeschluchten, sondern der Blick schweift von einer schmalen vorgelagerten Terrasse rechts des Eingangs über die Landschaft hinweg: zu den kleinen Häuschen von Hegensberg und Liebersbronn auf der anderen Talseite, auf den Schurwaldkamm, bis hin zur Schwäbischen Alb. Die anderen Hochschulbauten fallen zunächst gar nicht ins Auge. Kein Wunder, dass sich diese Terrasse bei den Studierenden als Aufenthaltsort großer Beliebtheit erfreut.

Die Landschaft ist nicht nur das Gegenüber und das Terrain, in das die Bauten gebettet sind. Sie spiegelt sich auch in den großen Fensterflächen, die, von den horizontalen Betonbändern abgesehen, praktisch die gesamte Außenhaut bedecken. Dieses Spiel reflektiert nochmals die Malerei des Stuttgarter Künstlers Eckard Hauser an den Außenwänden der südseitig vorgelagerten Aula: Die sanften Hügel der Landschaft finden sich hier eingearbeitet in eine geometrische Komposition mit testbildartigen Streifen in Regenbogenfarben, blauem Himmel und weißen Wolken, die zugleich das Grau des Sichtbetons durchscheinen lässt. Der Kontrast zwischen Natur, Architektur und analysierender Wissenschaft ließe sich nicht besser ins Bild setzen. Zur Straßenseite hin hat der Künstler das Bild mit einem schräg gestellten Spiegel in die dritte Dimension erweitert.

Der Hochschulbau ist bis ins Detail sehr sorgsam durchgearbeitet. Sichtbeton heißt hier nicht etwa kahle Flächen, auf denen sich Schlieren und Feuchtigkeitsspuren zeigen: Schmale senkrechte Grate zieren die Stützen. An den Mauern und Außenwänden zeichnen sich die gemaserten Schalbretter ab. Filigrane Fenstersprossen gliedern die riesigen Scheiben. Im Foyer überrascht eine expressiv gebauchte hölzerne Wendeltreppe.

Kunst war immer ein integraler Bestandteil der Bauten der Djordjevićs. Vor dem Finanzamt in Schorndorf steht die abstrakte Brunnenskulptur „Armer Konrad“ von Frieder Stöckle. Als das Architektenpaar die Burg Hohenneuffen renovierte und dort ein Restaurant einrichtete, beauftragten sie ihren Freund, den Bildhauer Jovan Soldatović, mit einer Rehskulptur. Vor dem Wandbild an der Aula der Esslinger Hochschule steht eine Holz- und Eisenplastik des dreifachen Documenta-Teilnehmers Rudolf Hoflehner. Unten vor der Mensa reckt sich eine 4,50 Meter hohe schwarz-weiße Polyester-Skulptur von Horst Kuhnert in die Höhe.

Qualitativ braucht die Hochschule auf der Flandernhöhe den Vergleich mit Bauten Le Corbusiers nicht zu scheuen. Sibin Djordjević hat im Jahr 2000 noch einen Architekturpreis für sein Lebenswerk erhalten. Den Abriss der Hochschule muss nun auch Milena Stanković Djordjević nicht mehr miterleben. Sie starb im vergangenen Juni, kurz vor ihrem 91. Geburtstag. Aleksandar Bede gab sie den folgenden Rat: „Das wichtigste im Leben ist, sich keinen Kopf zu machen, das lohnt sich ganz und gar nicht.“

Aleksandar Bede: Als Paar für die Gesellschaft. Die Architektur von Sibin Djordjević und Milena Stanković Djordjević. Edition Solitude, Stuttgart. 106 Seiten. Erhältlich unter Tel. 0711/99619-0.

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