Als die Fotografin „Gott“ fragen wollte, ob sein Bild veröffentlicht werden dürfte, war er weg. Deswegen sieht er jetzt so aus. Foto: Barbara Thériault

In der Kolumne „Aufgespießt“ berichtet Johannes M. Fischer von einem kurzen Dialog über Gott. Über seine Präsenz und seine Abwesenheit. Es wird also fast philosophisch. Aber nur fast.

Esslingen - Ich hoffe, niemand wird mir folgenden Worte als Blasphemie auslegen. Und der Barmherzige möge mir verzeihen, dass ich so tue, als hätte ich ihn selbst gesehen.

Ja, das sitzt er. Gott. Er ist alt, gezeichnet vom Leben und hat überhaupt keinen Bart. Immerhin sind seine Haare weiß. Er ist da, wo er immer ist. Vor dem Hipstercafé, dem einzigen weit und breit. Natürlich hat das Café zu, die Stühle sind übereinander gestellt. Aber Gott, wie er aus irgendwelchen mysteriösen Gründen von der Stammkundschaft genannt wird, sitzt trotzdem da, auf dem obersten der übereinander gestellten Stühle. Ein Fels in der Brandung mitten in einer leer gefegten Stadt, mitten in dieser weltumspannenden Krise. Unerschütterlich.

Er wirkt wie eine maßlose Übertreibung, eine obszöne Übertretung, wie er da sitzt und in die Sonne blinzelt. So wie er es seit Jahren und Jahrzehnten an der immer gleichen Stelle tut. An jenem Tag etwa, als Menschen noch zusammenkamen. Es gab eine Demo. Da sah er aus wie ein Altlinker, der sich, in die Jahre gekommen, mal eben hinsetzen musste. Weit gefehlt. Der Zug zog weiter, Gott blieb sitzen. Weil es sein Platz ist. Seit jeher.

Ich habe Gott nicht selbst gesehen, das war eine dichterische Lüge. Auch den menschgewordenen Gott vor dem Café kenne ich nur aus der Erzählung einer Freundin, die allerdings eine sehr gute Erzählerin ist. Sie hat mir sogar ein Beweisfoto geschickt. Er existiert! Und es macht in diesen schweren Stunden doch Sinn, dass man über ihn spricht. Doch wird man mir glauben? Ich brauche das Bild als Beweis!

Also frage ich an, per Messenger: „Darf ich das Bild drucken?“

Antwort: „Soll ich zurückgehen und ihn fragen? Er ist vielleicht noch da.“

Ich: „Klar!“

Sie: „Ok.“

Und nach ein paar Minuten: „Er ist weg.“ (Trauriges Emoji).

„Tja“, antworte ich.

Es war ein kurzer Dialog über eine Gottheit. In dramatischen Zeiten sind Menschen ihr entweder ganz nah oder sie finden sie nicht mehr. Nicht länger als ein Vaterunser oder ein Ave Maria. Aber immerhin. Ein Gespräch. In einer einsamen Zeit.

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