Wo und was ist Familie?, fragt das Foto: Axel Wunsch - Axel Wunsch

Wie kann sozialer Zusammenhalt auch für die Einsamen und Ausgeschlossenen entstehen? Was ist Familie jenseits des Mutter-Vater-Kind-Schemas? Diese Fragen stellt das Citizen.Kane.Kollektiv mit seiner Video-Musik-Performance „Die Stille der Familie“ im Saal des Restaurants Friedenau im Stuttgarter Osten.

StuttgartWer oder was ist Familie? Im Kopf schwebt immer noch das ideologisch verklärte Leitbild der 50er-Jahre. Inzwischen aber gibt es verschiedene Modelle: Kinder, die als moderne Nomaden mit dem Rollkoffer von einem Elternteil zum anderen ziehen, können ein Lied davon singen. Familie im Wandel der Zeit, zeigt die Theatergruppe Citizen.Kane.Kollektiv im Saal der Friedenau. Das Traditionsrestaurant gilt als Wohnzimmer des Stuttgarter Ostens. Dort gibt es noch gelebte Gemeinschaft in Vereinen und im Ehrenamt, dort ist Raum für große Familienfeiern, dort klappert an langen Tischreihen das Besteck, während auf der Bühne die Kane-Familie eine realistische Version moderner Wahlverwandtschaft auffächert.

„Mikrotheater“ nennen die Akteure ihre Recherchen zu gesellschaftlichen Themen, deren Ergebnisse als Musik-Performance aufgeführt werden. Den Auftakt machte die verlassene Autostadt Stuttgart. Jetzt, in „Die Stille der Familie“, stehen in Christian Müllers Regie Menschen im Fokus, die in anderen Konstellationen als dem Vater-Mutter-Kind-Schema leben.

Als Eintrittskarte werden Namenskärtchen ausgegeben, die jeder auf seinen Platz stellt. Zum Auftakt ein fröhliches Prösterchen auf alle, die gekommen sind: Oma, Opa, neu Dazugekommene, Gestresste und Zuversichtliche. Alle wollen dazugehören und wissen hoffentlich, was es heißt, Teil der Gemeinschaft zu sein: klar zu kommen in einer Gesellschaft, die nicht immer die Hand schützend über Alte, Wohnungslose, Gehandicapte und Ausländer hält. Die Kane-Family gibt ihnen durch Videoporträts eine Stimme, macht sie sichtbar.

Da ist Frau Hild, die im Samariterstift Ostfildern wohnt. Sie findet es furchtbar, niemanden im Alter zu haben. Sie selbst hat Glück mit ihren Kindern, erzählt sie. Mahdi Hosseini lebt im Internationalen Wohnen der Stiftung Geißstraße 7 in Stuttgart. Das Projekt bietet all jenen Unterschlupf, die wegen ihrer Herkunft oder Lebenssituation keine Chance auf dem Wohnungsmarkt haben. „Schon schwierig so alleine“, findet es der junge Mann, der sich auf die Telefonate mit den Eltern am Wochenende freut. Patrick Pasetto hat einen Anker auf die Hand tätowiert – ein Zeichen für Familie. Verankert sein, zusammenhalten: So beschreibt der wohnungslose Jugendliche, den seine Mutter mit 18 auf die Straße gesetzt hat, den Traum vom glücklichen Leben.

Und dann trottet immer wieder Nele durchs Bild. Sie hat einen weißen Bart und man sieht ihr das Alter an. Die „Silberpfote“ ist im Seniorenhaus für Hunde im Tierheim Botnang untergebracht – einer von 80 000 Hunden in Deutschland, die 2016 im Tierheim abgegeben wurden. Tendenz steigend, genau wie bei den 96 000 Kindern und Jugendlichen und den 3,4 Millionen Alten und Pflegebedürftigen, die in Heimen leben.

Das Fundament des Zusammenlebens muss nicht in der Kernfamilie betoniert sein, das wird deutlich. Die Frage, ob „das Andere“ besser ist, bleibt offen. Auch bei Citizen Kane selbst ist es nicht Liebe, sondern es sind gesellschaftliches Interesse, politische Haltung und Solidarität, die die Schauspieler zu einer Gruppe zusammenschweißen.

Die Kleinfamilie als Auslaufmodell? Das vermittelt die Mixed-Media-Performance, die von Jonas Bolle, Jürgen Kärcher, Sarah Kempin, Simon Kubat, Andrea Leonetti und Christian Müller live mit Musik und Liedern begleitet wird. Leider ist der Sound so breiig, dass die durchdachten Texte akustisch nur sehr schwer zu verstehen sind. Sie handeln von breiten Schultern, grapschenden Vätern, von beziehungstechnischen Fluchttieren und vom Leben als Mysterium. Rap, Deutschpop, Techno oder auch Walzer verknüpfen die dokumentarischen Video-Geschichten musikalisch abwechslungsreich. Die Schauspieler weben mit ihren Musikinstrumenten immer wieder neue Klangbilder und singen schöne Lieder mit unbequemem Inhalt. Dann ist es aber mit dieser Familienfeier noch lange nicht vorbei. Pfefferminzlikör und Erdbeerlime sollen wie einst der Eierlikör das gegenseitige Kennenlernen erleichtern. Vielleicht entstehen ja neue Verbindungen?

Weitere Aufführungen: 31. Januar sowie 1. und 2. Februar, jeweils 20 Uhr.

www.citizenkane.de

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