Die großen Zeiten sind vorbei für die Diktatorengattinnen (von links): Christiane Roßbach als Margot Honecker, Sven Prietz als Dolmetscher Gottfried, Anke Schubert als Imelda Marcos und Paula Skorupa als Leila Ben Ali. Foto: Björn Klein - Björn Klein

Margot Honecker, Imelda Marcos, Leila Ben Ali: Drei Gattinnen abgesägter Diktatoren treffen sich und wollen ihre Lebensgeschichten verfilmen lassen. Bei Theresia Walser wird daraus eine Komödie der ignoranten bis zynischen Selbstgefälligkeiten und des lachhaften Aneinandervorbeiredens.

StuttgartEntschuldigen Sie, Frau Margot, aber ich dachte immer, man hätte Sie und Ihren Mann damals hingerichtet?“ Leila, tunesische Ex-Diktatoren-Gattin, verwechselt da etwas, nämlich die Honeckers mit den Ceausescus. Dolmetscher Gottfried übersetzt: „Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise, Frau Margot, Sie sehen sehr frisch aus.“ Margot hat für ihr Gegenüber so nette Kosenamen übrig wie „barbarische Beduinenschlampe“. Mit „Schlächterinnen“ habe sie sich jedenfalls noch nie abgegeben. Gottfried „übersetzt“ stattdessen ihr Lieblingsessen: Kartoffeln mit Quark.

In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser, der jüngsten Tochter Martin Walsers, die in den vergangenen 20 Jahren eine Menge vielgespielter und hochgelobter Stücke geschrieben hat, treffen drei Gattinnen entmachteter Diktatoren zusammen. Sie werden gemeinsam eine Pressekonferenz geben, denn ihre Lebensgeschichten sollen verfilmt werden: Imelda Marcos, Gattin des brutalen philippinischen Tyrannen, und Margot Honecker, deren Männer bereits das Zeitliche gesegnet haben, außerdem Leila Ben Ali, deren Gemahl vor „so einem grotesken holländischen Gericht“ wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ steht.

Was sich dann über 90 Minuten im Stuttgarter Schauspielhaus entspinnt, ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem stur aneinander vorbeigeredet wird – zum schenkelklopfenden Vergnügen des Publikums. Die drei Damen zeigen schnell, dass sie noch immer blind und taub sind gegenüber dem Leid, das ihre Männer mit ihrer Beteiligung angerichtet haben. Ein selbstgerechtes, zynisches Trio, das sich mit allen Mitteln gegenseitig an die Wand zu spielen sucht. Ihr, so Imelda, könne nur eine Oper gerecht werden: „Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Leben gesungen werden muss.“ Leila will ständig ihre Gedichte zum Besten geben, Margot erinnert sich melancholisch an Stalins Geburtstagspartys. Weil sich das Aneinandervorbeireden schnell totlaufen würde, hat Walser Sandkörner ins Getriebe der Selbstgefälligkeiten gestreut: in Gestalt von Gottfried, der zwischen den auf der Bühne zwar Deutsch redenden, aber eigentlich in verschiedenen Spachen parlierenden Damen falsch oder gar nicht hin- und herübersetzt. Es ist jedoch eine der großen Schwächen der Inszenierung des Stuttgarter Intendanten Burkhard C. Kosminski, dass nicht mal ansatzweise klar wird, was die Motivation dieses Falschübersetzers ist: Diplomatie? Dumm- oder Faulheit? Rache eines Ex-DDR-Bürgers? Sven Prietz spielt Gottfried eindimensional als gehetztes Jüngelchen. So richtig glauben mag man nicht, dass er in der Lage ist, die Chose gezielt zum Entgleisen zu bringen. Doch es gelingt: Erichs Urne, die Margot während der Pressekonferenz neben sich wissen wollte, geht zu Bruch und staubt die Bühne wolkenreich ein.

Die Inszenierung der Uraufführung von 2013 hat Kosminski aus Mannheim mitgebracht. Der brave Realismus auf Florian Ettis Bühne – Theatervorhang von hinten, Stühle, Rednerpult und Teewagen mit Kaffeetassen – wirkt nicht nur wegen Erichs Asche angestaubt. Und der Zynismus der Damen, der abgründig und doch ganz nebenbei das Alltagsgrauen der Diktaturen streift, wird überspielt. Etwa Margot: „Was kann ich dafür, wenn manche so blöd waren, über die Mauer zu klettern?“ Oder Imelda: „Bei uns sind Leute von jetzt auf gleich verschwunden. Und irgendwann hat man sie ohne Kopf gefunden. In der Oper sind das große Momente.“ Da müsste einem eigentlich das Lachen im Halse steckenbleiben. Es bleibt aber nur aus.

Der allzu locker gestrickten Komödie angemessen wäre ein Trio veritabler Rampensäue, das unter der lachhaften Oberfläche die ignorante Grausamkeit dieser arschig arroganten Gräuelhexen aufblitzen ließe. Aber Inszenierung und Ensemble bleiben blass und harmlos: Christiane Roßbach als Margot gleicht eher einer Loriot-Figur, Paula Skorupas Leila deren verzogener Tochter. Einzig Anke Schubert, deren Imelda etwas von einer Krawalloma aus der Stuttgarter Halbhöhenlage hat, lässt aus der völligen Verblendung ihrer Figur eine Ahnung von Monstrosität erwachsen: die Banalität des Bösen.

Die nächsten Vorstellungen: 29. und 30. November, 3., 9., 11, 18. und 31. Dezember, 5., 15., 16. und 30. Januar.

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