Nigrische Scharfschützen im Übungs-Gefecht. Ein deutscher Kampfschwimmer im Hintergrund bewertet ihre Leistung. Foto: Christoph Reisinger

Lange stand der Spezialkräfte-Einsatz der Bundeswehr in Niger im Schatten der viel größeren Missionen im Nachbarland Mali. Das ändert sich gerade. Wie Elite-Soldaten der Bundeswehr militärisch zur Stabilisierung des Sahel beitragen.

Niamey - Als erste eröffnen die Scharfschützen das Feuer. Zielen auf ein niedriges Gebäude, das sich in rund 500 Metern Entfernung in die spärlich bewachsene, sanft gewellte Landschaft nahe der nigrischen Stadt Tahoua duckt. Eine Gruppe von acht Elitesoldaten der nigrischen Spezialkräfte pirscht sich heran. Dringt in das Gebäude ein. Nimmt zwei Rebellen gefangen – um gleich darauf in einen Gegenangriff von Aufständischen zu geraten.

Spezialkräfteübung Black Dagger

So startet am vergangenen Donnerstag der letzte Teil der deutsch-nigrischen Spezialkräfteübung Black Dagger (Schwarzer Dolch). Deren Ziel: Eine nigrische Spezialkräfte-Kompanie, die in einem Feldlager bei Tahoua von deutschen Soldaten – im Kern von 14 Kampfschwimmern aus dem schleswig-holsteinischen Eckernförde – ausgebildet wird, soll sechs Tage lang zeigen, was sie kann. Mann für Mann, vor allem aber als Verband. Als eine der zwölf nigrischen Spezialeinheiten, die wirkungsvoll die Kreise islamistischer Terroristen und krimineller Milizen stören und einengen sollen.

Diese Gruppen sind in der riesigen Sahelzone im Begriff, ihre Kreise immer weiter auszudehnen. Von der dünnen Besiedlung ebenso begünstigt wie durch eine Vielzahl sich überlagernder innerstaatlicher Konflikte um Machtbeteiligung, Einkünfte, landwirtschaftliche Flächen und Wasser. Begünstigt auch durch die Durchlässigkeit der langen nationalen Grenzen und die extrem unwirtlichen Lebensbedingungen in den Wüsten und Halbwüsten des Sahel.

Unwirtlich sind an an diesem Tag auch die Übungsbedingungen. Steil steht die Mittagssonne über dem sandigen Gelände. Helme, Schutzwesten, Wasser lasten mit rund 20 Kilogramm auf den Männern. Das Thermometer zeigt mehr als 50 Grad. Die Vorgaben für die Übung halten die Männer fast permanent in Bewegung.

Brüllende Hitze am Tag

Es drückt Wertschätzung gegenüber den afrikanischen Partnern aus, aber es ist auch eine Folge dieser Bedingungen, warum die Bundeswehr bei diesem Einsatz auf ihre härtesten Kämpfer setzt – die Kampfschwimmer der Marine und auch auf Soldaten des Kommandos Spezialkräfte des Heeres aus Calw. Der Bundeswehr stehen bei Tahoua nur wenige feste Gebäude zur Verfügung, schlichte sanitäre Anlagen, Fitnessgeräte unter Blechdächern, eine Waschmaschine, ein Trockner für die Regenzeit. Wer nur für kurze Zeit zum Einsatzkontingent stößt, muss mit einem Schlafplatz im Zelt vorlieb nehmen – dessen Boden der Wüstensand bildet und in dem am Tag brüllende Hitze herrscht.

Der deutsche Spezialkräfte-Einsatz in Niger zur Ausbildung und Ertüchtigung der kampfkräftigsten nigrischen Einheiten stand lange tief im Schatten des viel größeren Bundeswehr-Engagements im benachbarten Mali. Jetzt aber rückt er in den Fokus, wenn es darum geht, wie Deutschland weiter zur Stabilisierung des Sahel beitragen will. Weil Frankreich – mit seiner rein nationalen Kampf-Operation Barkhane brachial im Sahel unterwegs – gerade angekündigt hat, seine Kräfte dort um 600 auf rund 5100 Soldaten aufzustocken und immer lauter nach europäischer, namentlich deutscher Entlastung ruft. Weil die Bundesregierung weiß, dass ihre Beteuerungen, weltweit mehr Verantwortung übernehmen zu wollen, nicht zuletzt daran gemessen wird, was Deutschland auch militärisch zur Stabilisierung des Sahel beiträgt.

Bundeswehr überprüft eigene Fähigkeiten

Im Übungsverlauf bekommen es die fiktiven Rebellen inzwischen unmittelbar mit der Bundeswehr zu tun: Im Tiefstflug schweben vier Leichte Unterstützungshubschrauber vom nagelneuen Typ LUH-145 über das Gefechtsfeld und setzen in gewaltigen Wolken aus Sand und Staub spezialisierte Fallschirmjäger ab. Nigrer und Deutsche fassen ihr Feuer zusammen – es faucht und raucht aus allen Rohren.

Die Bundeswehr nutzt Black Dagger auch zum Überprüfen ihrer eigenen Fähigkeiten: ob etwa die Einsatzgrundsätze der spezialisierten Kräfte stimmen oder wie gut der Transport der Hubschrauber in A400M-Transportflugzeugen aus dem bayerischen Lechfeld an den Südrand der Sahara funktioniert.

Was die Truppe da leistet, kommt auch deshalb ins Blickfeld: Der Einsatz in Niger ist sozusagen das Kontrastprogramm zum Mali-Einsatz. Mit weniger als 100 deutschen Soldaten und vorläufig ohne Bundestagsmandat umgesetzt. In Mali beteiligt sich die Bundeswehr mit bis zu 1300 Soldaten an den Operationen von UN und EU. Und während nicht nur in Deutschland die Fragen nach militärischem Aufwand und politischem Ertrag in Mali lauter werden, ist der Erfolg in Niger deutlich sichtbar: Die von den Deutschen ausgebildeten Einheiten haben im vergangenen Jahr in ihren Kampfeinsätzen im Dreiländereck zwischen Burkina Faso, Mali und Niger den Druck auf die Unruhestifter erhöht und dabei keinen Soldaten verloren.

Weshalb nicht nur Generalinspekteur Eberhard Zorn oder der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), inzwischen laut darüber nachdenken, ob Niger nicht zu einem Vorbild für andere Einsätze in der Region werden sollte. Deutsche Ausbilder beschreiben die Grundlagen des Erfolgs so: „Die Nigrer sind ausgesprochen motiviert und zuverlässig. Sie geben vor, was sie üben wollen. Sie bestimmen, welche Ausrüstung zum Einsatz kommt – auch wenn die von Deutschland bezahlt wird. Das läuft hier alles auf Augenhöhe.“ Der nigrische Hauptmann Lauweli Hamissou sagt: „Was wir hier von den Deutschen lernen, hilft uns wirklich im Kampf.“

Mitte Januar 90 Menschen ums Leben gekommen

Den entscheidet am Ende der Übung Black Dagger die deutsch-nigrische Truppe für sich. Zorn zeigt sich beeindruckt: „Da hat taktisch fast alles gepasst. Und die Nigrer haben ein wirklich hohes Niveau gezeigt.“

Das werden sie brauchen. Ein Rebellen-Überfall auf einen Posten der nigrischen Streitkräfte hat Mitte Januar fast 90 Soldaten das Leben gekostet. Die UN hat kürzlich darauf verwiesen, dass der Terrorismus islamistischer Gruppen im Sahel im vergangenen Jahr mehr als 400 Menschen getötet und inzwischen mehr als eine halbe Million auf die Flucht getrieben hat.

Nach einem raschen Ende des erst einmal bis Ende des Jahres geplanten deutschen Einsatzes in Niger sieht das nicht aus.