Einzelhändler wünschen sich in Einkaufsmeilen wie der Küferstraße mehr Unterstützung aus dem Rathaus. Foto: Archivfoto: Roberto Bulgrin - Archivfoto: Roberto Bulgrin

In drei Werkstattgesprächen der SPD haben Bürger, Geschäftsleute, Kulturschaffende und Vertreter von Verwaltung und gesellschaftlichen Gruppierungen Ideen die Innenstadt formuliert.

EsslingenDie Esslinger Innenstadt hat viel zu bieten, doch ihre Probleme sind unübersehbar. Weil alles irgendwie mit allem zusammenhängt, rät der Mannheimer Städteplaner Konrad Hummel, nicht nur an einzelnen Symptomen herumzudoktern, sondern ein Gesamtkonzept zu entwickeln, das mutig nach vorn denkt und die unterschiedlichen – und oftmals auch gegensätzlichen – Anliegen miteinander zu verbinden versucht. Für Hummel ist klar: „Ein bisschen Reparieren reicht für die Esslinger Innenstadt nicht aus. Mit ein paar Farbkübeln oder neuen Blumentöpfen wird sich an den grundsätzlichen Problemen nichts ändern. Gebraucht werden ein Gesamtkonzept und ein Moderator, der den vorhandenen Sachverstand aus den einzelnen Fachbereichen der Stadt zusammenführt.“ Um die Diskussion in Gang zu bringen, hat die Esslinger SPD zu drei Innenstadt-Werkstätten eingeladen, die verschiedene Aspekte beleuchtet haben. In einer Abschlussrunde wurde nun ein gemeinsamer Wunschzettel formuliert, der viele Ideen versammelt und auch deutlich gemacht hat, dass man dicke Bretter bohren muss, um die Esslinger Innenstadt voranzubringen.

Dass das bitter nötig ist, weiß die Geschäftsfrau und Künstlerin Andrea Menze aus langjähriger Erfahrung. Erst hat sie zusammen mit einigen Unverdrossenen versucht, im Oberen Metzgerbach etwas zum Positiven zu bewegen, nun betreibt sie ein Geschäft am Postmichelbrunnen. Und sie vermisst häufig die nötige Unterstützung: „Manche wollen etwas bewegen, doch sie stoßen rasch an bürokratische Grenzen. Wenn ich ein Bänkle vor meinen Laden stellen möchte, bekomme ich das entweder untersagt oder muss dafür bezahlen. Beides macht wenig Lust, sich zu engagieren.“ Da kann ihre Kollegin Christine Bradley nur beipflichten: „Ich wünsche mir von der Stadt mehr Vertrauen. Wir sind nicht mehr in den 80er-Jahren, als man die Innenstädte durch hässliche Aufsteller verschandelt hatte. Wir haben selbst das größte Interesse daran, etwas Stilvolles zu machen, weil wir nur so die Altstadt attraktiver machen können.“ Für Innenstadt-Bewohnerin Gabriele Hezinger-Schwerdtner ist klar: „Wenn man an der einen Ecke große Einzelhandelsflächen schafft und für Belebung sorgt, zieht man an der anderen Kaufkraft ab. Was wir brauchen, ist ein Langfrist-Konzept.“

Stadtplaner Konrad Hummel sieht das ebenso: „Unsere Welt hat sich erheblich verändert, und sie verändert sich rasant weiter. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Verkehr – vieles ist nicht mehr so, wie wir es gewohnt sind. Deshalb brauchen wir neue Antworten auf die Fragen der Zukunft. Das rettet man nicht mit ein paar zusätzlichen Events.“ Der Individualverkehr stoße immer unübersehbarer an seine Grenzen, bezahlbarer Wohnraum, der für eine gesunde Durchmischung der Innenstädte sorgt, sei viel zu knapp: „Wir müssen uns fragen, ob wir die Innenstadt im bisherigen Maß mit Handel und Gewerbe bespielen können. Sind die vorhandenen Flächen zu groß, führt das zu einem Rückgang der Qualität.“ Deshalb müsse man in Esslingen zum Beispiel darüber nachdenken, ob es beim Verbot bleibt, innenstädtische Geschäftsräume im Erdgeschoss in Wohnraum umzuwandeln. Weil kreative Ideen von Anwohnern, Geschäftsleuten oder Kultur häufig an bürokratische Grenzen stoßen, rät Hummel dazu, Experimentierfelder zu schaffen, die Freiräume bieten, um Neues auszuprobieren. Und er könnte sich eine kommunale Sanierungsgesellschaft vorstellen, die eigene Akzente bei einer gedeihlichen Entwicklung der City setzen könnte. Entscheidend ist für ihn jedoch: „Stadtverwaltung und Gemeinderat brauchen Mut, um dieses Thema anzugehen. Es gibt einfache Aufgaben, aber an dieser Herausforderung führt kein Weg vorbei.“ Die Wünsche und Ideen, die in den Innenstadt-Werkstätten formuliert worden waren (siehe unten), will die SPD nun als Steilvorlage für kommunalpolitische Initiativen nutzen. Werkstatt-Initiator Klaus Hummel: „In den nächsten Monaten muss etwas passieren – sonst kommen wir wieder.“

Wunschzettel für die Entwicklung der Innenstadt

In drei Werkstatt-Gesprächen haben Bürgerinnen, Bürger, Geschäftsleute, Kulturschaffende und Vertreter von Verwaltung und gesellschaftlichen Gruppen Ideen für die Zukunft der Esslinger Innenstadt zusammengetragen. Diese Themen standen ganz oben auf dem Wunschzettel:

Stadtökologie: Esslingen soll seine Nähe zum Wasser besser erlebbar machen, Frischluftschneisen erhalten und für eine bessere Durchlüftung der City sorgen. Gerade in der Sommerzeit werden vermehrt Stadtbrunnen, Trinkwasserspender und Berieselungsanlagen gewünscht, um das Stadtklima zu verbessern. Die Begrünung von Hauswänden soll forciert werden, und das Beispiel der „Stadtoase“, die im Sommer am Bahnhof stand, soll auch anderswo Schule machen.

Leben in der Innenstadt: Sauberkeit und Ordnung müssen erhalten und verbessert werden. Konsumfreie Orte besonders für Jugendliche und junge Erwachsene fehlen. Die Idee des Stadtstrands für junge Leute muss lebendig bleiben.

Mobilität: Esslingen soll einen elektrisch betriebenen kostenlosen Altstadt-Bus bekommen. Manche wünschen sich, dass in der Kiesstraße nur noch eine Fahrspur für Autos bleibt und dass eine zweite für Busse und Radfahrer reserviert wird. Andere fordern, dass Autos nicht komplett aus der Innenstadt verbannt werden dürfen. Für Autofahrer, die nur rasch etwas in einem Geschäft holen wollen, soll es eine „Brezeltaste“ für kostenloses Kurzzeit-Parken geben. Bei Baumaßnahmen soll die Stadt zunächst an Fußgänger und Radfahrer denken. Um die vielen Lieferfahrzeuge aus der Altstadt fernzuhalten, wünschen sich manche eine zentrale Abholstation am Rande der City.

Stadtentwicklung: Die Stadt soll ihre Grundstücke in der Innenstadt behalten und weitere hinzukaufen. Baugenossenschaften sollen noch stärker auf Aspekte des Gemeinwohls achten. Die Stadt soll selbst vermehrt Wohnraum schaffen und die Möglichkeit eröffnen, leer stehende Geschäftsräume im Erdgeschoss in Wohnungen umzuwandeln. Private Baugemeinschaften sollen besser unterstützt werden. Bei großen Bauprojekten sollen Architektenwettbewerbe häufiger bei der Suche nach der besten Lösung helfen. Für innovative Ideen – gerade im kulturellen Bereich – braucht es Experimentierräume. Weil die Probleme der Innenstadt nur im Zusammenwirken unterschiedlicher Bereiche wie Stadtplanung, Denkmalschutz, Ordnungswesen, Wirtschaftsförderung, Soziales, Kultur oder Architektur zu lösen sind, bedarf es eine Moderation, die alle Aspekte zusammenführt.

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