Seit 35 Jahren bringt Friedhelm Wiesmann eigene Sportwagen auf den Markt. Mittlerweile in Welden bei Augsburg, wo er Mitgesellschafter des Herstellers Boldmen ist. Zu Besuch bei einem der Letzten seiner Zunft.
Fragt sich nur noch, wer sich alles zu diesen mutigen Männern zählen darf – zu diesen Bold Men, auf die der Herstellername in Englisch verweist? Da wären die Herren Friedhelm Wiesmann und Harald Käs sowie dessen Sohn Michael, die sich im bayrisch-schwäbischen Welden vor zwei Jahren zusammengetan haben, um eine eigene Sportwagen-Manufaktur zu gründen. Vielleicht darf sich ja auch der Besucher zu diesen mutigen Männern zählen, nachdem der für einen Testlauf im Vorführer-Roadster der Marke Boldmen auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Es hätte einem schon verdächtig vorkommen können, wenn Friedhelm Wiesmann beim Start das Verdeck öffnet und sagt: „Ich glaube, wir müssen schnell fahren, um nicht nass zu werden.“ Kurvenreiche Landstraße (nass), 505 PS und ein ehemaliger Gokart-Europameister (1976) am Lenkrad. Damit ist alles zu dieser sportlichen Spritztour gesagt.
Guerilla-Marketing beim Tennisturnier
Friedhelm Wiesmann (69) hat es wieder geschafft, Eindruck zu machen. Darauf hat er sich vor 35 Jahren ja auch spezialisiert, nachdem ihm Mitte der 80er-Jahre die außergewöhnliche Idee einfällt, eigene Sportwagen herzustellen. Der Gedanke kommt nicht von ungefähr. Die Eltern betrieben im Münsterland ein Lancia-Autohaus. Zunächst aber setzt Friedhelm Wiesmann als Diplomkaufmann auf Kindermode, die sein Schwiegervater vertreibt. Wiesmanns Einfall vom Fabrikverkauf schlägt ein und macht den Plan von der eigenen Sportwagen-Marke finanziell realisierbar, der sich 1985 nach einem Besuch der Motor-Show in der Essener Grugahalle konkretisiert. „Dort präsentierten sich Kleinserienhersteller, deren Sportwagen aber eine miserable Detailqualität aufwiesen“, erzählt Friedhelm Wiesmann.
Er will es besser machen. Das technische Know-how bringt Friedhelm Wiesmanns Bruder Martin als Maschinenbauer in das Unternehmen ein. Er selbst ist für das Organisatorische zuständig. 1987 ist der Prototyp fertig, der erste Sportwagen der Marke Wiesmann. Jetzt geht die Arbeit erst richtig los. TÜV-Prüfungen zu insgesamt 330 sicherheitsrelevanten Punkten stehen vor der Zulassung. Mitarbeiter müssen eingestellt, Verträge mit Zuliefern geschlossen werden. Und irgendwie muss der Wiesmann-Sportwagen, der ein edles britisches Erscheinungsbild hat, auch auf dem Markt platziert werden. „Das ist genauso teuer wie die ganze Entwicklung“, sagt Friedhelm Wiesmann
Nachdem klassische Werbeanzeigen nicht so recht fruchten, entschließt sich Friedhelm Wiesmann seinen Sportwagen 1993 auf eine ganz besondere Weise bekannt zu machen. Guerilla-Marketing würde man heute dazu sagen. Das zu dieser Zeit in Deutschland boomende Tennis macht Wiesmann als passende Bühne aus. Genauer gesagt das Turnier am Hamburger Rothenbaum. Er schafft es seinen Wagen auf einem Parkplatz direkt vor dem Spielerhotel an der Außenalster zu platzieren. Und wie geplant zieht der Wiesmann-Roadster dort die Profis magnetisch an. Stars wie Andre Agassi, Michael Stich und Pete Sampras fahren Probe und werden dabei von den Promi-Fotografen geblitzt. Besser kann man das Produkt nicht ins Bild setzen. Und dann wird auch noch der Ukrainer Andrej Medvedev Markenbotschafter, der das Hamburger Turnier 1994 gewinnt.
Das Wiesmann-Geschäft brummt. Abzulesen an der 2008 eröffneten Zentrale im westfälischen Dülmen in Form eines Geckos, dem Markenzeichen. Dazu kommen 125 Mitarbeiter und jährlich 300 Aufträge. Es sind strategische Unstimmigkeiten über die die Wiesmann-Brüder die Lust am operativen Geschäft verlieren. Ein Geschäftsführer wird eingestellt, der für die spätere Insolvenz verantwortlich sein soll. Es folgt der Verkauf des Unternehmens, das bis heute Wiesmann heißt, seit 2015 aber einen britischen Besitzer hat. Ein neues Fahrzeug ist seitdem nicht mehr auf den Markt gekommen. Auch sonst ist nicht mehr viel übrig von den deutschen Sportwagen-Exoten, die Artega, Melkus oder Gumpert hießen.
Der Z4 bildet das Gerüst
Damit ist Boldmen so etwas wie die letzte klassische deutsche Sportwagen-Manufaktur. Dazu sind Friedhelm Wiesmann, der IT-Unternehmer Harald Käs und dessen Sohn Michael, einem KFZ-Meister, 2020 in Welden eine hochtourige Verbindung eingegangen. Harald und Michael Käs bauten zuvor BMW-Fahrzeuge in ganz spezielle Liebhaber-Stücke um. Auf Basis des Modells 135 E entstand ihr Everytimer, der allerdings keinen eigenen Herstellerstatus besaß.
Zusammen mit Friedhelm Wiesmann wurde ein neuer Sportwagen und der eigene Markennamen entwickelt: Boldmen. Motor, Elektronik und Unterbau stammen vom BMW Z4, der Rest wird selbst gefertigt. Dazu kommt die edle Ausführung, zu der eine lederüberzogene Innenausstattung gehört. Und die wird bei der Testfahrt auch nicht nass.
Die Marke Boldmen
Modelle
Als erstes Boldmen-Fahrzeug wurde im Sommer 2021 der Roadster CR 4 (408 PS) vorgestellt. Im Herbst 2022 folgte das um 92 PS stärkere Modell CR 4S. Beide Versionen haben eine Carbon-Karosserie und kosten zwischen 215 000 und 285 000 Euro.
Service
Jedes Modell ist in rund 450 Arbeitsstunden handgefertigt. Insgesamt wurden bisher 20 Exemplare angefertigt. Durch die eingesetzte Technik kann der technische Service von BMW-Werkstätten durchgeführt werden. sto