Wie lebt es sich im Kreis Böblingen? Der Kreis erhält zwar mit 6,12 Punkten über alle Orte und Kategorien hinweg ein besseres Ergebnis als die anderen Landkreise in der Region Stuttgart. Doch Landrat Roland Bernhard ist damit dennoch nicht ganz zufrieden.
Im groß angelegten Heimat-Check unserer Zeitung haben sich 3854 Menschen beteiligt. Sie haben ihren direkten Wohnort in 14 Kategorien bewertet – von Sauberkeit bis Seniorenfreundlichkeit. Heraus kam ein zwar kein repräsentatives Umfrageergebnis, aber doch ein aussagekräftiges Stimmungsbild über das Leben im Kreis Böblingen. Auffallend schlecht schnitt die Kategorie Immobilien ab: Sie erhielt von allen Bereichen das schwächste Ergebnis mit lediglich 3,95 von zehn möglichen Punkten. Ebenfalls Luft nach oben lassen die Themen Verkehr, Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung. Zufrieden zeigen sich die Teilnehmer mit dem Vereinsleben, der Sauberkeit und der Lebensqualität allgemein. Dies kann und muss vor allem die Politik interessieren. Zum Abschluss der Reihe äußert sich Landrat Roland Bernhard (parteilos).
Herr Bernhard, der Kreis Böblingen schneidet im Heimat-Check unserer Zeitung etwas besser ab als die anderen Landkreise der Region, erhält 6,12 von 10 möglichen Punkten. Zufrieden?
Mit diesem Ergebnis bin ich nur bedingt zufrieden. Unsere Ansprüche sind schon höher, da wir bessere Zeugnisse gewohnt sind. Dennoch ist der Heimat-Check ein hilfreiches Stimmungsbarometer. Die Menschen vor Ort haben ein feines Gespür, was gut läuft und wo eine Verbesserung notwendig ist.
Welche besseren Zeugnisse meinen Sie?
In der jüngsten Statistik des Prognos-Instituts über die Zukunftsfähigkeiten der Regionen in Deutschland sind wir auf Platz sechs von 400 Landkreisen in Deutschland gelandet. In Baden-Württemberg sogar auf Platz eins. Von daher hätten wir uns schon eine bessere Note gewünscht. Das Ergebnis ist daher Ansporn, eben noch besser zu werden. Wir saugen Honig aus dem Heimat-Check.
Der hohe Wohlstand im Kreis Böblingen hat seinen Preis: Bemängelt haben viele Teilnehmer die zu teuren Immobilien und zu wenig Kinderbetreuungsplätze. Was tun?
Da muss man unterscheiden: Wohnen und Kitaplätze sind zwei Paar Stiefel. Bei den Immobilienpreisen haben wir als Landkreis keinen Hebel. Klar ist: Wir brauchen mehr Wohnungen, die Bevölkerung wächst. Es ist erfreulich, dass wir bald die Marke von 400 000 Einwohnern knacken werden.
Wie kann der Landkreis hier eingreifen?
Es ist dringend nötig, die soziale Wohnraumförderung weiter voranzutreiben. Die Politik in Bund und Land hat dies zu lange versäumt. Obwohl dies keine klassische Aufgabe des Landkreises ist, beabsichtigen wir die Gründung einer kreisweiten Baugenossenschaft.
Es existiert bereits eine Kreisbaugenossenschaft, gibt es da nicht Überschneidungen?
Unser Vorhaben ist nicht zu verwechseln mit der bestehenden Kreisbaugenossenschaft. Stattdessen ist das für uns ein neuer Anlauf. Zusammen mit Privatleuten wollen wir kreiseigene Grundstücke einbringen in diese neue Gesellschaft. Auf dieser Basis wollen wir Projekte auf den Weg und neuen Wohnraum auf den Markt bringen.
Reden wir über den Notstand in der Kinderbetreuung.
Bei den Kitaplätzen stecken wir in einem Dilemma. Der Landkreis als Aufgabenträger der Jugendhilfe wird verklagt, wenn Familien ihren gesetzlichen Anspruch auf einen Kitaplatz nicht einlösen können. Der Landkreis hat aber keine eigenen Kitaplätze, sondern hat dies an die Kommunen übertragen.
Wie lässt sich das Dilemma auflösen?
Wir sind daran interessiert, über den Kita-Gipfel gemeinsam mit den Städten und Gemeinden eine Linderung des Problems zu erreichen. Hier steht bald der nächste Gipfel an. Der Kern des Problems ist ja bekannt: Es fehlt an Fachkräften. Die Personaldecke ist an vielen Orten zu kurz.
Außerdem fehlt es an Ärzten, obwohl der Landkreis enorme Summen in die Gesundheitsversorgung steckt. Wie erklärt sich der Widerspruch?
Der Landkreis ist zuständig für die stationäre Versorgung und investiert vor allem verbundweit rund eine Milliarde in die Krankenhaus-Landschaft. Mit dem neuen Medizinkonzept, das wir derzeit diskutieren, stellen wir die Krankenhausversorgung auf eine gute Basis für Zukunft.
Dem Mangel an niedergelassenen Ärzten wird man damit aber nicht Herr.
Dies zu bekämpfen ist nicht die originäre Aufgabe des Landkreises, sondern der Kassenärztlichen Vereinigung. Wir sehen die Problematik dennoch klar: Der Mangel an niedergelassenen Ärzten, insbesondere Kinderärzten ist riesengroß. Wir haben darauf keinen direkten Einfluss, aber geben unser Bestes, mit der Kreisärzteschaft und der Kassenärztlichen Vereinigung Lösungen auf den Weg zu bringen.
Wie könnten die aussehen?
Der Landkreis kann am ehesten darauf hinwirken, dass es für Praxen geeignete Räumlichkeiten gibt. Die junge Ärztegeneration hat ein anderes Verständnis von einer Work-Life-Balance: Hier besteht häufig nicht mehr der Wunsch, sich als Hausarzt niederzulassen wie in alten Zeiten. Die nachwachsende Generation will lieber angestellt sein, um Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen zu können.
Im Heimat-Check besonders gut bewertet werden Vereinsleben, Sauberkeit und Lebensqualität. Das lässt hoffen.
Das freut mich und es ist auch das, was ich mitbekomme, wenn ich bei den Menschen vor Ort bin. Ich erlebe ein blühendes Vereinsleben, das Ehrenamt ragt heraus. Die Menschen sind froh, dass sie im Landkreis Böblingen leben. Wie eingangs erwähnt: Wir wachsen in Richtung 400 000 Einwohner. Das Vereinsleben trägt zur Lebensqualität bei. Gerade in Zeiten der Verunsicherung, besinnen sich viele Menschen auf Werte wie Heimat und Familie. Viele sind in Feuerwehren, Kirchen, in der Kultur oder im Sport aktiv. Das ist ein großer Schatz und macht die Menschen zufrieden.
Der Schwabe an sich zeigt das ja nicht so gern.
Freilich, es wird immer gebruddelt, das liegt in der Natur der Schwaben. Doch ich glaube, dass die Bürger im Kreis Böblingen im Großen und Ganzen zufrieden sind. Allerdings nie so zufrieden, dass es nicht noch besser werden könnte.
Worum es beim Heimat-Check geht
Stimmungsbild
Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in den 26 Städten und Gemeinden im Kreis Böblingen erhoben. Im Zeitraum zwischen dem 10. Juni und dem 2. Juli konnten Teilnehmer online ihr Votum abgeben. Den Anspruch, eine repräsentative Umfrage zu sein, erhebt der Heimat-Check dabei ausdrücklich nicht.
Ergebnis
In 14 Kategorien haben wir während der Abstimmungsphase je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 10 (gut) beantwortet werden konnten. Auf den ersten drei Plätzen landeten über alle Orte hinweg die Kategorien Sport und Vereine (7,61), Sauberkeit (7,27) und Lebensqualität (7,06). Am schlechtesten bewertet wurden hingegen die Gastronomie (5,22), der Verkehr (5,22) und der Immobilienmarkt (3,95).