Uwe Hück (links), der Betriebsratsvorsitzende des Sportwagenherstellers Porsche, trifft Francois Botha (Südafrika) am 07.11.2015 bei der Charity Veranstaltung «Charity-Fights 2015 - Blaue Flecke für soziale Zwecke» in der MHP Arena in Ludwigsburg. Foto: Archivbild dpa

Herr Hück, lassen Sie uns über den Dieselskandal bei VW und seine Folgen sprechen.

Hück: Lieber nicht.

Wir können schlecht ein Interview mit dem Betriebsratschef von Porsche und Aufsichtsratsmitglied des VW-Konzerns führen, ohne über das Thema zu reden, das die Leute am meisten interessiert.

Hück: Die Diesel-Thematik ist ein einziges Ärgernis, für uns alle in dem großen Konzern, und daher rede ich darüber nur ungern. Punkt. Jetzt müssen wir den Mund abputzen und nach vorne schauen.

Dürfen Sie nicht mehr darüber reden?

Hück: Unsinn! Ich habe mich oft genug deutlich zu Diesel-Gate geäußert, und das bereue ich auch nicht. Aber es macht auch keinen Sinn, dass ich das noch fünf Mal wiederhole. Das ist jetzt für uns alle aus dem VW-Konzern die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.

Sie kennen VW-Konzernchef Matthias Müller aus gemeinsamen Jahren bei Porsche gut. Tut er Ihnen leid angesichts der Aufgabe als Aufräumer und Erneuerer, die er bei VW übernommen hat?

Hück: Überhaupt nicht! Er ist genau der Richtige für diesen Job. Und warum soll er mir leid tun? Mit einem Fußballprofi, der mit schmutzigen Beinen und einer zerrissenen Hose in die Kabine kommt, hat man auch kein Mitleid. Das ist sein Job, und dafür wird er auch gut bezahlt.

Die Autobranche steht vor einer epochalen Wende. Wie reagieren die deutschen Hersteller darauf?

Hück: Zu langsam. Und viel zu zögerlich. Angesichts der Herausforderungen sind Bedenkenträger jetzt fehl am Platz. Wir müssen aufhören, alles schlecht zu reden und ängstlich darauf zu starren, was die Zukunft bringt. Was wir jetzt brauchen, ist Mut und Unternehmergeist. Die Umstellung auf Elektroantrieb kostet Arbeitsplätze? Dann müssen wir halt die Fertigungstiefe erhöhen. Irgendwann werden die Autos Solarzellen etwa im Lack haben, die die Batterien während des Fahrens aufladen. Davon bin ich überzeugt. Warum bauen wir die nicht? Es gibt tausend Möglichkeiten. Wir müssen nur kreativ sein.

Wenn es nur so einfach wäre.

Hück: Ich erinnere mich an die 90er-Jahre, als die Japaner mit ihrer vollautomatisierten Fertigung kamen. Plötzlich hatten alle Angst vor menschenleeren Fabriken. Damals hieß es bei uns, das kostet Millionen von Arbeitsplätzen. Stattdessen haben wir heute in der Industrie trotz der Automatisierung mehr Arbeitsplätze, als wir jemals hatten. Wir müssen jetzt eine Aufbruchsstimmung erzeugen und nach vorne schauen. Wir haben keine Zeit mehr, rumzuheulen und uns selbst leid zu tun.

Wie rasch wird sich die Elektrifizierung der Autos durchsetzen?

Hück: In ein paar Jahren haben alle Hersteller konkurrenzfähige Stromautos. Aber die Verbrenner wird es noch viele, viele Jahre geben, schon deshalb, weil es für die Stromantriebe eine unheimlich aufwendige Infrastruktur braucht. In den hochindustrialisierten Nationen des Westens wird das nicht das Problem sein. Anderswo auf der Welt schon.

Wie lange wird es dauern, bis große Städte wie Peking, Moskau, London oder Paris Autos mit Verbrennungsmotoren gar nicht mehr hereinlassen?

Hück: Nicht mehr lange, da bin ich mir sicher. Fünf Jahre vielleicht.

Wäre das auch ein Modell für Stuttgart mit seiner Feinstaubbelastung?

Hück: Ja, natürlich. Das dauert noch ein bisschen länger als in Peking, aber auch in Stuttgart wird man eines Tages ohne Batterie nicht mehr reinkommen. Da braucht man dann zumindest ein Hybridfahrzeug, das in der Stadt mit Strom fährt und draußen mit Benzin. Das ist eine Aufgabe für unsere Ingenieure. Die müssen sich etwas einfallen lassen, wie man dem Feinstaub beikommt. So, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.

Ist ja alles andere als ein Ruhmesblatt, dass die Hersteller in der bekanntesten deutschen Autostadt nicht in der Lage sind, ein Problem zu lösen, das ihre Produkte mit verursachen, oder?

Hück: Das größte Problem beim Feinstaub in Stuttgart kann man nicht lösen, weil das die Kessellage Stuttgarts ist. Aber Sie haben recht. Wir müssen den Menschen helfen, indem wir die Autos mit einer Technik ausstatten, die solche Emissionen unterbindet.

Wie der Betriebsrat von Daimler setzen Sie sich dafür ein, dass am Standort Stuttgart eine Batterie-Fertigung errichtet wird. Wie weit ist Porsche da?

Hück: Unser Vorstandschef Oliver Blume hat deutlich gesagt, dass wir hier Batterien bauen wollen. Wir haben dazu Vereinbarungen getroffen. Ich gehe noch einen Schritt weiter und will auch die Entwicklung der Batteriezellen in Deutschland haben. Das kann aber Porsche nicht alleine. VW hat den ersten Schritt gemacht und will in Salzgitter etwas aufbauen. Die gesamte Autobranche in Deutschland und Europa muss gemeinsam dafür kämpfen, dass wir die Batteriezellentechnik hier haben. Batterien zusammenbauen kann jeder. Aber da geht es um die Hoheit der Batterietechnologie. Wenn wir die Milliarden, die die Autoindustrie erwirtschaftet, nicht in diese Technik investieren, wird uns China abhängen.

Übertreiben Sie jetzt nicht?

Hück: Schauen Sie sich an, wie es Kodak gegangen ist. Kodak war Weltmarktführer bei Fotoausrüstung und Filmen, ein Gigant. Weil sie es versäumt haben, ihre Gewinne in die digitale Technik zu investieren, ist das Unternehmen auf der Strecke geblieben. Das sollte uns eine Mahnung sein. Auch die Autoindustrie ist vor dem Kodak-Syndrom nicht gefeit. Wir müssen endlich raus aus der Dunkelkammer.

Porsche wird den Elektrosportwagen Mission E in Stuttgart bauen und viel Geld in das Projekt investieren. Noch tut man sich schwer mit der Vorstellung, dass der klassische Porsche-Fahrer künftig auf ein strombetriebenes Auto abfährt.

Hück: Warum soll so ein Auto keinen Spaß machen? Elektromotoren haben ein gewaltiges Drehmoment, das wird sich gerade auf das Anfahren und den Durchzug auswirken. Und auch auf den typischen Porsche-Sound wird niemand verzichten müssen …

. . . der künstlich erzeugt wird . . .

Hück: . . der synthetisch-elektrisch sein wird, wie beim 919 Hybrid. Wir brauchen Sportwagen, die umweltverträglich sind. Das ist Porsches Zukunft.
Auch der Gedanke an das autonome Fahren elektrisiert Porsche-Fahrer eher nicht.

Hück: Ferry Porsche hat einmal gesagt: Das letzte Auto, das auf dieser Welt gebaut wird, wird ein Sportwagen sein. Ich möchte hinzufügen: Die letzten Autos, die noch Lenkräder haben werden, werden Porsches sein. Aber auch ein Porsche-Fahrer geht mal einen Kaffee trinken. Künftig wird es so sein, dass man dann vor dem Café aussteigt, und sein Auto fährt schließlich alleine in die nächste Tiefgarage.

Das Interview führte Gerd Schneider.

Ein bewegtes Leben

Person: Uwe Hück wurde – wahrscheinlich am 22. Mai 1962 – als Waise in Stuttgart geboren und wuchs im Kinderheim auf. Er besuchte eine Sonderschule und wechselte zur Hauptschule, wo er zwei Klassen übersprang. 1977 machte er eine Lackierer-Lehre, 1985 fing er bei Porsche an. In seiner Freizeit schlug sich Hück als Thaiboxer durch. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, zwei davon sind adoptiert.

Karriere: Seit 1990 engagiert sich Hück im Betriebsrat. Seit 2003 ist er Vorsitzender des Konzernbetriebsrats der Porsche AG. Zugleich ist er stellvertretender Aufsichtsratvorsitzender der Porsche AG. Seit 1. Januar 2015 gehört er auch dem VW-Aufsichtsrat an.

Engagement: Hück unterstützt zahlreiche Stiftungen und Einrichtungen der Jugendhilfe. Die „Lernstiftung Hück“, die er vor zwei Jahren gründete, bietet Ausbildungs und Integrationsprojekte für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche an. Immer wieder tritt er zu Prominenten-Boxduellen an, deren Erlöse seiner Stiftung zukommen.

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