Foto: Gaby Weiß

Die Entscheidung über den künftigen Standort der Esslinger Stadtbücherei rückt näher. Unser Redakteur Alexander Maier warnt in seinem Kommentar vor falschen Hoffnungen.

EsslingenEine weitere Beratungsrunde zur künftigen Esslinger Bücherei ist gelaufen, und wieder haben die Stadträte hinter verschlossenen Tü­ren diskutiert. Im Rathaus sieht man die Bücherei als „Dritten Ort“ neben Wohnung und Arbeitsplatz. Doch die Erkenntnis, dass die Bürger das „Wohnzimmer der Stadtgesellschaft“ mitgestalten wollen, hat sich noch nicht durchgesetzt. Es geht nicht nur darum, ob die Wände zartgrün oder lieber fliederfarben gestrichen werden – Bürgerbeteiligung für einen „Dritten Ort“ beginnt bei der Standortentscheidung. Dazu würden viele Esslinger gerne etwas sagen.

Dass die Verwaltungsspitze auf Ratschläge der Bürger großzügig verzichtet, ist nicht neu. Unterdessen versuchen die Ratsfraktionen, die Bürger mit Informationsveranstaltungen stärker einzubeziehen. Moderne Bibliotheken wie die in Aarhus oder Hanau wurden bei CDU und Freien Wählern präsentiert. Die Zuhörer sahen weitläufige und hohe Räume, und irgendwie schwang die Erwartung mit, dass so etwas auch in Esslingen entsteht – natürlich nur in einem Neubau. Tatsächlich haben beide Abende gezeigt, was Esslingen auch in einem Neubau sicher nicht bekommen würde. Wer’s nicht glaubt, sollte das Areal zwischen Küferstraße und Kupfergasse anschauen, wo manche den idealen Standort für eine Bibliothek sehen – im Hinterhof. Deshalb ist es nur vernünftig, wenn die SPD Anfang Juni dorthin zum Lokaltermin bittet. So kann sich jeder selbst ein Bild machen. Und wer es noch genauer wissen will, sollte die Grundrisse beider Standorte neben- oder übereinander legen und dann selbst urteilen, welcher mehr Flexibilität zulässt.

Die Standort-Wahl wird auch zeigen, welchen Stellenwert die Stadt ihrer Bibliothek beimisst. Der Bebenhäuser Pfleghof mag nicht perfekt sein, aber er zählt zu den bedeutendsten Gebäuden der Stadt. Er garantiert Atmosphäre – das ist immerhin die zweitwichtigste Anforderung, die Nutzer an eine Bibliothek haben. Und er wäre nach der Erweiterung entlang von Heu- und Webergasse mit jeweils rund 30 Metern im öffentlichen Raum präsent. An der Küferstraße könnte eine neue Bibliothek maximal zwölf Meter Vorderfront zeigen, an der Kupfergasse 16 Meter. Mehr lässt die Baulücke nicht zu. Und dann hieße es für eine neue Bibliothek, die wohl nicht erheblich mehr Platz bieten würde: „Bei uns lesen Sie in der zweiten Reihe.“

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