Das Festspielhaus in Bayreuth muss saniert werden. Foto: dpa/Daniel Karmann

Nach den vielen Katastrophen des Jahres 2020 wollen die Wagner-Festspiele durchstarten: Erstmals bieten sie ein umfangreiches Open-Air-Programm, und sogar Andris Nelsons kommt als Dirigent zurück.

Bayreuth - Auf dem Grünen Hügel kam 2020 viel zusammen. Die Festspielleiterin Katharina Wagner erkrankte an einer Lungenembolie und lag mehrere Wochen im Koma. Die Verlängerung von Christian Thielemanns Vertrag als Chefdirigent der Wagner-Festspiele, der nach mittlerweile zwei Jahrzehnten Ende 2020 auslaufen sollte, hing ebenso in der Luft wie die Nachfolge des geschassten Geschäftsführers Holger von Berg.

Obendrein kam Corona. Die Wagner-Festspiele mussten ausfallen, der geplante neue „Ring“, den der nicht unumstrittene Jungregisseur Valentin Schwarz inszenieren soll, musste auf 2022 verschoben werden, und mit den Ticketerlösen fehlten 65 Prozent des Umsatzes. Die Folge: Die Gesellschafter der Festspiel-GmbH, also die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern, die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth (zu je 29 Prozent) sowie die Stadt Bayreuth (13 Prozent), müssen 2021 tiefer in die Tasche langen.

Das liegt auch daran, dass man für den kommenden Sommer coronabedingt zurzeit nur mit einer reduzierten Auslastung des 2000 Plätze fassenden Festspielhauses planen kann. Diskutiert werden unterschiedliche Modelle mit 200 bis 1000 Besuchern – wie viele Interessenten am Ende ein Ticket bekommen, soll erst kurzfristig ab Mai bekannt gegeben werden. In einem kürzlich erschienenen Interview betonte der bayerische Kunstminister Bernd Sibler, er gehe fest davon aus, dass am traditionellen Eröffnungstag, dem 25. Juli, „vor mindestens 200 Besuchern“ gespielt werden könne – eventuell mit Schnelltests vorab.

Das Festspielhaus gehört der Wagner-Stiftung

Nun ist 2021, die genesene Urenkelin des Komponisten – Vertrag bis 2025 – will mehr Rad fahren und hat aufgehört zu rauchen. Die Absicht einer Verlängerung von Christian Thielemanns Vertrag wurde offiziell verkündet, nur noch nicht vertraglich abgesichert – was allerdings auch daran liegt, dass man in Bayreuth seit jeher Entscheidungen erst nach Vertragsunterschrift bekannt gibt. Und vom neuen Geschäftsführer Ulrich Jagels erwartet man eine kompetente Begleitung der Festspielhaussanierung, die auf (zurzeit) etwa 170 Millionen Euro veranschlagt wird.

Die hat allerdings Haken und Ösen, denn die Strukturen in Bayreuth sind wagnermäßig vertrackt: Das Festspielhaus ist Eigentum der privaten Wagner-Stiftung (Träger ist neben den Gesellschaftern der GmbH die weit verzweigte und zerstrittene Wagner-Familie), die es wiederum an die Festspiel-GmbH vermietet. Eigentlich müsste also die Stiftung die Sanierung als Bauherr stemmen, was aber wegen viel zu geringer Einnahmen nicht möglich ist; die Gesellschafter der GmbH wiederum können ihrerseits das Gebäude nicht aufhübschen, weil ihnen das Objekt nicht gehört. Immerhin hat der Bund schon einen Sanierungsbeitrag von knapp 85 Millionen Euro zugesagt. Und die Kulturstaatsministerin hat in einem aus Bayreuther Sicht extrem kühnen Vorstoß angeregt, die Strukturen und Eigentumsverhältnisse der Festspiele, also auch die Satzung der Stiftung, auf den Prüfstand zu stellen.

Es gibt einen „Ring 2o.21“ mit Experimentellem an der frischen Luft

Für diesen Sommer steht das Programm. Neben einer Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ durch Dmitri Tcherniakow, bei der die Lettin Oksana Lyniv (als erste Frau auf dem Grünen Hügel!) dirigieren wird, gibt es im Festspielhaus Wiederaufnahmen der beiden einhellig gefeierten Produktionen von „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Regie: Barrie Kosky, Dirigent: Philippe Jordan) und „Tannhäuser“ (Tobias Kratzer/Axel Kober). Und das Herzensprojekt der Festspielleiterin, die Kinderoper, wird so prominent besetzt sein wie nie zuvor: Stephen Gould singt in „Tristan und Isolde“ den Tristan.

Das Rahmenprogramm ist umfangreich, teils spektakulär, und findet zu großen Teilen an der frischen Luft statt, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Für den „Ring 20.21“ (ab 29. Juli) komponiert Gordon Kampe eine neue Version von „Rheingold“; Nikolaus Habjan wird dieses Stück als Open-Air-Puppentheater inszenieren. Dem Performance-Künstler Hermann Nitsch hat man „Die Walküre“ anvertraut; vor wenigen Tagen gab er bekannt, die Ergebnisse seiner Malaktion, dem Vernehmen nach großformatige Schüttbilder, der Stadt Bayreuth schenken zu wollen. Der US-amerikanische Regisseur Jay Scheib präsentiert ein Multimediaprojekt zum „Siegfried“, die japanische Künstlerin Chiharu Shiota ein Kunstwerk zur „Götterdämmerung“.

Streaming ist nicht mehr ausgeschlossen

Dass der Dirigent Andris Nelsons zwei Konzerte auf dem Grünen Hügel dirigieren wird, ist eine mittlere Sensation – der Leipziger Gewandhauskapellmeister hatte 2016 für einen der traditionellen Bayreuther Vorfestspieleklats gesorgt, als er wenige Wochen vor der Premiere sein Dirigat des „Parsifal“ abgab. Gründe hatte er nicht genannt, aber allgemein wurde angenommen, dass Nelsons die ständigen Interventionen von Christian Thielemann nicht ertragen habe.

Und noch eine Sensation. Was früher undenkbar war, hat Katharina Wagner mittlerweile „nicht ausgeschlossen“: nämlich dass die Vorstellungen aus dem Festspielhaus per Streaming einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch hier gelten die Fragen, die Monika Grütters unlängst an die Bayreuther Festspiele richtete: „Wird die Bringschuld eines national und international bedeutsamen Opernfestivals eingelöst? Sind die Strukturen geeignet, damit ein Höchstmaß an künstlerischer Leistung erbracht werden kann? Da hat es in der Vergangenheit manchmal doch Reibungsverluste gegeben.“