Was am Samstag in Stuttgart geschah, war womöglich mehr als eine ausgeartete Partynacht. Soziologen erklären, welche Zutaten es für so einen Gewaltausbruch benötigt. Und was das Coronavirus damit zu tun hat.
Stuttgart - „Stuttgart brennt, uns gehört die ganze Stadt, Bratan!“ Mit diesen Zeilen aus einem Rapsong ist die Instagram-Story unterlegt, die die denkwürdige Samstagnacht in Stuttgart zeigt, als hunderte junge Männer ausgerastet sind, Geschäfte plünderten, Polizeiautos demolierten und sich Kämpfe mit Polizeibeamten lieferten. Es sind wütende Zeilen, „Bratan“ ist ein Begriff aus der Rapszene und bedeutet Bruder. Schaut man sich in sozialen Netzwerken an, wem die Videos von den Ausschreitungen gefallen oder wer sie lustig findet, und natürlich die Randalierenden selbst, wird deutlich: Es gibt viele wütende Bratans.
Nach ersten Ermittlungen der Polizei handelt es sich dabei um eine heterogene Gruppe, zumindest bei den 24 jungen Männern, die festgenommen wurden: zwölf Männer ohne deutsche Staatsbürgerschaft, neun mit, wovon die Polizei dreien einen Migrationshintergrund zurechnet. Dennoch hatten sie wahrscheinlich einen gemeinsamen Antrieb, sagt der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
Denn für alle „Riots“, wie Unruhen genannt werden, brauche es die gleichen sechs Zutaten. „Der erste Faktor ist ein ausbeutbares Signalereignis – mag sein, dass es in Stuttgart die Drogenkontrolle war“, sagt Heitmeyer. Zweitens müssten Solidarisierungseffekte einsetzen, wofür es ein gemeinsames Feindbild benötige, im Fall Stuttgart: die Polizei.
Selbe Mechanismen wie bei Unruhen in Frankreich
„Drittens, die Gruppe begibt sich in die Opferrolle, übt dann Selbstermächtigung und macht von einem vermeintlichen Notwehrrecht Gebrauch“, sagt Heitmeyer. Es treten – viertens – Mobilisierungseffekte ein, wodurch die Gruppe über neue Medien schnell eine kritische Masse erreiche, auf die die Polizei nicht vorbereitet war. „Das führte zum Kontrollverlust“, sagt der Soziologe. Punkt Nummer fünf.
Schlussendlich hätten Täter, sechstens, durch die Nutzung sozialer Medien mit ihrer Gewalt ein Erfolgserlebnis, eine „Anerkennungsquelle“ – Gewalt um der Gewalt Willen, wie Heitmeyer sagt. „Ohne den Stuttgarter Fall im Detail bewerten zu wollen: Es wirken dieselben Mechanismen wie bei den Riots in Frankreich, Großbritannien oder Schweden.“
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Sina Nitzsche erkennt in dem Vorfall ebenfalls mehr als ein reines Stuttgarter Phänomen. Die Gründerin des Europäischen Hip-Hop-Studies-Netzwerks an der TU Dortmund hat die Videos der Ausschreitungen in Stuttgart gesehen. „Ich habe einige Referenzen erkannt“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Beispielsweise skandierten einige in den randalierenden Gruppen „Fuck the Police“, ein sehr bekannter Verweis auf den gleichnamigen Songtitel der US-amerikanischen Rapformation N.W.A aus dem Jahr 1988. Das Lied prangere strukturellen Rassismus und willkürliche Polizeigewalt in den USA an.
Hip-Hop als Soundtrack
Auch Rapmusik in Deutschland thematisiert Rassismus. „Rap kann ein Ventil sein, ihn zu verarbeiten“, sagt Nitzsche. Trotz der Referenzen, der Insta-Stories aus Stuttgart, bei denen Hip-Hop als Soundtrack dient, müsse man vorsichtig sein, die Bedeutung der Kultur bei den Ausschreitungen zu verallgemeinern. „Rap und Hip-Hop sind sehr divers – genau wie die Gruppen, die in Stuttgart zugange waren“, sagt Nitzsche.
Das beobachtet auch Klausjürgen Mauch. Der Bereichsleiter der mobilen Jugendarbeit bei der eva Stuttgart weiß, dass einige der jungen Männer, die in der Samstagnacht unterwegs waren, von Streetworkern begleitet werden – und mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen hätten.
„Die Entladung kam für alle überraschend“, sagt Mauch, die dafür verantwortlichen Faktoren werde man so einfach nicht identifizieren können. Aber: „Stress zwischen Jugendlichen und der Polizei, das gab es schon immer.“ Neu sei im Fall Stuttgart, dass sich Jugendliche früher enger mit ihren Stadtteilen identifiziert hätten, ihre Freizeit heute aber mehr zentral in der Innenstadt verbringen würden.
Geld in Prävention gut angelegt
Was die jungen Menschen so enthemmt hatte, weiß Klausjürgen Mauch auch nicht. „Die, die wir betreuen, haben oft schlechte Perspektiven“, sagt er. Viele würden sich alleingelassen fühlen, erlebten von Erwachsenen abseits der Streetworker wenig Wertschätzung. „Corona hat diese Effekte verstärkt“, sagt Mauch.
Dabei funktioniere die Beziehungsarbeit mit Jugendlichen häufig: „Wir erleben oft, das ehemalige Problemfälle bei Bosch oder Daimler schaffen und einen Kinderwagen schieben.“ Die Mittel, die die Stadt in in Prävention investiert seien gut angelegtes Geld. Die Bilder der verwüsteten Königstraße zeigen, dass das wahrscheinlich nicht gereicht hat.
Die meisten Politiker setzen auf eine Law-and-Order-Haltung, Bundesinnenminister Horst Seehofer nannte die Nacht gar „ein Alarmsignal für den Rechtsstaat.“ Solche Formeln reichen nicht, selbst wenn sie lautstark formuliert sind, so Wilhelm Heitmeyer von der Uni Bielefeld. „Die Ursachen der abgelaufenen Eskalation sind aufklärungsbedürftig und daraus müssen Konsequenzen gezogen werden – nicht nur bei den Strafen“.