Vielen treuen Nutzern der öffentlichen Verkehrsmittel graust es jetzt schon vor den Folgen des 9-Euro-Tickets. Foto: dpa/Marijan Murat

Außer dass sie gut gemeint sind haben beide Vorstöße wenige miteinander zu tun: In Spanien gibt es freie Tage für Frauen mit Menstruationsbeschwerden, in Deutschland darf man demnächst für neun Euro im Monat sämtliche öffentlichen Nahverkehrsmittel benutzen- Beides beweist wieder einmal aufs Schärfste, dass das Gut-Gemeinte das Gegenteil des Guten ist.

Spaniens Regierung meint es gut mit den Frauen. Bei Menstruationsbeschwerden braucht es keine gewöhnliche Krankschreibung mehr, denn nun gibt es gleich freie Tage. Was allerdings zum einen nicht neu ist und zum anderen den Neid der Männer weckt. Für beides legt der Romantiker Heinrich Heine beredtes Zeugnis ab, wenn er Sängerinnen und Tänzerinnen – sie zählten zu den wenigen Frauen seiner Zeit, die einer hoch bezahlten Erwerbstätigkeit nachgehen durften – eine kollektive Arbeitsscheu unterstellt.

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Die Opernsängerinnen, so Heine, bedienten sich des plötzlichen Schnupfens als allzeit bereites Mittel zur Absage eines Auftritts – eine kostspielige Pein für wehrlose Theaterdirektoren. Die Tänzerinnen, fährt der Dichter fort, „erflehten daher vom lieben Gott dasselbe Qualrecht, und dieser, ein Freund des Balletts, wie alle Monarchen, begabte sie mit einer Unpässlichkeit, die, an sich selber harmlos, sie dennoch verhindert öffentlich zu pirouettieren“. Und so gewährten noch Anfang des 20. Jahrhunderts das Stuttgarter und andere Hoftheater den Künstlerinnen dezent so genannte „Respektstage“. Doch der Respekt, den Spanien den Tagen der Frau gewährt, droht in puren Despekt umzuschlagen. Man wittert hinter der scheinbar gut gemeinten Absicht die List patriarchaler Unvernunft: Frauen durch Pathologisierung ihres Körpers ins berufliche Aus zurückzuschießen.

Ausverkauf von Bus und Bahn

Ähnlich verhält es sich auf einem ganz anderen Feld mit dem 9-Euro-Ticket, das Pendlerströme weg von ihren CO2-Schleudern hinein in die öffentlichen Verkehrsmittel leiten soll. Tatsächlich wird der tarifliche Billigheimer zu einem Ausverkauf von Bus und Bahn führen – aber anders, als es sich der ökologische Wunsch als Vater des Dumpingpreisgedankens vorgestellt hat: Überfüllte Verkehrsmittel vergraulen jene, die bisher ordentlich für ihr Abo bezahlt haben. Dafür werden mehr jener „Fahrgäste“ angelockt, unter denen vorglühende Kampftrinker und sich verabschiedende Junggesellen noch zu den sympathischeren zählen. Woraufhin selbst überzeugte ÖPNV-Nutzer in die rollenden Isolationskapseln fliehen dürften. Die kriselnde Autoindustrie ist der lachende Schwarzfahrer beim 9-Euro-Ticket.

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Rettung vor den Errungenschaften des Gut-Gemeinten verheißt ihre Kombination nach der Devise „minus mal minus gibt plus“. Nur wer menstruiert, kriegt ein 9-Euro-Ticket – gratis. Und der männliche Neid, die Diskriminierung des Mannes? Na, im Gender-Zeitalter sollten menstruierende Männer eigentlich kein Problem sein.