Am AKW-Standort in Neckarwestheim gibt es ein Zwischenlager, dessen Genehmigung 2046 erlischt. Foto: Imago/Sven Simon

Die Festlegung auf einen Standort verzögert sich um mindestens 15 Jahre – die 135 Castoren im Zwischenlager Neckarwestheim werden deshalb noch viele Jahrzehnte dort bleiben.

Das Umweltministerium in Stuttgart hat sich von dem Schock noch immer nicht erholt: Vor zwei Wochen hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) dem Bund mitgeteilt, dass ein Standort für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle frühestens 2046 ausgewählt werden könne, womöglich gar erst 2068 – bisher war 2031 anvisiert worden. Danach dauert es noch mindestens 20 Jahre, bis das Endlager in Betrieb gehen könnte. „Die neuen Zieldaten sind eine schwere Belastung für das Verfahren“, sagt jetzt Bettina Jehne, die Sprecherin des Umweltministeriums. Vor allem aber: Bliebe es bei diesem Zeitplan, „brächte das gravierende Probleme mit sich“.

Denn an beiden baden-württembergischen AKW-Standorten in Neckarwestheim und Philippsburg existiert ein Zwischenlager, dessen Genehmigung 2046 erlischt. In Neckarwestheim werden nach Abschaltung des noch laufenden Meilers etwa 135 (von 151 möglichen) Castoren mit Brennelementen in zwei Tunnelröhren eingelagert sein. In Philippsburg werden wohl 106 von 152 möglichen Plätzen belegt werden.

Wie sicher sind die Castoren in einigen Jahrzehnten noch?

Wie sich die längere Zwischenlagerung auf die Funktionsfähigkeit der Castoren auswirkt, ist aber unklar. Bettina Jehne spricht davon, dass es keine Nachweise gebe, welche „materialwissenschaftlichen Phänomene“ zu erwarten seien. Daran werde erst geforscht. Franz Wagner vom Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) wird deutlicher: Es gehe um das Korrodieren der Behälter, und es sei auch unklar, ob die Brennelemente in vielen Jahrzehnten noch stabil genug seien, um sie umzulagern. Für ihn ist klar: Die Verzögerung generiere „Baustellen über Baustellen“. Auch das Umweltministerium spricht von Sicherheitsfragen, die es zu klären gebe.

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) als übergeordnete Behörde und auch das Bundesumweltministerium wollen jetzt mit dem BGE Gespräche aufnehmen, um zu klären, wie die neuen Zeitpläne zustande gekommen sind und ob es nicht doch Möglichkeiten gibt, das Verfahren zu beschleunigen. Der BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz hat aber schon betont, dass das Jahr 2031 recht willkürlich festgelegt worden war – jetzt gelte es, faktenbasiert zu diskutieren: „Das gehört zu einem transparenten und glaubwürdigen Verfahren dazu.“

Verzögerung hat keinen Einfluss auf Rückbau der AKWs

Mit Sicherheit werden die Genehmigungen für die 16 Zwischenlager in Deutschland verlängert werden müssen, da sie zwischen 2034 und 2046 auslaufen. Diese Genehmigungen stellt das BASE aus. Das Stuttgarter Umweltministerium betont aber, dass es als atomrechtliche Aufsicht darauf achten werde, dass eine Neubewertung der Sicherheit durchgeführt und die Öffentlichkeit beteiligt werde. Immerhin ein Lichtblick: Auf den Rückbau der Kernkraftwerke hat das Endlager-Desaster keine Auswirkungen. Lutz Schildmann, der Sprecher der zuständigen EnBW-Kraftwerkssparte, betont, dass das Zwischenlager in Neckarwestheim rechtlich und örtlich vom Atomkraftwerk getrennt sei und deshalb der Rückbau wie geplant erfolgen könne. Dies bestätigt auch das Umweltministerium.

Franz Wagner geht im Übrigen davon aus, dass sich die Eröffnung des Endlagers bis ins nächste Jahrhundert hinziehen werde. Experten sprächen sogar davon, dass die endgültige Verschließung des Endlagers bis 2170 dauern könnte, sagt er. Wie auch immer, das Umweltministerium hält die Verzögerung auch in anderer Hinsicht für sehr schwierig: „Die Endlagerung künftigen Generationen zu überlassen, welche die Kernenergie nicht genutzt haben, erscheint aus Sicht der Generationengerechtigkeit überaus problematisch“, sagt Bettina Jehne.