In der Stadt werden die Flächen knapp, auf die geschützte Tierarten umgesiedelt werden können, wenn sie andernorts Bauvorhaben im Weg stehen. Das Rathaus hat ein Areal am Burgholzhof roden lassen, benachbarte Kleingärtner sollen weichen.
Die Baumstämme liegen ordentlich aufgeschichtet, ein Bauzaun schützt den Stapel vor Zugriff von außen. Dass die Bäume nahe der Grenze der Stadtbezirke Münster und Zuffenhausen haben fallen müssen, hat nichts mit Gehölzpflege zu tun. Ihr ehemaliger Standort soll künftig Eidechsen ein neues Zuhause bieten. Nicht nur die Rigorosität, mit der der Natur zu Leibe gerückt worden ist, sorgt für Kopfschütteln bei jenen, die in unmittelbarer Nachbarschaft einen Kleingarten bewirtschaften.
Die Gartenpächter haben nun FDP-Landtagsabgeordneten Friedrich Haag zum Orts-Termin geladen, nachdem unsere Zeitung über Haags Berechnungen berichtet hatte, wonach pro Eidechse, die von einer Baufläche an den Wagenhallen beim Nordbahnhof auf die Höhen bei Münster umziehen sollen, bis zu 10 000 Euro fällig werden. Viel ist bei dem Treffen von „Vernunft“ die Rede. An der mangelt es aus Sicht der Kleingärtner im Rathaus.
Eidechsen sind IBA-Projekt im Weg
Dort hatten die Stadträtinnen und Stadträte Mitte Dezember vergangenen Jahres den Weg frei gemacht für den Eidechsenumzug. Die Reptilien leben jetzt noch im Bereich der Wagenhallen, wo im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 ein „Maker City“ genanntes Quartier entstehen soll. Wie viele Tiere umquartiert werden müssen, weiß man bei der Stadtverwaltung nicht so genau, schätzt aber die Population auf 100 bis 500 Tiere.
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Als mögliche neue Heimat haben Experten einen Zwickel in Münster ausfindig gemacht, der im Landschaftsschutzgebiet Schnarrenberg/Krailenshalde liegt. Dort, am Nordportal des Schnarrenbergtunnels, besitzt die Stadt Flächen. Ein erster Teil ist bereits gerodet und zwar bis zur Grasnabe – oder was davon übrig geblieben ist. „Da haben doch auch Tiere gelebt. Wo sind die jetzt hin“, ruft einer der Kleingärtner.
Kleingärtner fürchten um ihre Parzellen
Sie haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen und machen ihrem Unmut auf großen Transparenten an den Zäunen Luft. Denn die Eidechsen sollen nicht nur auf der nun geschaffenen Brachfläche heimisch werden. Auch von der Stadt verpachtete Gärten in unmittelbarer Nähe sind dafür vorgesehen. Doch ehe die Tier ein- müssten die Kleingärtner ausziehen.
„Und das, obwohl einige von uns hier die Gärten schon in der zweiten Generation bewirtschaften“, sagt Mike Saile, einer der Betroffenen. Eine Argumentation, die im Rathaus nicht verfängt. Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) hat den Hobbygärtnern in einem Schreiben mitgeteilt, die Pachtverhältnisse seien nicht auf Dauer ausgelegt und könnten jährlich von der Stadt ohne Angabe von Gründen gekündigt werden, „insbesondere wenn die Stadt die Grundstücke für eigene Zwecke dringend benötigt“, schreibt Pätzold. Wie dringend es der Stadt ist, führt der Bürgermeister an anderer Stelle in dem Schreiben aus. Da das Ausstellungsjahr der IBA 2027 feststehe, „liegt ein sehr ambitionierter Zeitplan für die Realisierung vor“. Mittlerweile haben die Pächter eine schriftliche Vorankündigung der noch zu ergehenden Kündigung.
Endgültiges Gutachten fehlt noch
Die Kleingärtner haben vorgeschlagen, die geschützten Tiere in ihren Gärten unterzubringen, die zuvor zu diesem Zweck hergerichtet werden sollen. Doch die Stadt sei darauf nicht eingegangen – wie grundsätzlich aus Sicht der Gartenpächter in der Kommunikation mit dem Rathaus noch Luft nach oben ist. „Wir werden von Ansprechpartner zu Ansprechpartner weitergeleitet“, sagt Mike Saile. Rathaussprecher Sven Matis sagt, dass mit einer eine Umsiedlung in Gärten nicht der vollständige Nachweis erbracht werden kann, genug Ersatzflächen geschaffen zu haben. „Wir gehen nicht ins Risiko, dass Flächen nicht angerechnet werden“. Das von den Gartenpächtern angemahnte Gutachten, aus dem hervorgehen soll, dass die Flächen in Münster geeignet sind, „ist noch nicht fertig und kann deshalb auch noch nicht veröffentlicht werden“. Das geschehe aber im weiteren Verfahren.
Immer wieder Eidechsen
Es ist nicht das erste Mal, dass Eidechsenvorkommen Bauvorhaben erschweren. In den zurückliegenden Jahren konnte etwa eine Flüchtlingsunterkunft in Hofen nicht vergrößert werden. Die Bahn hat immer wieder Tiere umquartiert – auch auf eine Fläche auf dem Killesberg, was bei den dortigen Nachbarn nicht unbedingt gut ankam. Im Jahr 2018 wollte die Stadt dem Phänomen auf den Grund gehen und ließ ein Gutachten anfertigen. Tenor des Papiers: Alleine von den Mauereidechsen fühlen sich mehr als 140 000 Exemplare in der Landeshauptstadt heimisch. Viel mehr, als ursprünglich angenommen.