Wo früher das Oberesslinger Jugendhaus Nexus stand, soll gebaut werden. Bevor die Bauarbeiter anrücken, suchen Archäologen nach Spuren der Vergangenheit.
ES-Oberesslingen - Es war ein Überraschungsfund: Das Skelett eines 13 bis 15-jährigen Jungen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Die Arme waren über dem Kopf gekreuzt, als Beigabe fand sich ein Armreif, „wahrscheinlich ein Rosenkranz“, so Jonathan Scheschkewitz von Landesamt für Denkmalpflege. Er steht gemeinsam mit der Archäologin Gaëlle Duranthon auf einem Ausgrabungsgelände in Oberesslingen. Hier, wo an der Keplerstraße einst das Jugendhaus Nexus stand, sichert die Firma ArchäoBW GmbH aus Gerlingen archäologische Funde aus dem Mittelalter, der Römerzeit und eventuell sogar aus der Vorrömerzeit.
Seit dem 13. Januar wird auf 2676 Quadratmetern gegraben, Mitte März will man fertig sein, dann kann hier das geplante Mehrfamilienhaus gebaut werden. Bezahlen muss diese Sicherungsgrabung der Bauherr. ArchäoBW erkundet, gräbt, dokumentiert und übergibt die Funde dem Landesamt für Denkmalpflege, das anschließend wiederum die Funde auswertet und der Forschung zur Verfügung stellt.
„Bekannt war bereits, dass angrenzend an dieses Areal ein römischer Gutshof gestanden hat, also mussten wir hier auf jeden Fall vor einer Neubebauung kontrollieren, was hier einst gewesen ist“, erklärt Scheschkewitz. Gefunden haben die Archäologen früh- bis spätmittelalterliche Siedlungsspuren, Römisches und sogar einen wohl vorrömischen Graben. „Für uns ist diese Grabung vor allem spannend, weil sie uns mehr über die Entwicklung des Dorfes Oberesslingen erzählt.“
Grubenhäuser aus dem Frühmittelalter
Auf dem Gelände haben die Fachleute vier Grubenhäuser aus dem Frühmittelalter entdeckt, also aus der Zeit der Gründung Oberesslingens. Grubenhäuser waren stets ein wenig tiefer gelegt worden, damit hier gute Vorratshaltung möglich war. Zudem nutzten die Menschen sie als Werkstätten. Gewohnt hat dort niemand. Dass auf dem Gelände auch Wohnhäuser gestanden haben, zeigen wahrscheinlich diverse Pfostenlöcher. Scheschkewitz: „Aber von den Häusern ist ansonsten nicht mehr viel übrig, da ist in den vergangenen Jahrhunderten zu viel überbaut worden.“
Wo die Archäologen graben müssen, zeigen ihnen Drohnenaufnahmen des Geländes. Diese Aufnahmen werden anschließend mittels einen Fehlfarbenprogramms bearbeitet, das die Oberfläche verschieden färbt, und so Hinweise darauf gibt, wo etwas im Boden liegen könnte beziehungsweise wo vor langer Zeit einmal etwas gebaut worden war. Dass man allerdings ein Skelett finden würde, konnten die Luftbilder im Vorfeld nicht zeigen. „Unser Baggerfahrer rief uns, nachdem er die oberste Schicht abgetragen hatte“, erzählt Duranthon. „Da sei ein rundlicher Knochen, das könnte ein Menschenschädel sein.“ Nach und nach legten die Archäologen ein komplettes Skelett frei. „Erst haben wir gedacht, das sei vom benachbarten Friedhof runtergerutscht. Aber dann haben wir gesehen: Das ist ein richtiges Menschengrab“, so Duranthon.
Archäologie ist ein Puzzle
Diesen Fund finden alle spannend. Scheschkewitz: „Wir sind im 16. oder 17. Jahrhundert also in einer Zeit, in der eigentlich auf dem Friedhof bestattet wurde, außer, es gab eine Sondersituation.“ Sondersituationen könnten Selbstmord, Verbrechen oder vielleicht eine Krankheit sein, weswegen die Menschen den Jungen nicht in geweihter Erde begraben haben. Andererseits wurde er nahe am Friedhof beerdigt und er bekam einen Rosenkranz. Scheschkewitz lächelt. „Da tut sich nach Jahrhunderten ein Einzelschicksal auf.“ Vielleicht ergeben die anstehenden anthropologischen Untersuchungen der Knochen neue Erkenntnisse.
Über die Siedlungsgeschichte Oberesslingens wisse man nur wenig, sagt Scheschkewitz. Weil die Gegend fruchtbar sei, hätten sich hier schon vor vielen Jahrhunderten Menschen angesiedelt. So bauten die Römer auf ihren Gütern bereits für den Verkauf von Getreide, Gemüse, Obst, also für die Versorgung der Städte und Armee an. Als dann Oberesslingen im frühen Mittelalter entstand – auf die Zeit weise die Endung „-ingen“ hin – bestand es jahrhundertelang eher aus eine Ansammlung von Weilern, hatte bis ins 19. Jahrhundert keinen echten Dorfkern. Anhand von Funden wie in der Keplerstraße sammle man weitere Informationen, wie die Höfe angeordnet waren.
Archäologie sei ein Puzzle, sagt Jonathan Scheschkewitz. Man finde hier etwas, dort etwas, in 30 Jahren woanders wieder Neues – so füge sich langsam ein Bild über die Vergangenheit zusammen. Scheschkwitz findet die Entwicklung von Oberesslingen interessant. „Es lag ja direkt neben der großen Reichsstadt, gehörte aber nicht dazu. Es gab immer wieder Konflikte und Esslingen hat Oberesslingen auch häufiger niedergebrannt.“