Wir wissen nicht, welche Gründe den Fahrer dieses Autos durch die neue Fußgängerzone in der Strohstaße genötigt haben. Aber er ist bei weitem nicht der einzige. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Seit Mai ist die Strohstraße vor der WLB Fußgängerzone. Doch von dem damit verbundenen Etappenziel, den Durchgangsverkehr in der Altstadt weiter einzudämmen, ist man meilenweit entfernt.

EsslingenSo nicht! Das sagt Athina Reizi, Wirtin des Theater-Cafés in der Esslinger Strohstraße. Seit Mai liegt ihr Lokal offiziell in einer Fußgängerzone. Eigentlich dürfte in den zulieferungsfreien Zeiten kein motorisiertes Fahrzeug mehr in die Küferstraße einbiegen, um in der Ritterstraße die Altstadt zu verlassen – oder zur zweiten vergeblichen Parksuchrunde durch die Gassen anzusetzen. Denn im Frühjahr hat der Gemeinderat beschlossen, versuchsweise die Fußgängerzone in der Küferstraße bis zur Ritterstraße auszudehnen und auch noch den südlichen Bereich der Strohstraße miteinzubeziehen. Aus der damit verbundenen Hoffnung, den unnötigen Durchgangsverkehr in der östlichen Innenstadt einzudämmen, ist bislang jedoch nichts geworden. Auto um Auto kurvt zwischen den Tischen und den WLB-Besuchergruppen hindurch. Und die meisten Fahrer lassen wenig Schuldbewusstsein erkennen. Reizi: „Es ist schlimmer als vorher. Der Verkehr kommt jetzt auch von der anderen Seite, denn die Stadt hat das Einbahnstraßen-Schild im Einmündungsbereich der Küferstraße weggenommen. Abends ist das hier eine richtige Rennstrecke.“ Kontrolliert werde so gut wie gar nicht. Weshalb es auch immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Fußgängern und Autofahrern komme.

So nicht! Das meint auch Joachim Middendorf, der am Blarerplatz wohnt und einen der rund 60 Tiefgaragenplätze belegt, deren Ausfahrt in die Strohstraße mündet. Jetzt muss er einen Umweg durch die halbe Altstadt fahren, wenn er zur B 10 will, weil er die Strohstraße in nördlicher Richtung verlassen und dabei auch noch mit Gegenverkehr rechnen muss. Aber darum geht es ihm gar nicht. Wenn man wirklich wolle, dass die Autos nicht mehr ihre Runden durch Ritter-, Milch-, Stroh- und Küferstraße drehten, dürfe man das große Ankündigungsschild der neuen Fußgängerzone nicht erst in der Strohstraße – und das auch noch viel zu hoch – platzieren. Sondern man müsse dem Autofahrer spätestens in der Milchstraße deutlich ankündigen, dass er nach dem Rechtsabbiegen auf legalem Wege nicht mehr durchkomme. Aber auf seinen Brief an den OB habe er nur einen nichtssagenden Fünfzeiler bekommen. Seine Erklärung: „Die Stadt will diese Verkehrsführung gar nicht.“

So nicht! Das betont auch Dieter Plott aus der Milchstraße – einer schmalen Wohnstraße, die jetzt als Ausleitung aus der Altstadt herhalten muss, auch wenn sie in dieser Funktion zumindest von Auswärtigen nicht erkannt werden kann. Plott, der sich mit 50 anderen Milchsträßlern gegen die neue Verkehrsführung stark gemacht hat: „Ja, wir profitieren davon, dass die Beschilderung nicht eindeutiger ausgefallen ist. Aber bei uns hat der Verkehr dennoch deutlich zugenommen. Und es wird viel zu schnell gefahren. Vor allem abends.“

So nicht! Das weiß auch Barbara Frey, Vorsitzende des Bürgerausschusses Innenstadt, die schmerzlich ein Gesamtkonzept für den Bereich Ritterstraße/östliche Altstadt vermisst. „Dass die jetzige Verkehrsführung nicht funktioniert, hat mich nicht überrascht – wohl aber die Tatsache, in welcher Dreistigkeit sie nicht funktioniert.“ Auch sie hat das Ordnungsamt bereits vor Wochen angeschrieben. Da habe es geheißen: Ihre Beobachtungen deckten sich mit denen der Stadt. Es brauche eben seine Zeit, bis sich neue Verkehrswege in den Köpfen der Autofahrer festsetzten. Jetzt will sie noch einmal nachhaken. Eine Verkehrsführung, die den Durchgangsverkehr nicht wirklich reduziere, sondern ihn in den Altstadtgassen nur anders verteile, könne keinen zufriedenstellen. Die Stadt agiere wieder einmal nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Besser so als gar nicht! Das sagt indessen Ordnungsamtsleiter Gerhard Gorzellik. Dennoch hat er jedes Verständnis dafür, wenn man den Versuch als „halbherzig und mutlos “ etikettiert. „Mir reicht das, was wir jetzt haben, noch nicht. Aber der Gemeinderat entscheidet.“ Der Test laufe auf jeden Fall wie geplant noch bis zur Verkehrszählung im Herbst. „Dann haben wir Fakten. Wir nehmen den Versuch ernst. Zweifel daran an einem Schild aufzuhängen, ist falsch.“ Zudem habe bis vor einer Woche auch ein Schild in der Milchstraße auf die veränderte Verkehrsführung hingewiesen. Das Tiefbauamt habe es weggenommen, weil das nach drei Monaten so üblich sei. Zugleich sagt er aber auch, dass man in drei Monaten schlichtweg nicht erwarten könne, dass sich das Verkehrsverhalten der Menschen grundlegend geändert habe. „Natürlich wird auch kontrolliert“, behauptet er. Doch mehr Kontrollen könne er mit seinen 12,4 Stellen im Kommunalen Ordnungsdienst nicht stemmen. „Die Leute sind an sieben Tagen in der Woche teils bis in die späte Nacht hinein im Dienst. Und es sind dieselben, die Parksünder kontrollieren sollen, nach den Müllbergen in den Weinbergen sehen sollen, Leute, die ihre Kippen wegwerfen, dingfest machen sollen...“

Gorzellik verweist auf die schwierige Gemengelage in der Altstadt, in der die unterschiedlichsten Interessen von Einzelhandel, Dienstleistern, Anliegern und Anwohnern aufeinanderprallen. Für eine große bauliche Lösung im Eingangsbereich der Ritterstraße fehle jedenfalls das Geld. Somit ist der laufende Verkehrsversuch der einzige gemeinsame Nenner, auf den sich die Beteiligten bislang einigen konnten. Denn nicht einmal der Einzelhandel ist sich einig: Während die Küfersträßler über den zunehmenden Durchgangsverkehr in ihrer Fußgängerzone klagen, hätte man ein paar hundert Meter weiter südlich große Sorgen, wenn man gar nicht mehr anfahrbar wäre: „ Wir haben nicht nur Kunden, die gut bei Fuß sind“, sagt Annette Fischer vom gleichnamigen Schuhhaus am Hafenmarkt. Ordnungsamtsleiter Gorzellik würde es hingegen nach wie vor für richtig halten, die Schleife Ritterstraße-Milchstraße-Strohstraße-Küferstraße-Ritterstraße schon vor der Strohstraße zu unterbrechen – zum Beispiel mit einem Fußgängerzonenstück im Bereich Hafenmarkt. „Aber da war bislang die Bereitschaft nicht da, das mitzugehen.“ Obwohl man im Gespräch mit den Beteiligten sicher auch Lösungen fände. Den Anwohnern wäre es jedenfalls am liebsten, man könnte durch Poller schon in der Rittersrtaße dafür sorgen, dass nur noch die Zufahrtsberechtigten in die Altstadt einfahren dürfen. Barbara Frey: „Dass das auch für größere Quartiere geht, zeigt zum Beispiel Straßburg.“ Die Stadt solle dann zusammen mit der Händlergemeinschaft City Esslingen überlegen, was sie Besuchern und Kunden im Gegenzug anbieten könne. Zum Beispiel einen kleinen Einkaufsbus. Oder bezuschusste Tickets in den Parkhäusern, ergänzt Joachim Middendorf. „Wir haben in der Ritterstraße und Umgebung mit den Anwohnern, Händlern, Geschäftsleuten, Dienstleistern und Arztpraxen aber einen sehr großen Personenkreis, der von den Pollern betroffen wäre“, so Gorzellik. Wolle man für alle Beteiligten uneingeschränkte Mobilität wahren, wäre das eine teure Angelegenheit.

Fazit? Am Ende steht immer ein Abwägungsprozess, bei dem es naturgemäß nicht nur Gewinner geben kann. Gorzellik: „Unterm Strich muss das dabei herauskommen, was für die Allgemeinheit das bessere Ergebnis bringt.“

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