Für die Künstlerin Ida Liliom wäre es okay, wenn ihr Partner mit ihren Freundinnen ein Kind bekommt. Sie wünscht sich nämlich keine Ehe zu zweit, sondern eine Verantwortungsgemeinschaft mit mehreren Freunden.
Ida Liliom heiratet nächsten Monat ihren Freund. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches für eine 25-Jährige. Nur, sie wünschen sich auf Dauer kein Leben zu zweit. Sie wollen in einer Gemeinschaft leben, mit anderen Freundinnen und Freunden, auch andere Liebes- und Sexpartner sind erlaubt. Auch das wäre für viele noch nichts Ungewöhnliches. Kommunenartige Hausgemeinschaften hat es schon immer gegeben. Aber Ida Liliom, freischaffende Künstlerin aus Stuttgart, wünscht sich mit ihrem zukünftigen Mann und ihren Freundinnen eine Art Verantwortungsgemeinschaft.
Die Ampelkoalition plant ein rechtliches Modell für Lebensgemeinschaften mit zwei oder mehreren Personen. Ein Modell für mehrere Menschen, die rechtlich füreinander Verantwortung übernehmen möchten. Eine Art „Ehe light“, nur dass diese eben nicht nur aus zwei Menschen besteht. „Wir hoffen sehr auf dieses Modell. Für uns ist das die präferierte Form der Heirat“, sagt Ida Liliom.
Eine Liebesbeziehung muss nicht nur aus zwei Menschen bestehen
„Unsere Beziehung, das sind nicht nur wir beide“, findet Liliom. Sie seien „romantisch“ zusammen, leben auch in einer Wohnung, aber zukünftig wünschen sie sich mit einem kleinen Kreis an engen Freundinnen und Freunden ein Haus mit mehreren Wohnungen. Und: „Ich möchte keine eigenen Kinder“, sagt Liliom. Ihre Freundinnen hätten aber gerne Kinder, ihr Partner auch. „Ich hätte nichts dagegen, wenn er mit einer Freundin ein Kind bekommt und wir es alle gemeinsam großziehen.“
Früher gab es den Spruch: „Ein ganzes Dorf erzieht ein Kind.“ Heute ist die bürgerliche Kleinfamilie mit Vater, Mutter und Kindern die Norm. In der Regel ist sie ein in sich geschlossener Kosmos. „Aber ich möchte genau da wieder hin, wie es früher war, nur dass es kein ganzes Dorf ist, sondern mein engster Freundeskreis“, sagt Liliom. Vier bis fünf andere seien dies noch.
Liliom, klein und zierlich mit rot gefärbten Haaren, akkurat geschnittenem Pony und mehreren Piercings im Gesicht, hat Medienwissenschaften in Stuttgart studiert, arbeitet als freischaffende Künstlerin hauptsächlich für das Citizen.Cane.Kollektiv in Stuttgart, fotografiert, hält Vorträge und macht Aufklärungsarbeit über Queerness. Im Jahr 2017 hat sie den Verein Queerdenker Stuttgart gegründet, um einen Ort für queere junge Menschen in Stuttgart zu schaffen. „Queer“ sein bedeutet für sie, befreit von den bestehenden Normen zu Geschlechtlichkeit, Sexualität und Identität zu leben.
Als Teenager habe sie sich zu Frauen hingezogen gefühlt, sich als lesbisch definiert. Erst mit Anfang 20 begann sie sich auch für Männer zu interessieren. Zu Männern fühle sie sich aber nur hingezogen, wenn sie Gefühle für sie habe, bei Frauen fühle sie oft auch eine rein körperliche Anziehung. „Das war eine große Änderung in meinem Leben“, erzählt sie. Damit habe sich ihre Einstellung zu Beziehungen grundlegend geändert.
Sie möchten zusammen alt werden – aber in einer Gemeinschaft
Ihren Freund lernt sie kurz darauf über ihre Wohngemeinschaft in Stuttgart kennen. Sie hatte gerade ihren Verein gegründet, er wollte in Esslingen eine politische Veranstaltungsreihe starten. „Da hat er mich dazu geholt“, sagt sie. „Und dann haben wir uns krass verliebt.“ Sie kenne selten Menschen, die wirklich etwas anpacken würden. Ihr Freund schon. Das bewundere sie so an ihm. „Und die Verliebtheit hat bis heute angehalten“, sagt sie.
Sie wollen beieinanderbleiben, bis sie alt sind. „Ich möchte ihn erleben, wie er alt wird“, sagt Liliom. Aber sie wolle nicht den Druck haben, dass sie die einzige Person in seinem Leben ist, die seine Bedürfnisse für immer erfüllen muss, vor allem sexuell und romantisch nicht. „Das ist für mich die große Freiheit in unserer Beziehung.“
Was Liliom vor allem nicht möchte: so leben wie viele andere. Die eine monogame Zweierbeziehung haben mit Kindern – und an der Last oft zerbrechen. „Zu zweit ein Kind großzuziehen ist einfach fucking anstrengend“, findet sie. Auch irritiert es sie immer wieder, wenn ihre „heterosexuellen männlichen Freunde“ außer von ihrer Partnerin keinerlei Nähe, Liebe und Berührungen bekommen. „Kein Wunder, dass viele Männer durchdrehen, wenn ihre Liebesbeziehung scheitert“, sagt Liliom.
Viele Menschen haben eine Menge Vorurteile über polyamore Beziehungen. „Dass es die ganze Zeit nur um Sex geht, zum Beispiel“, sagt Liliom. „Aber der sexuelle Part ist für mich am unwichtigsten.“ Sie und ihr Freund sind viel zu zweit, zu Hause, im Stillen. „Wir sind eigentlich zwei introvertierte Nerds“, sagt sie und lacht. Sie ziehen abends nicht durch die Clubs, um andere Sexpartner zu finden. „Ich möchte einfach mein Alltagsleben mit vielen Menschen teilen und für sie Verantwortung übernehmen.“
Auch weil sie findet, dass in unserer Gesellschaft etwas gewaltig schiefläuft, was die zeitliche Priorisierung in unserem Privatleben angeht. „Viele setzen ihre romantische Beziehung an die oberste Stelle, Freunde kommen erst sehr viel später“, sagt Liliom.
Die Monogamie ist auf dem Rückzug
Die Soziologin Andrea Newerla forscht seit Jahren zu Intimität, Onlinedating und Beziehungsmustern jenseits der herrschenden heteronormativen Standards. In ihrem neuen Buch „Das Ende des Romantikdiktats – Warum wir Nähe und Beziehungen neu denken sollten“ kommt sie zu ähnlichen Schlüssen wie Ida Liliom. „Neben der romantischen Liebesbeziehung, die noch stets der Goldstandard unter den Beziehungen ist, existieren auch andere, sehr nahe Beziehungen, die für uns wertvoll sind“, schreibt die Wissenschaftlerin.
Sie nennt ebenfalls Freundschaften, aber auch Wohngemeinschaften und selbst gewählte Familien, in denen wir uns „gehalten, geborgen und geliebt“ fühlen könnten. Auch eine Reihe von Studien, so schreibt Newerla, lege nahe, dass die Monogamie gesamtgesellschaftlich zunehmend an Bedeutung verliert.
Als Teenager hatte Ida Liliom ihr queeres Outing. In ihrer Community, die sie sich dann aufgebaut hat, hätten sich viele anders gefühlt, die klassische monogame Liebe infrage gestellt. „Viele Menschen entscheiden sich dafür, ohne sich wirklich damit auseinanderzusetzen“, sagt Liliom. In ihrem Umfeld bevorzugten viele alternative Beziehungsmodelle.
Dass viele polyamore Beziehungen oder Verantwortungsgemeinschaften als nicht normal abtun, ärgert Liliom manchmal schon. „Es ist oft überheblich, so zu denken“, sagt sie. Dabei gehe es doch in jeder Beziehung um Liebe, Ehrlichkeit und Wertschätzung. „Es liegt doch nie am Modell, ob eine Beziehung gut ist oder nicht“, sagt sie. Eine polyamore Beziehung sei weder besser noch schlechter als eine monogame, nur anders. Das Wichtigste sei immer eine offene und ehrliche Kommunikation. „Aber ich bin jetzt auch kein Hippie oder so“, sagt Liliom und lacht. „Für mich ist das eine rein pragmatische Zukunftsplanung.“
Es sei das Konzept Familie „weitergedacht“, auch, um sich gegenseitig zu entlasten. Denn, was sie schon länger beobachtet: Viele Frauen schlitterten heute schon mit Anfang 30 in einen Burn-out, weil sie Job, Familie und Care-Arbeit gar nicht allein schaffen. Deshalb finde sie es wichtig, sich gemeinsam zu unterstützen. Es ist für sie auch ein „Zeichen der Solidarität“ an ihre Freundinnen, die gerne Kinder bekommen möchten, sie in der Erziehung nicht nur gelegentlich zu unterstützen, sondern die Kinder wirklich gemeinsam großzuziehen.