Stefan Radlmayr (links) und Hermann Dauser, Gründer von Fibers 365, stehen neben der Dampfexplosionsanlage, in der Pflanzenreste in ihre Faserbestandteile zerlegt werden. Foto: Marion Brucker

In der früheren Papierfabrik Scheufelen in Lenningen im Kreis Esslingen haben sich zwei Start-ups angesiedelt. Sie stellen hauchdünne Vliese und Faserprodukte her. Hier verraten die Gründer, wo sie zum Einsatz kommen sollen.

Ein leichter Luftzug weht durch die Halle der ehemaligen Papierfabrik Scheufelen in Lenningen. In der Hand von Manuel Clauss flattert ein DIN-A4-großes schwarzes Carbonfaservlies, nur 0,1 Millimeter dick. „So dünn wie wir stellt es kaum einer her“, meint der promovierte Chemiker. Nur in Großbritannien gebe es einen Konkurrenten. Clauss ist mit 35 Jahren der Jüngste im Start-up Phoenix Non Woven und operativer Geschäftsführer. In dem Unternehmen dreht sich alles um die Nassvliesherstellung. Die Vliesstoffe, bei denen auch Rest- und Reyclingstoffe verwendet werden, lassen sich beispielsweise in der Batterietechnik einsetzen. Die Räume der früheren Papierfabrik bieten dem Start-up Platz für seine Arbeit, aber auch einer weiteren Gründung: die Firma Fibers365 bereitet jährlich nachwachsende Pflanzen wie Stroh aus Getreide so auf, dass sie im Verpackungs-, Textil- und Biopolymerbereich eingesetzt werden können.

Manuel Clauss, operativer Geschäftsführer von Phoenix Non Woven mit Carbonvlies von Phoenix Non Woven. Foto: Marion Brucker

In beiden Firmen wird letztlich die frühere Arbeit auf dem historischen Industrieareal in neue Nutzungen überführt. Unter den zwölf Mitarbeitenden von Phoenix Non Woven sind etwa viele aus dem ehemaligen Forschungs- und Entwicklungsteam der Papierfabrik Scheufelen. Deshalb spricht Clauss bei dem dreijährigen Start-up von „langjähriger Erfahrung in Spezial-Vliesstoffen“.

Ein Nischenmarkt – aber mit Potenzial

Mit der Nassvliestechnologie stellen sie aus Carbon-, Graphit-, Keramik-, Mineral- und Metallfasern spezielle Vliesstoffe her. Diese Technologie habe den Vorteil, besonders kurze Fasern und damit auch alte Produkte zu dünnen, leichten und gleichmäßigen neuen Vliesprodukten verarbeiten zu können. „Wir sind in einem Nischenmarkt unterwegs“, sagt Clauss. Aber in einem mit Potenzial. Er nennt das E-Auto. So seien die Spezial-Keramik- und Mineralfasern, Vliesstoffe und Papiere mit bis zu 1400 Grad Celsius mechanisch belastbar. Clauss zeichnet ein Auto mit E-Batterie. Die Stoffe seien hier als Brandschutz zwischen den einzelnen Zellen der Batterie, zum Ummanteln der Batterie und zum Schutz des Personenraums einsetzbar. Die Firma arbeite mit internationalen Technologiekonzernen zusammen. Bislang liege der jährliche Umsatz bei etwa 750 000 Euro.

Phoenix Non Woven 365 ist nicht das einzige Unternehmen in der ehemaligen Scheufelen-Papierfabrik. In der Halle nebenan hat Fibers 365 einen riesigen „Dampfkochtopf“ aufgestellt. Er ist das Herzstück des ebenfalls vor drei Jahren gegründeten Start-ups. Auch diese Firma mit ihren acht Mitarbeitenden profitiert von der Expertise der ehemaligen Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Papierfabrik. Stefan Radlmayr, 59, Gründer des Unternehmens und gleichzeitig Geschäftsführer beider Start-ups, nimmt einen Plastikbehälter mit Stroh aus einem der Regale. Er steht dort neben solchen mit Hanf, Flachs, Luzerne, Lavendel, Schilf und anderen Pflanzenresten. Diese werden zunächst – ähnlich wie in einem Schnellkochtopf – erhitzt und unter Druck gesetzt. Durch schockartige Entspannung, die „Dampfexplosion“, werden die Fasern in ihre Bestandteile wie Zellulose, das Stütz- und Bindematerial Lignin und in langkettige Zuckerverbindungen, die Hemizellulosen, zerlegt. Das Material wird in ein Rohrsystem hineingeblasen und dann als Alternative zu Holz zu Faserprodukten verarbeitet.

Verfahren ist schon seit mehr als hundert Jahren bekannt

Das technisch als „Steam Explosion“ bezeichnete Aufschlussverfahren ist seit den 1920er Jahren bekannt. Hermann Dauser, 53, weiterer Mitgründer der Fibers 365 und Geschäftsführer der Salzburger Firma Agres Systems, habe es über viele Jahre zur energetischen Nutzung trockener Biomassen in Biogasanlagen so optimiert, dass diese Technik nun in kleinen Anlagen eingesetzt werden könne. Das patentierte Verfahren der Firma Agres Systems, die diese Anlagen entwickelt und baut, könne so nicht nur zur Substratherstellung von Ernte- und Grünabfällen für Biogasanlagen genutzt werden, sondern auch dafür, Fasern herzustellen.

Weizenstroh ist der Ausgangsstoff

Mit dem gemeinsam entwickelten Konzept würden – wie bei der Holzzellstoffproduktion – zwei Wertschöpfungsketten erstmals für Einjahrespflanzen wirtschaftlich und ökologisch verbunden: Faser- und Energieproduktion. Gängigster Ausgangsstoff sei derzeit Weizenstroh. Radlmayrs Ziel ist es, Lizenzen für die Anlagen, die Produktion und die Vertriebskanäle zu vergeben und Partner in Europa, Nord- und Südamerika zu gewinnen. Bislang stehen eine Versuchsanlage in Lenningen, eine ähnliche in Backnang sowie industrielle Anlagen in Deutschland und Italien. Allerdings gebe es auch einen Rückschritt infolge des Ukrainekriegs: Die für März geplante Inbetriebnahme einer Anlage in der Ukraine ist gestoppt. Dort hätten 30 000 Tonnen Biomasse verarbeitet werden können. „Die Pipeline mit vielen weiteren Projekten aus aller Welt ist dennoch ermutigend und zeigt den Bedarf und das Potenzial für unsere sogenannten Steam Fiber Plants“, meinen Radlmayr und Dauser.

Fasermaterial als nachhaltige Alternative

Forschung
 Fibers 365 und Phoenix Non Woven sind Start-ups, die Versuchsanlagen in der ehemaligen Papierfabrik Scheufelen aufgestellt haben. Sie forschen an der Herstellung von Fasermaterialien auf Basis von organischen nachwachsenden und anorganischen Stoffen. Phoenix Non Woven 365 möchte dabei so genannte End-of-Life-Produkte, beispielsweise Flügel ausrangierter Flugzeuge, aufbereiten.

Patente
 Die Firma Fibers 365, die gemeinsam mit dem Salzburger Unternehmen Agres Systems 40 Patente weltweit hält und 2024 schwarze Zahlen schreiben möchte, setzt auf einjährige Pflanzen, um Fasern und Biopolymere zu gewinnen. Dies ermögliche eine chemiefreie und energieautarke Produktion. Nach Auskunft des Unternehmens gibt es weltweit jährlich 1,7 Milliarden Tonnen landwirtschaftliche Reststoffe wie beispielsweise Stroh, in der Europäischen Union 0,4 Milliarden Tonnen.