Kein Baden-Württemberger hat eine höhere Graduierung in der Kampfsportart als Dieter Seibold aus Königsbronn. Auf dem Weg dorthin hat der 80-Jährige so einiges erlebt.
Wir schreiben das Jahr 1963, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio. Ein Dampfer befindet sich auf dem Weg nach Japan, in das Mutterland des Judo-Sports, dort, wo in der ältesten Judo-Schule der Welt die Besten der Besten trainieren: im Kodokan-Institut in der japanischen Hauptstadt. Mit an Bord ist auch ein blonder und schmächtiger junger Mann aus Deutschland, genauer aus Königsbronn in der Nähe von Heidenheim, damals neben dem PSV Stuttgart eine Judo-Hochburg. Um die fünfwöchige Reise finanzieren zu können, schippt der Sportler zweimal in der Woche Kohlen im Frachtraum des Dampfers. Der Mann heißt Dieter Seibold.
Auf der Skischanze die Knochen gebrochen
Mittlerweile ist der 80-Jährige eine wahre Judo-Legende, kein Baden-Württemberger hat eine höhere Graduierung in der Sportart als der Königsbronner. Seibold hat kürzlich die zweithöchste Auszeichnung im Judo erhalten: den 9. Dan. Nur sechs andere Deutsche verfügen neben Seibold über diese Graduierung. Die höchste Judo-Auszeichnung, den 10. Dan, haben bisher nur Japaner erhalten.
Für Seibold ist es der „Ritterschlag“ in seinem Leben, das er größtenteils dem Judo-Sport gewidmet hat. Der Königsbronner, geboren 1942 in Aalen, entdeckte im Alter von zwölf Jahren den Kampfsport für sich. Zuvor hatte er es schon mit Handball, Fußball, Turnen und Leichtathletik probiert. Sogar auf der Skischanze stand Seibold als junger Bub, „da habe ich mir ein paar Mal die Knochen gebrochen“, erzählt er heute mit einem Schmunzeln. Königsbronn entwickelte sich derweil zur Judo-Hochburg, und für Seibold war es im ersten Training so etwas wie die Liebe auf den ersten Blick: „Mir hat gefallen, wie reaktionsschnell man sein muss, das war was für mich“, sagt er.
Ein Nein zu einem Kampf war in Japan nicht gestattet
Und er sollte Recht behalten: Es dauerte nicht lange bis Seibold die ersten deutschen Jugendmeisterschaften gewann, bei den Erwachsenen feierte er acht Meistertitel bei Landes-und Süddeutschen Meisterschaften. Der 1,70 Meter große Mann aus Königsbronn gehörte zur absoluten Spitzenklasse im Leichtgewicht (bis 63 Kilo).
Eine neue Richtung nahm sein Leben im Jahr 1963 bei einer deutschen Meisterschaft. Der damalige japanische Bundestrainer war beeindruckt vom Kampfstil des jungen Deutschen. „Du musst in Japan trainieren“, hatte er zu ihm gesagt, erinnert sich Seibold heute in seinem mit japanischen Kunstwerken dekorierten Wohnzimmer.
Ins Mutterland des Judo-Sports? Das ließ sich der ambitionierte Kämpfer nicht zweimal sagen. Doch es fehlte das Geld, Seibold war noch in der Ausbildung zum Bankkaufmann, seine Eltern seien zwar nicht arm gewesen, aber eine solch weite Reise zu dieser Zeit war auch für sie zu teuer. Seibold schaffte es durch den Arbeitsdeal dennoch auf den Dampfer. In Japan angekommen, lernte er schnell, was es hieß im Kodokan-Institut zu trainieren. „Die haben mit mir die Matte ausgeklopft“, erzählt Seibold. Ein Nein zu einem Kampf mit den weltbesten Judo-Kämpfern sei nicht gestattet gewesen.
Ersatzmann bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio
Der Königsbronner startete in Japan mit einem Budget von einem Dollar. Um an Geld zu kommen, suchte er sich die unterschiedlichsten Jobs, Seibold war sich für nichts zu schade: In den zwei Jahren Aufenthalt bis 1965 gab er Sprachunterricht in Deutsch, Englisch und Französisch, spielte als Komparse in japanischen Filmen mit, schrieb Berichte für deutsche Zeitungen und modelte für Magazine. Später gründete er mit einem Freund sogar eine eigene Modelagentur. „Wir haben mehr als 100 Models vermittelt“, erzählt Seibold. 1964 dann der Höhepunkt: Die Olympischen Sommerspiele in Tokio.
Doch Seibold hätte nach Deutschland zurückkehren müssen für den Ausscheidungskampf gegen den damaligen DDR-Meister. „Ich hatte aber nicht so viel Geld, um zurückzureisen“, erzählt er. Das Olympische Komitee stufte ihn als Härtefall ein, der Judo-Kämpfer konnte dadurch immerhin als Ersatzmann nominiert werden.
Die Spiele waren dann viel mehr der Startschuss für Seibolds Karriere als Sportfunktionär. Denn der sprachtalentierte Königsbronner lernte schnell Japanisch und Koreanisch, übernahm die Rolle des Dolmetschers bei den Spielen in Tokio. Willi Daume, damaliger Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB, heute DOSB), sagte in Japan zu ihm: „Du bekommst in Deutschland jeden Job“, erzählt Seibold.
In diesem Jahr geht es für den 80-Jährigen wieder nach Japan
Daume hielt Wort und berief den Königsbronner nach seiner Rückkehr 1965 in den Bundesausschuss des DSB für Leistungssport. Und auch im Organisationsstab der deutschen Olympiamannschaft von 1968 in Mexiko-Stadt und 1972 in München durfte die Expertise des Judo-Kämpfers nicht fehlen. Zudem sorgte Seibold mit dafür, dass 1971 zum ersten Mal die Judo-Weltmeisterschaft in Deutschland stattfand. Die Liste seiner Verdienste für den Judo-Sport ließe sich noch lange fortführen. Auch deshalb hat Seibold nun den 9. Dan erhalten.
Seine aufgebauten Verbindungen im Judo verhalfen ihm zudem zu einer erfolgreichen Karriere als Geschäftsmann, die gleichzeitig seine Lust auf andere Länder stillte: Insgesamt 105 Staaten hat Seibold in seinem Leben bisher besucht. Die zurückgelegten Strecken hätten „viermal bis zum Mond gereicht“, sagt er. Bei all den Reisen blieb das beschauliche Königsbronn stets seine geliebte Heimat: „Wie sagt dr Schwoab? Was gscheits kommt zrück“, so Seibold.
In diesem Jahr zieht es ihn aber wieder in die Ferne: zum Treffen der Träger des 9. Dans nach Japan. „Das ist eine große Ehre für mich, da werde ich hingehen“, sagt der 80-Jährige und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Inzwischen bin ich auch in der Lage, das Ticket voll zu bezahlen.“
Schmutzige Hände vom Kohleschippen muss er dieses Mal also nicht befürchten.