Der Wundermann: Herbert Grönemeyer erzeugt gemeinschaftsstiftende Magie. Nur tanzen kann er nicht. Foto: Ferdinando Iannone - Ferdinando Iannone

Er hat eine kraftvolle Stimme – und eine ebenso kraftvolle Haltung: In der restlos ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle euphorisiert der 62-jährige Star aus dem Ruhrpott 14.000 Fans.

StuttgartHerbert Grönemeyer ist ein Wundermann. Ein Hexer. Ein Menschenfänger. In einem zweidreiviertel Stunden langen Extrakt des Triumphes zaubert er 14 000 Fans überlebensgroße Glückseligkeit in die Herzen – und erzeugt eine gemeinschaftsstiftende Magie, der sich niemand in der restlos ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle entziehen kann. Sein Auftritt bietet alles und im Überfluss: eine superbe Bühne, eine fantastische LED-Wand, wunderschöne Lichtbilder und Videos, eine exzellente, achtköpfige Band – und nicht zuletzt Songs, die intelligent und gleichzeitig berührend sind, egal ob sie von der Liebe, von Humor oder politisch inspiriert sind.

Diese Musik ist wunderschön, teilweise an der Grenze zum Kitsch. Und die Texte pfeffern, mal poetisch, mal substanziell. Grönemeyer weckt damit Unruhe, Sympathie und Neugierde. Wie bei „Sekundenglück“, mit dem er gleich zu Beginn die Massen euphorisiert. Es ist ein zart-delikates, sehr lyrisches Stück. Ein Liebeslied, das erneut beweist, dass Grönemeyer nicht nur ein großer Musiker ist, sondern auch ein großer Dichter. „Sekundenglück“ stammt vom aktuellen, 15. Album „Tumult“, das musikalisch größtenteils keinen Tumult auslöst, dafür aber ein politisches, gegenwärtiges, nachdenklich-kämpferisches Werk geworden ist. Tumult ist Grönemeyers Wort für den Zustand, in dem sich unsere Gesellschaft befindet. Es ist eine nervöse, eine unruhige Zeit.

Heimat im Plural

Umso mehr braucht es eine Heimat, einen Ort, den alle Menschen brauchen und nach dem sich alle sehnen. Heimat gibt es für Grönemeyer allerdings nur im Plural, wie er zur Halbzeit des Sets in „Doppelherz / Iki Gönlüm“ bekennt, seinem Lied für eine offene Gesellschaft. Er, der seit einiger Zeit wieder in Berlin lebt, holt sich dazu seinen Support-Act, den 28-jährigen Kreuzberger Rapper Andac Berkan Akbiyik alias BRKN, auf die Bühne, und im Duett singen sie auf Deutsch und Türkisch das orientalisch angehauchte Lied. Sehr mitreißend. Sehr tanzend. Sehr mitsingend.

Von „Tumult“ legt Grönemeyer, dessen erste Plattenfirma in Stuttgart beheimatet war und der ein halbes Jahr lang am Stuttgarter Theater schauspielerte, weitere Stücke auf. „Bist Du da“, „Und immer“, „Taufrisch“, letzteres ein nachdenkliches Lied gegen Rassismus und Ausgrenzung, später das protestsonghafte „Fall der Fälle“ mit seiner klaren Ansage zum Widerstand gegen Rechtsextremismus, dazwischen die Ballade „Mein Lebensstrahlen“, für Grönemeyer selbstredend das schönste Lied, das er je geschrieben hat – was im Publikum freilich auf wenig Zustimmung trifft. Grönemeyer steht für Ehrlichkeit und Authentizität. Er ist eine Ikone des Reviers, geradeaus, unverfälscht, temperamentvoll und mit einer großen Portion Selbstironie ausgestattet. Und er ist ein ungekünstelter Arbeiter.

Und wie hart er auf der Bühne arbeitet! Trotz schwarzem Sakko, weißen Sneakern, präsidialem Bäuchlein, Doppelkinn und Nerd-Brille. Er schreit und schwitzt. Er dirigiert die Massen mit leichter Hand und badet gleichzeitig in der Menge. 62 Jahre alt ist Grönemeyer mittlerweile, aber noch immer ungestüm. Wie aufgezogen rennt er von der rechten Bühnenseite zur linken und wieder zurück. Vor allem aber sprintet, stakst, trippelt und hüpft er den vorgelagerten Laufsteg rauf und runter. Grönemeyer ist im Konzert die personifizierte, euphorische Spannungsentladung, ein Mann des Volkes, der große Gefühle nie zu pathetisch verkauft. Das macht ihn für viele so sympathisch.

Nur tanzen kann er nicht. Seine ­tappsig-zappeligen Schritte und Dance-Moves sind herrlich ungelenk, worüber er sich selbst lustig macht. Ja – und singen im klassischen Sinne tut er, auch wenn er’s könnte, weiterhin nicht. Grönemeyer grölt, knödelt, nuschelt, hechelt, japst, brüllt und drückt an Stellen, die andere feinsinnig unbetont lassen. Er hämmert wie ein den Drucklufthammer führender Bauarbeiter. Jede Syntax, jeder Reim verfährt sich in seinen unberechenbaren Atemwegen. Ausgeworfen setzt sich das jedoch zu einer markanten, einzigartigen Stimme zusammen. Und zu einer sehr kraftvollen, die auch lange Töne halten kann.

Kraftvoll ist Grönemeyer auch als Künstler mit Haltung. Er fängt den Gemütszustand der Deutschen gut ein und fungiert manchmal sogar als eine Art Gewissen. Er ist und bleibt ein Seismograf der deutschen Befindlichkeit. In kurzen Zwischenmoderationen fordert er unter anderem dazu auf, keinen µm (sprich: mü, bedeutet: Mikrometer, also ein Tausendstel Millimeter) nach rechts zu rücken.

Zwischen sensibel und breitbeinig

All das, zusammen mit der spektakulären Show, addiert sich zu einem kollektiv mit Jubel aufgenommenen Konzertereignis voller unvergesslicher Augenblicke. Einmal steigt Grönemeyer nach unten zur Zuhörerschaft – und fällt doch bildhaft nach oben. Der Beifall der Fans gilt der Musik, nicht dem äußeren Schein samt herabregnendem Konfetti. Die fabelhafte Band ist fein austariert zwischen zart-sensibel und breitbeinig rockend. Facettenreich loten sie ihr Potenzial sogar mit lateinamerikanischen Rhythmen und Swing aus. Wie bei „Mensch“, das lebendiger klingt als früher.

Im „Tumult“ ist natürlich weiterhin ausreichend Platz für Klassiker. En bloc haut Grönemeyer schon früh im Programm mal eben so das in stahlblaues Licht getauchte „Bochum“, „Männer“ und „Was soll das“ raus. Es sind wagemutige Versionen seiner alten Hits, rasant und höchst gelungen. Er kultiviert das Chaos, in dem der „Alkohol“ trotz die Sinne vernebelnden, psychedelischen Farbbildern frischer und knackiger die Kehle hinunterläuft und „Kinder an die Macht“ rockiger schmecken. Überhaupt gelingen ihm an diesem Abend insbesondere die Rock’n’Roll-Nummern wie „Kopf hoch, tanzen“ und „Vollmond“ überragend und voller elementarer Kraft.

Dreimal kommt Grönemeyer dann noch zu Zugaben zurück. Die Bühne, sie ist für ihn ein magischer Ort, von dem er sich gar nicht trennen will. Schlicht genial und ergreifend intoniert er unter anderem „Flugzeuge im Bauch“ als Akustik-Jazz-Nummer mit Piano, Kontrabass, spanischer Gitarre und vielstimmigem Chor. Grönemeyer kann das Intimste auch im öffentlichen Raum ausstellen. Er rettet die Fans durch den Sturm, wie bei „Zeit, dass sich was dreht“ als Chefdirigent und Souffleur zugleich. Nach genau 165 Minuten setzt er in dem mitreißenden Achterbahn-Konzert mit „Immerfort“ den Schlusspunkt. Grönemeyer alleine am Klavier, giftgrün von mehreren Strahlern illuminiert. Noch einmal knüpft er im Hier und Jetzt ein unsichtbares Band zwischen sich und dem Publikum und sorgt für Sekundenglück. Zusammengerechnet von Anfang bis Ende kommt ein Stundenglück heraus und über das Konzert hinaus: viel Tageglück.

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