Montagnachmittag im Treffpunkt der Gemeinwesenarbeit im Esslinger Stadtteil Brühl: Das kleine Mädchen freut sich auf den Kreativkurs, bei dem heute Töpfern auf dem Programm steht. Der junge Mann will mit anpacken, wenn die Esslinger Foodsaver nachher zwei Wagenladungen voll Obst, Gemüse, Brot und Joghurt anliefern. Die ältere Dame ist mit ihrem Begleiter vorbeigekommen, weil sich hier montags jeder an den gespendeten Waren bedienen darf - gemeinsam gegen Lebensmittelverschwendung. Sie alle treffen sich in der kleinen Sitzecke im Eingangsbereich und unterhalten sich miteinander. Und die junge Mama, die eben ihren beiden Jungs den Weg ins Spielzimmer gezeigt hat, strahlt: „Hier geht es immer freundlich zu, international und multikulturell.“
Ein „Willkommen!“ in vielen Sprachen begrüßt als Wand-Tattoo die Besucherinnen und Besucher des Treffpunkts mitten im Quartier.„Das hier macht Menschen glücklich“, sagt Zejnep Özen, die hier schon einen Deutschkurs absolviert hat, immer wieder zum gemeinsamen Frühstücken vorbeikommt und sich zum Handarbeiten verabredet. Kreet Gomaa aus Syrien ist voll des Lobes für Arife Bagci-Demirkol, die die Quartiersarbeit aufgebaut hat und seit mehr als 20 Jahren organisiert: „Sie ist sehr nett. Sie ist immer für jeden da. Sie macht das wie für eine Familie.“ Weil er etwas zurückgeben möchte, hilft er ein- bis zweimal die Woche mit: Er übersetzt aus dem Arabischen, spielt mit den Kindern und entwirrt an diesem Nachmittag mit Engelsgeduld die verhedderten Schnüre einer Jalousie.
Kontakte knüpfen, Lernhilfe, Stricktreff
Salih Mohammed kommt immer montags vorbei, um sich mit Lebensmitteln einzudecken: „Das ist besonders gut für Familien, aber auch für alte Menschen. Und es ist schön, dass man sich treffen und miteinander sprechen kann.“
Das Angebot orientiert sich an den Bedürfnissen und Interessen der Menschen im Stadtteil, erzählt Arife Bagci-Demirkol:„Viele wollen einfach so vorbeischauen, ein bisschen plaudern, Kontakte knüpfen und neue Menschen kennenlernen. Andere möchten gezielt an einzelnen Aktivitäten teilnehmen.“ Da gibt es Lernhilfe, Back- und Kochgruppen, einen Stricktreff, die Kinder-Aktion „Vom Quartier ins Theater“, Sport am Morgen, einen Entspannungskurs für Frauen sowie den KISS-Kindersport.

Arife Bagci-Demirkol koordiniert die Quartiersarbeit in der Heinrich-Gyr-Straße 13. Die studierte Diplom-Betriebswirtin mit Zusatzqualifikationen im Bereich Deutsch als Fremdsprache, Integration, Alphabetisierung, bürgerschaftliches Engagement und Gemeinwesenarbeit versteht sich als Brückenbauerin: „Ich frage immer nach: Welche Angebote werden gewünscht?
Eine offene Begegnungsmöglichkeit oder besondere Veranstaltungen? Oder beides? Braucht es jemanden, der zuhört? Benötigt jemand in einer besonderen Lebenslage Beratung, Hilfe oder Unterstützung?“ Das Angebot der Stadtteilarbeit richtet sich an Menschen aller Altersgruppen, ungeachtet von Herkunft, Religion oder persönlicher Geschichte.
Nebenan haben die Kids mit Kunsttherapeutin Julia Gamer mittlerweile roten und weißen Ton ausgepackt. Anastasia freut sich aufs Wiedersehen mit Fatima, Nur, Dana, Saif und Audrey: „Wir machen jedes Mal tolle Sachen zusammen, heute kneten wir groẞe Schalen, das ist ganz schön schwierig.“ An anderen Montagen wird, unterstützt durch die 27-jährige Ehrenamtliche Diala, gefilzt oder gemalt, werden die Karotten, Gurken und Zucchini in den Hochbeeten im Garten gepflegt oder kleine Ausflüge unternommen.
„Der erste Schritt ist oft schwierig“
Arife Bagci-Demirkol ermuntert dazu, selbst die Initiative zu ergreifen: So organisieren tanzbegeisterte Frauen aus dem Stadtteil ihre Zumba-Gruppe in Eigenregie. „Sie toben sich aus zur Musik, sie machen das mit ganz viel Engagement und sind mit Mega-Spaß bei der Sache. Eine Gruppe von Müttern tauscht sich beim Spazierengehen aus: Gemeinsam läuft's sich besser.“ Gerade den Migrantinnen, die nicht berufstätig sind, fehle häufig der tägliche Kontakt und der sprachliche Austausch: „Der erste Schritt ist oft schwierig. Dann gebe ich einen Stups, gefallen bin, haben die Volunteers vieles hier ganz allein in Schwung gehalten“, erzählt sie stolz.
Und ohne Kooperationspartner wie Stadt und Landkreis Esslingen, das Jobcenter, die Stiftung Jugendhilfe aktiv, Kirchengemeinden, Sportvereine, Kindergärten und Schulen, Krankenkassen oder die VHS wäre das vielfältige Angebot nicht zu stemmen. So wurde etwa über Ostern in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz für Grundschulkinder eine Ausbildung zum Streitschlichter ermöglicht.
Die Brühler fühlen sich im Treffpunkt aufgehoben, bekommt Arife Bagci-Demirkol regelmäßig zurückgemeldet: „Sie sagen: ,Wir bezahlen die Miete für unsere Wohnung und kriegen dieses Haus und seine Angebote mit dazu. Das wissen die Menschen im Viertel sehr zu schätzen.“
Ganz besonders berührt es sie, wenn Menschen, die sie vor gut 20 Jahren zu Beginn ihrer Arbeit als Quartiersmanagerin in Brühl als Kinder betreut hat, nun wieder hierherziehen und mit ihren eigenen Kindern die Angebote des Treffpunkts nutzen und schätzen.
Von Gaby Weiß
Ein lebendiges Miteinander
In der Gemeinwesenarbeit der EWB in der Heinrich-Gyr-Straße sind alle willkommen.
Seit 2002 ist die Gemeinwesenarbeit aus dem Esslinger Stadtteil Brühl nicht mehr wegzudenken. Träger ist die Esslinger Wohnungsbau (EWB) in Kooperation mit der Stadt Esslingen. 272 Wohnungen, 333 Appartements und fünf Gewerbeeinheiten gehören in Brühl zum Bestand, rund 1300 Menschen, darunter etwa 120 Kinder, leben hier. Arife Bagci-Demirkol ist die gute Seele des Treffpunkts in der Heinrich-Gyr-Straße 13.
Sie hat die Quartiersarbeit mit aufgebaut und entwickelt sie behutsam weiter - gemeinsam mit den Brühlerinnen und Brühlern, mit Ehrenamtlichen und mit einem großen Netzwerk aus engagierten Kooperationspartnern. Schon bei der Planung des Neubaus waren die Bewohner mit im Boot. Die transparente Architektur demonstriert die Intention des Nachbarschaftsprojekts: „Wir sind nach allen Seiten offen“, sagt Arife Bagci-Demirkol.„Gemeinsam wollen wir das Leben in unserem Quartier jeden Tag ein wenig besser machen und ein buntes, lebendiges und harmonisches Miteinander mit einem stabilen nachbarschaftlichen Zusammenhalt schaffen“.
gw