
Herr Ruppaner, 50 Jahre Leinfelden-Echterdingen - was empfinden Sie, wenn Sie an diesen runden Geburtstag der Stadt denken?
Zunächst empfinde ich großen Respekt vor all den Menschen, die in diesen fünf Jahrzehnten mit viel Fleiß, Mut und Gemeinsinn daran gearbeitet haben, dass aus vier selbstständigen Gemeinden eine moderne, lebenswerte Stadt entstehen konnte. Als Oberbürgermeister erfüllt mich das Jubiläum aber auch mit Dankbarkeit und Demut - denn wir stehen heute auf den Schultern vieler, die diese Stadt klug und mit Weitsicht gestaltet haben.
Gleichzeitig ist ein Jubiläum immer auch ein Impuls, innezuhalten, zurückzublicken und daraus neue Kraft für die kommenden Jahrzehnte zu schöpfen.
Welche Entscheidungen aus einem halben Jahrhundert Stadtgeschichte waren für die Entwicklung Leinfelden-Echterdingens besonders prägend - und warum?
Die wohl folgenreichste Entscheidung war zweifellos die Vereinigung der vier Gemeinden zur Stadt Leinfelden-Echterdingen im Jahr 1975. Ohne diesen Schritt wären viele Entwicklungen vom Status als Große Kreisstadt bis zum Anschluss an das S-Bahn-Netz - kaum denkbar gewesen.
Was würden Sie noch nennen?
Auch der mutige Ausbau der Gewerbegebiete, der Bau der Landesmesse und die infrastrukturelle Erschließung der Stadt waren prägend. Sie haben den wirtschaftlichen Erfolg begründet, den wir heute spüren. Entscheidend war dabei stets, dass Politik, Verwaltung und Bürgerschaft den Weg gemeinsam gegangen sind - auch bei schwierigen Themen.
Das Zusammenwachsen der vier Teilorte war jedoch kein Selbstläufer. Was hat nach Ihrer Erfahrung am stärksten zur Identifikation mit der Gesamtstadt beigetragen?
Wirkliche Identifikation wächst nicht per Verwaltungsakt, sondern durch gemeinsame Erlebnisse, geteilte und Verantwortung das Gefühl, etwas zusammen auf den Weg zu bringen. Das gelingt vor allem dort, wo Menschen sich begegnen - in Vereinen, in Schulen, auf Festen oder in der Nachbarschaft.
Formate wie das Krautfest, das ehrenamtliche Engagement in über 180 Vereinen stiften ein Wir-Gefühl, das über Ortsgrenzen hinweg verbindet. Deshalb nimmt bei uns die Förderung des Ehrenamtes und der Vereine einen hohen persönlichen wie auch finanziellen Stellenwert ein. Heute empfinde ich zwischen den Stadtteilen nicht nur Zusammenhalt, sondern auch eine wohltuende Vielfalt, die uns stark macht.
Leinfelden-Echterdingen steht heute wirtschaftlich gut da, nicht zuletzt durch die Nähe zum Landesflughafen. Was waren die wichtigsten Weichenstellungen, um den Standort so attraktiv zu machen?
- Die geografische Lage zwischen Messe, Flughafen und Autobahn - war ein Geschenk. Doch dieses Potenzial musste auch gehoben werden. Dass Leinfelden-Echterdingen heute ein wirtschaftlich prosperierender Standort ist, verdankt sich kluger Flächenpolitik, zielgerichteter Wirtschaftsförderung und einer vorausschauenden Infrastrukturentwicklung. Die Erschließung attraktiver Gewerbegebiete, der Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr und die Entscheidung für moderne Bildungs- und Betreuungseinrichtungen haben Unternehmen überzeugt - genauso wie ein verlässlicher Dialog zwischen Stadt und Wirtschaft. Dabei achten wir bewusst auf Ausgewogenheit: wirtschaftliche Stärke ja, aber nicht um jeden Preis sondern mit Augenmaß und Blick für Nachhaltigkeit.
Was sind die größten Herausforderungen für die kommenden Jahre - sei es im Wohnungsbau, in der Mobilität oder in der Gestaltung des öffentlichen Raums?
Unsere größte Herausforderung liegt im Spagat zwischen Wachstum und Lebensqualität. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum, moderne Mobilitätsangebote und attraktive öffentliche Räume - aber wir stoßen dabei immer häufiger an ökologische, finanzielle und gesellschaftliche Grenzen. Zugleich sehen wir uns mit stark steigenden Anforderungen von Bund und Land konfrontiert, etwa bei der Kinderbetreuung oder der Unterbringung Geflüchteter - ohne dass die entsprechenden Mittel bereitgestellt werden. Deshalb wird es in den kommenden Jahren um Prioritätensetzung gehen: Was ist für unser Miteinander wirklich wichtig? Was stärkt unsere Stadtgesellschaft? Und wie schaffen wir es, dabei generationengerecht zu handeln?
Wenn wir Leinfelden-Echterdingen im Jahr 2040 denken: Was sollte sich nach Ihrer Meinung verändern?
Im Jahr 2040 sollte Leinfelden-Echterdingen eine resiliente, zukunftsgewandte Stadt sein digital modernisiert, sozial durchlässig, wirtschaftlich stark.
Ich wünsche mir eine Stadt, in der Bildung höchste Priorität genießt: von der frühkindlichen Förderung über moderne Schulstandorte bis hin zu lebenslangem Lernen. Denn wenn wir als Kommune, als Gesellschaft, auch in Zukunft vorne mitspielen wollen, ist Bildung der zentrale Schlüssel - für Innovation, Chancengleichheit und Zusammenhalt.
Was darf keineswegs verloren gehen?
Was unter keinen Umständen verloren gehen darf, ist unser Sinn für Miteinander. Unsere Stadt ist nicht nur Infrastruktur, sie ist vor allem ein Beziehungsraum - geprägt von Nachbarschaft, Ehrenamt und dem Gefühl, gebraucht zu werden. Dieses soziale Kapital ist unser größter Schatz - und er muss gepflegt werden, gerade in einer Zeit zunehmender Digitalisierung, Individualisierung und Polarisierung.
Ein Stadtjubiläum lebt auch vom Feiern. Worauf dürfen sich die Bürgerinnen und Bürger im Jubiläumsjahr besonders freuen?
Unsere Bürgerinnen und Bürger dürfen sich auf ein fröhliches, buntes Festwochenende vom 27. bis 29. Juni freuen - mit Musik und Kultur, mit Kulinarik und Begegnung, mit vielen Überraschungen und natürlich mit ganz viel Herzblut aus den Reihen unserer Vereine. Über 60 Gruppen gestalten das Programm - das zeigt, wie lebendig unser Ehrenamt ist.
Worauf freuen Sie sich ganz persönlich?
Ich persönlich? Besonders auf die vielen Gespräche am Rande, auf das gemeinsame Lachen, das ungezwungene Miteinander. Denn genau das macht für mich den Kern dieses Jubiläums aus: Es ist ein Fest für uns alle und eine Einladung, sich einzubringen, zu erinnern und gemeinsam über die Zukunft ins Gespräch zu kommen.
Zur Person – Otto Ruppaner
Geboren: 12. November 1982,
Scherzingen (Schweiz)
Familienstand: Verheiratet, zwei Kinder
Beruf: Diplom-Verwaltungswirt (FH)
Politik: Parteilos, unterstützt von FDP und Freien Wählern
Ämter: 2014-2024 Bürgermeister von Köngen, seit März 2024 Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen
Wahl: 2023 mit 53,4 Prozent im zweiten Wahlgang gewählt.