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Bauen & Wohnen16.05.2015

Probier‘s mal mit Gemütlichkeit

Bei den Einrichtungstrends geht es um Entschleunigung

Auf Messen wie etwa der IMM Cologne inKöln zeigt dieMöbelbranche jährlich, wie wir wohnen sollen. 2015 ist es nicht der große Esstisch oder das Sofa, die Trends setzen. Es ist das kleine Kissen auf der Couch.

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Von Simone Andrea Mayer

Gemütlichkeit ist das zentrale Schlagwort in diesem Jahr. Das Idealbild sei für viele ein englisches Cottage mit viel Grün drumherum, berichtet Markus Majerus, Sprecher des Veranstalters Koelnmesse. Aber das mit dem gemütlichen Wohnen ist nicht ganz neu. Man könnte nach dem Comeback der Gemütlichkeit im vergangenen Jahr nun schon von der Gemütlichkeit 2.1 sprechen. Aber man kann auch einfach sagen, hierbei handelt es sich nicht um einen Trend, der nach einer Saison wieder weg ist. Sondern um einen Megatrend, wie das Messesprecher Majerus ausdrückt. Und um etwas, was uns noch eine Weile erhalten bleiben wird.

Wenn Einrichtungsexperten wie Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie von Gemütlichkeit sprechen, meinen sie ein Lebensgefühl. Der Mensch wolle zu Hause durchatmen können, sich zurückziehen von Stress und Hektik des Alltags, von einer Außenwelt, die durch die Kommunikation im Internet sich immer schneller zu drehen scheint, erklärt Geismann. „Man sagt sich: Ich will eine Welt, die anders ist als die da draußen.“ Entschleunigung zu Hause ist das Zauberwort.

Und das schafft sich der Mensch, indem er sich nicht einfach nur so einrichtet, wie er es gerne mag. Sondern er legt betont Wert auf Details bei Möbelformen und -eigenschaften, die nicht für Härte, schweren Alltag und Hektik stehen. Farben und Stoffe verstärken das Gemütlichkeitsgefühl.

Wie das aussieht? Statt Möbel mit eckigen Kanten sind nun eher runde Formen gefragt. Kuschelige, warme Stoffe wie Strick sind wichtig, Holz auch. Selbst Fliesen sehen so aus wie warme Holzböden. Und ganz wichtig sind dicke, große, weiche Sofas und darauf möglichst viele, viele Kissen, berichtet Geismann. „Die Polster werden weicher. Das passt zur Gemütlichkeit: Ich will weich sitzen, will lümmeln.“

Küchen im Countrystil haben einige Hersteller im Programm. Gefragt sind laut Majerus authentische, natürlicheMaterialien wie eben das gemütliche Holz, aber gerne in Verbindung mit Metall und Stein. „Ich finde spannend, dass man viele Formen sieht, die an die Natur erinnern.“ Er nennt als Beispiel die Muschelform. Natürliche Materialien sind mehr und mehr im Kommen. Geismann erklärt: Es dauert, bis sich erste Neuheiten zum großen Trend entwickeln. Beim Verbraucher komme diese Gemütlichkeitswelle jetzt erst richtig an.

Neues kündigt sich bereits an

Aber wenn sich auf Messen Trends etablieren, kündigen sich immer schon die nächsten an. Erste Anzeichen dafür zeigen sich zum Beispiel auf den gemütlichen Sofakissen, erklärt Farbenexperte Prof. Axel Venn aus Berlin. Die neuen Stoffmuster sehen gar nicht gemütlich aus. Statt runder Formen gibt es scharfkantige Dreiecke oder Vielecke. „Bald ist es vorbei mit der biederen Gemütlichkeit“, schließt Venn daraus.

So bleibe zwar die kuschelige, gemütliche Einrichtung, aber ihre Farben und Muster zeigten an, man soll nicht einschlafen. Es soll sich was bewegen. „Wir wollen nicht nur vor der Glotze sitzen, was knabbernund Rotwein schlürfen“, erklärt der emeritierte Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für Kunst in Hildesheim. „Wir sind wiedermehr auf Spannung aus, auf Diskussionen.“ So ergibt sich: „Wir beginnen, uns von der puristischen Einfachheit loszusagen.“ Das zeigen auch die Farben der neuen Wohnwelten an: Sie sind kräftig und klar. Es werde kein Braun, Beige oder Grau mehr beigemischt, umsie sanfter zu machen. Im Trend werden ein reines Weiß sein, das Gelb-Grün einer Zitrone, Orange, Aquamarin, Giftgrün, Veilchenblau und Preußisch- Blau sowie ein kräftiges Pink.

DIE ZUKUNFT IST BUNT

2014 waren viele Sofas blau, viele Accessoires gold und silber. und nun? Einer, der es wissen muss, ist der Farbenexperte Axel Venn. Der emeritierte Professor für Farbgestaltung und trendscouting an der Hochschule für angewandteWissenschaft und Kunst in Hildesheim hält seit vielen Jahren auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne Vorträge zu den Farbtrends. Er hat nun ausgemacht: Im trend ist 2015 eigentlich alles.

Immer mehr Hersteller erweitern ihre bestehenden Möbelserien in Schwarz, Weiß, Grau und Holztönen um eine große Farbenpalette. „Plötzlich hat man 27 Farbe“, sagt Venn. „Das ist ein Zeichen der Zeit, der Purismus ist out.“ Auch den Grund hat er ausgemacht: Nur Schwarz, Weiß und Grau im Wohnraum ohne Farbtupfer halte der Mensch nicht lange aus. „Er braucht Spannung.“ Während bisher Braun, Beige oder Grau vielen Farben beigemischt war, um diese dezenter wirken zu lassen, werden die Einrichtungsfarben in den nächsten Jahren richtig knallen. „Es werden reine töne sein, die sehr kräftig sind. Es wird prägnant sein, fast wehtun“, erklärte der trendscout. „Die Farben sind sicher nicht sanft.“ und dazu werden die Farben kombiniert: „Man wirdein strahlendes Weiß sehen, dazu Aquamarin, dazu ein kräftiges Pink und dazu ein Orange, das an das Warnsignal erinnert, und dann auch noch dazu Gelb.“ Die Mischungen erinnern an die Farbwelten zu Ende der 60er-Jahre.

Gepaartwerdendie Farben mit ebenso wilden Mustern: „Das Runde wird verschwinden, Polygone werden immer wichtiger“, prognostizierte der Professor. Auf Bezugsstoffen, Vorhängenund teppichen werden Vielecke statt Kreise zu sehen sein. Denn der Mensch will im Wohnraum ausdrücken, was seinen Erfahrungen undLebensinhalten entspricht – und diese haben Ecken und Kanten. „Es ist vorbei mit der biederen Gemütlichkeit“, meint Professor Venn.

Dass immer wieder etwas Neues in der Möbelbranche, aber auch in anderen Bereichen des Lebens kommen muss, erklärt der trendexperte sich mit dem ständigen Wunsch des Menschen nach Abwechslung: „Ein trend ist immer die Suche nach spannungsvollem Neuen.“ und daher seien „trends genau genommen nichts anderes als eine untreue Haltung zu vergangenen trends“. Aber: „In der Produktwelt lassen sich nur trends durchsetzen, die einen alten Kern besitzen.“ Daher seien zum Beispiel eben Farbwelten der End-60er-Jahre im Kommen. „trends brauchen immer Vorbilder“, sagt der Farbenexperte.


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