› mehr Wetter 

INTERVIEW: LENNE KAFFKA, MUSIKER UND SÄNGER

„Mist, es gibt mal wieder kein Patentrezept“

ESSLINGEN: Die Gruppe Phrasenmäher heute in der Dieselstraße – Originelle Texte und ansprechende Musik

Lenne und Jannis Kaffka haben gemeinsam mit Martin Renner (von links) das Pop-Trio Phrasenmäher zu einer der interessantesten Stimmen der aktuellen deutschen Musikszene gemacht.Foto: e
 

Lenne und Jannis Kaffka haben gemeinsam mit Martin Renner (von links) das Pop-Trio Phrasenmäher zu einer der interessantesten Stimmen der aktuellen deutschen Musikszene gemacht. Foto: e

 

Erfrischend eigenständig und immer wieder überraschend, musikalisch ansprechend und textlich originell, mal ironisch, mal skurril, aber stets intelligent – so präsentiert sich das Pop-Trio Phrasenmäher, das zu den vielversprechendsten Projekten der aktuellen Musikszene gehört. Im Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße sind Lenne und Jannis Kaffka sowie Martin Renner heute, Samstag, ab 20.30 Uhr zu Gast. Vorab hat sich EZ-Mitarbeiterin Gaby Weiß mit dem Sänger und Bassisten Lenne Kaffka unterhalten.

Euer Trio nennt sich Phrasenmäher. Ist das ein Hinweis darauf, dass Ihr so ziemlich alles bieten wollt, bloß keine hohlen Phrasen?

Kaffka: Der Name beschreibt die Art und Weise, wie bei uns häufig Lieder entstehen. Wir greifen irgendwo Wörter, Floskeln oder Phrasen auf, zum Beispiel in Kneipen und an Bushaltestellen. Dann basteln wir um diese Phrasen kleine Geschichten und mähen sie sozusagen durch. Beispiele dafür sind unsere Lieder „Hochklappdings“ oder „Im Sog der Breitnis“. Das sind Begriffe, die uns tatsächlich gesagt wurden und die uns zu Songtexten inspiriert haben.

Nehmt uns doch mal mit in Eure Phrasenmäher-Werkstatt: Wie werden Eure Themen weiter ausgearbeitet?

Kaffka: Die liegen auf der Straße, in Gesprächen, manchmal in der eigenen Gedankenwelt und wie bei unserer neuen CD „Heimathiebe Vol.1“, die wir ab dem 03.11. zunächst exklusiv auf allen Konzerten verkaufen, tatsächlich auch mal bei Wikipedia oder irgendwelchen Seiten im Internet. Auf dieser CD besingen wir 19 Städte, durch die wir getourt sind und setzen uns in kleinen Hymnen mit ihnen textlich und musikalisch auseinander. Die Idee für die CD ist uns natürlich durch unsere Konzertreisen gekommen. Die jeweiligen Themen für die einzelnen Städte sind durch eigene Erfahrungen, Gespräche mit Fans oder lustige Infos aus dem Internet geprägt. Insgesamt ist der Blick auf kleine Details des Alltags für Phrasenmäher-Songs sehr wichtig.

Wenn das Thema gefunden ist: Wie entstehen Eure Songs?

Kaffka: Meist kommt Jannis mit einem Text und Akkorden an und dann beginnt die Arbeit von Martin und mir. Martin geht sofort auf den Rhythmus und Groove, ich auf Textzeilen, Übergänge und Melodien. Dann hat Jannis wieder einen Einwand und so geht es hin und her. Dann passiert es auch oft, dass wir alle von Anfang an die Musik zusammen entwickeln oder teilweise auch schon beim Text komplett zusammen sitzen. Und Jannis und ich als Brüder haben natürlich auch schon zusammen entwickelt. Dann passiert es auch mal, dass ich einen Kaffee hole und schon haben Jannis und Martin sich irgendwas musikalisch einfallen. Mist, es gibt also mal wieder kein Patentrezept...

Ist Eure Band die Antwort darauf, welche Musik Ihr selbst mögt?

Kaffka: Natürlich fließen auch bei uns musikalische Vorlieben ein. Allerdings haben wir einen so uneinheitlichen Musikgeschmack, dass am Ende wahrscheinlich der Mix aus unseren Vorlieben herauskommt. Was wir nicht mögen, verarbeiten wir eher textlich - ironisch und nicht böse. Manchmal bauen wir kleine Musikzitate ein, um diese textlichen Aussagen zu unterstreichen oder zu überzeichnen.

Vieles ist im Musikgeschäft genau geplant. Seid Ihr mit einem klaren Konzept an den Start gegangen?

Kaffka: Am Anfang hatten wir zwar viel Spaß, aber absolut keinen Plan. 2003 sind wir als Schülerband entstanden und haben die ersten Jahre ein wenig in den Tag hineingelebt. Nur zweierlei stand von Anfang an fest: Wir wollten eigene, gute, deutsche Texte schreiben und musikalisch offen für alles sein. Das ist uns damals schon ganz gut gelungen. Dann hat sich über die Jahre alles tatsächlich irgendwie von selbst entwickelt. Mit unseren ersten Demoaufnahmen 2007 hat sich der Weg schon deutlicher abgezeichnet. Mittlerweile sind wir eine ziemlich gut strukturierte Band mit vielen wichtigen Helfern. Wenn man irgendwo ankommen will, braucht man auch einen Weg und vor allem ein Ziel.

Lässt sich Erfolg überhaupt planen oder ist auch etwas Glück dabei?

Kaffka: Beides ist richtig. Man braucht schon einen Plan oder ein Ziel. Ohne irgendeine Art von Qualität lässt sich kein nachhaltiger Erfolg erzielen, aber man braucht auch Glück. Das hatten wir auch. Wir sind der Meinung, dass man immer ganz viele Anknüpfungspunkte schaffen muss. Dinge machen und ausprobieren, sich auf der Ebene, auf der man sich befindet, breit machen. Dann braucht man ein wenig Glück, eine Art Türöffner, der einen auf die nächste Ebene bringt. Dann muss man das, was einem dort geboten wird, austesten und die neuen Chancen nutzen. Danach geht die Arbeit auf der höheren Ebene von vorne los. Wenn die Qualität fehlt, braucht man vielleicht gar nicht erst mit der Arbeit anzufangen...

Ist es für Euch selbstverständlich, deutsche Texte zu machen?

Kaffka: Ja, weil wir solche Texte nur auf Deutsch hinbekommen. Wir können auch andere Sprachen, aber solche Reime und Wortspiele bekommen wir da einfach nicht hin. Da wären wir ganz schnell bei „Ich liebe dich, du liebst mich...“ Und wir sind eigentlich ganz froh, dass wir das auf Deutsch vermeiden können. Obwohl, wie wäre es mit „mouse“ auf „house“?

Ihr seid von Haus aus Kulturwissenschaftler. Was können die Musiker in Euch von den Wissenschaftlern lernen – und umgekehrt?

Kaffka: Naja, wir studieren alle Kulturwissenschaften, aber von uns fühlt sich keiner als Wissenschaftler. Unsere Bandarbeit hat davon aber auf jeden Fall enorm profitiert. Vor allem, weil wir unterschiedliche Schwerpunkte hatten. Auch wenn wir aus Hamburg sind, haben wir nichts mit dem Verkopften der Musik der Hamburger Schule zu tun. Und wir machen auch keinen Akademiker-Pop. Glücklicherweise auch keine Blödelmusik, sondern intelligente Musik zum Schmunzeln und um hinter dem Witz auch ernste Ebenen zu finden.

Könnte es sein, dass man als gelernter Kulturwissenschaftler besonders hohe Maßstäbe an die eigenen Songs anlegt? Und manchmal vielleicht sogar zu hohe?

Kaffka: Vielleicht hinterfragt man die eigene Vorgehensweise schon stärker. Aber letztendlich schlägt sich bei uns die kulturwissenschaftliche Seite am stärksten in der Arbeitsweise und in der Planung des gesamten Bandprojekts nieder. Wir haben im Studium gelernt einzelne Künste zu verbinden. Planen auf allen Ebenen mit, zum Beispiel auch bei unseren Musikvideos und haben im Studium gelernt, dass zum Musiker sein noch mehr gehört, als nur Musik zu machen. Wir haben bspw. auch ein Bandbüro, haben uns mit zwei anderen Kulturwissenschaftlern zusammengeschlossen und arbeiten ganz eng in einem Fünferteam. Nur die musikalische Arbeit wird weiterhin ausschließlich von uns dreien geleistet.

Wenn man sich heute in der Musikszene etablieren will: Wie weit muss und wie weit darf man sich vom Mainstream absetzen?

Kaffka: Man sollte vor allem erst mal den Fokus auf die eigene Musik richten. Wenn man nur nach anderen schaut, wird die eigene Musik niemals Mainstream und so auch nicht massentauglich. Das, was man versucht zu kopieren, gibt es eh schon und besser. Dann sollte man nicht krampfhaft versuchen, nicht Mainstream zu sein, denn ein bisschen mögen wir alle auch schöne Melodien, einfache Songstrukturen. Wenn man so arbeitet, macht man wohl die beste Musik und die, die am besten zu einem passt. Richtig ist sicherlich aber auch, dass man bei der Studioarbeit darauf achten muss, dass sich unsere Ohren einfach an ein bestimmtes Soundlevel gewöhnt haben. Und wenn das eigene Ziel ist, ins Radio zu kommen, gibt es sicherlich Wege bei der Produktion, die eigenen Chancen zu erhöhen, aber keine Garantien. Aber da muss man dann als Band entscheiden, was einem bei der Studioarbeit wichtiger ist.

Ihr seid viel unterwegs: Konzerte, Interviews, die Arbeit im Studio, das Studium – wie lässt sich alles unter einen Hut bringen?

Kaffka: Flexible Planung ist wohl der passendste Begriff. Mittlerweile ist unser Leben über Monate im Voraus durchgeplant. Und trotzdem kommt dann immer wieder alles anders als man denkt. Beim Studium fehlt uns allen nur noch die Abschlussarbeit bzw. wir sind kurz davor. Da kommt es halt schon auch mal vor, dass man vor einem Konzert noch was für die Uni machen muss, aber wir brauchen nicht mehr andauernd in Seminare gehen. Ansonsten gestaltet sich halt viel in Phasen: Tourblock, Studioarbeit, Songwriting im Proberaum und zwischendurch immer mal wieder Interviews oder kleine lustige oder spannende Aktionen oder Projekte für die eigene Abwechslung.


Ihr wohnt in Hildesheim, aber für Eure Karriere spielt Stuttgart eine nicht ganz unwichtige Rolle?

Kaffka: Das war einer unserer persönlichen Glücksfälle. Als wir unser Demoalbum veröffentlicht hatten, haben wir nicht aufgehört, die CD an Radiosender zu schicken. Der SWR-Sender Das Ding hat dann drei Songs von uns vorgestellt und uns interviewt. Andreas „Bär“ Läsker, der Manager der Fantastischen 4, hat es gehört, war begeistert und hat uns kontaktiert. Zwei Treffen und zwei Wochen später war er dann auf einmal auch unser Manager. Zusätzlich war die Hörerresonanz auf das Das Ding so positiv, dass unser Lied „Im Sog der Breitnis“ in den Hörercharts bis auf Platz zwei kletterte. Phrasenmäher vor Kesha und David Guetta, das war schon ungewohnt für uns. Dann haben wir auch unsere Live-DVD für unser Album „Sehr verstörte Damen und Herren“ in Stuttgart eingespielt und sind kurz darauf mit Ich & Ich, Milow und den Fantastischen 4 auf dem Cannstatter Wasen aufgetreten. Seitdem hat sich einiges entwickelt. Stuttgart war also für uns so was wie die nächste Ebene. Und da wir im Dezember als Support-Act mit den Fantastischen 4 auf Tour gehen, spielt Stuttgart auch dieses Jahr wieder eine besondere Rolle für Phrasenmäher!


Und wo würde sich Phrasenmäher in fünf Jahren gerne sehen?

Kaffka: Vor vielen Fans auf vielen Konzertbühnen mit vielen verkauften CDs und viel Platz auf der Titelseite der Eßlinger Zeitung. Und dabei hätten wir gerne weiterhin so viel Spaß wie jetzt.

 

Artikel vom 22.10.2011 © Eßlinger Zeitung

Artikel drucken | Artikel als Email verschicken | Themenalarm

 

Leser-Kommentare (0)

-› Artikel kommentieren


WasWannWo?

Alle  Veranstaltungen auf einen Blick!

 

Zu den Terminen

 

Was läuft im Kino?

 

Zum Kinoprogramm

 

Werbung

 

Kartenservice

Karten bestellen Sie direkt im Veranstaltungskalender oder im EZ-Haus am Marktplatz

 

Karten bestellen

 

Im EZ-Haus:
Esslingen, am Marktplatz 6
MO-FR 9-17.30 Uhr
SA 9-13 Uhr
Tel. 0711/93 10-230

 
top zum Seitenanfang