Die Hausärzte dürfen bald selbst entscheiden, wenn sie vorrangig impfen. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Zwischen Impfneid und Impfscham lebt es sich schwer. Warum jetzt mehr Solidarität gefragt ist, erklärt Katrin Maier-Sohn.

Stuttgart - Kaum auszumalen, wie groß das Chaos und das Geschrei schon Anfang des Jahres gewesen wäre, wenn von Beginn an keinerlei Reihenfolge bei den Impfungen vorgegeben gewesen wäre. Ein ungefähres Abbild dieser Vorstellung zeigt sich in diesen Tagen – und das, obwohl die Impfpriorisierung offiziell noch gar nicht aufgehoben ist.

Beim letzten Impfgipfel der Politik hieß es, die Priorisierung soll „spätestens im Juni“ passé sein. In den Hausarztpraxen wird dies bereits ab kommenden Montag praktiziert werden. Und das ist auch gut so. Begründet wurde diese Entscheidung unter anderem mit dem Zögern vieler älterer Menschen, sich mit dem Impfstoff Astrazeneca immunisieren zu lassen. Und dieser soll ja nicht liegen bleiben, wenn damit Menschenleben gerettet werden könnten. Doch nicht nur diejenigen, die ohne Grund bestimmte Impfstoffe bevorzugen, bringen Unruhe in das System. Nichtberechtigte drängeln sich vor, obwohl aktuell nur die Gruppen eins, zwei und – zumindest teilweise – drei in den Impfzentren an der Reihe sind. Wieder andere sind eifersüchtig auf jeden, der vor ihnen dran ist. Eine gefährliche Mischung.

Jeder, der geimpft ist, schützt die Gesellschaft

Warum wurde die Nachbarin mit Anfang 30 schon geimpft? Was hat sie, was ich nicht habe? Nach langem Bangen ist endlich ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, doch die Gesellschaft zeigt sich unsolidarischer denn je. Impfneid nennt man das neuerdings, wenn der eine dem anderen den Piks nicht gönnt. Doch dieser Neid ist fehl am Platz. Es profitiert jeder davon, wenn möglichst viele Menschen geimpft werden. Das Virus kann sich dadurch weniger ausbreiten, weniger mutieren, und die Ansteckungsgefahr sinkt. Nur so kann die erstrebenswerte Herdenimmunität erreicht werden, und vor allem können nur so alle Impfdosen verwertet werden, ohne dass etwas weggeworfen werden muss. Ganz abgesehen davon, dass Menschen in allen Altersgruppen Vorerkrankungen haben können, die auch auf den ersten Blick nicht sichtbar sind – Personen mit psychischen Krankheiten etwa. Depressionen sieht man der 30-jährigen Nachbarin eben nicht an.

Es ist schwer, sich derzeit immer korrekt zu verhalten

Ein Freifahrschein zum Drängeln ist das aber nicht. Das Ausnutzen privater Kontakte, gefälschte Atteste oder ein erfundenes Alter – die Trickser werden immer kreativer. Auch eigens ausgestellte Bescheinigungen für „enge Kontaktpersonen“ von Pflegebedürftigen, die vorgelegt werden, obwohl man die kranken Eltern nur einmal im halben Jahr sieht, sind beliebte Mittel, um an das begehrte Vakzin – am besten von Biontech – zu kommen. All das ist genauso unsolidarisch, wie dem anderen die Impfung nicht zu gönnen.

Gar nicht so leicht da zu entscheiden, wie man sich korrekt verhält. Das Impfselfie auf Instagram posten oder die Immunisierung für sich behalten? Minütlich die Webseite des Impfservices aktualisieren oder warten, bis sich der Hausarzt von selbst mit einem freien Termin meldet?

Es lohnt sich, sich noch etwas in Geduld zu üben – auch wenn das nach den letzten Monaten des Verzichts und Bangens schwerfallen mag. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, wir müssen weiterhin vorsichtig sein, doch ein egoistisches Rangeln unter den Bürgerinnen und Bürgern ist das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können. Viel mehr spaltet dieses Verhalten, getrieben von Impfneid und Dränglern, in Zeiten, in denen Zusammenhalten wichtiger denn je ist. Und auch im Kleinen ist Missgunst Gift für Partnerschaften, Familien, Freundeskreise, ja für die gesamte Gesellschaft. Ein Gift, das lange wirken kann. Die Krise wird irgendwann vorbei sein, und wir sollten dann alle noch in den Spiegel schauen können. Nach Hamsterkäufen und Coronapartys ist das Karmakonto bei manch einem sowieso schon im Minus.