Mit seinem Humor hat er Generationen begeistert: Walter Schultheiß ist mit 101 Jahren gestorben. Foto: Schwabenlandfilm GmbH/Daniel Schneider

Das Land trauert um einen herausragenden Charakterdarsteller: Walter Schultheiß ist im Alter von 101 Jahren gestorben. Erinnerungen an eine schwäbische Legende.

Sein Humor war erfrischend – manchmal kantig, oft trocken, immer unverwechselbar. Als Walter Schultheiß vor eineinhalb Jahren in der Redaktion unserer Zeitung anrief, um sich für die Würdigung zu seinem 100. Geburtstag zu bedanken, sagte er in seiner unnachahmlichen Art: „War ein wunderbarer Nachruf.“ Genau diesen wünsche er sich, wenn er einmal abtrete. Man müsse nichts daran ändern.

Zwei Tage vor Weihnachten ist er „abgetreten“. Im biblischen Alter von 101 Jahren ist der Jahrhundertschwabe daheim in Wildberg im Kreise seiner Lieben gestorben.

Familie wollte in aller Ruhe Abschied von ihm nehmen

Erst am Freitagnachmittag hat die Familie die traurige Nachricht der Öffentlichkeit mitgeteilt. Nur im engsten Kreis wollten sein Sohn, seine Schwiegertochter, seine beiden Enkel mit den Verwandten und den allerbesten Freunden Abschied von „Walter“ auf dem Friedhof in Wildberg nehmen – dort, wo Trudel Wulle, die Ehefrau des herausragenden Schauspielers und selbst eine Heldin der Schwaben, seit vier Jahren ruht. Es war ein Abschied, der unter die Haut ging.

Die Beerdigung mit etwa 40 Trauergästen hatte eine heitere Note – im Sinne des Verstorbenen. Trotz der Trauer wurde immer wieder geschmunzelt. Die drei Redner (der frühere Daimler-Mann Matthias Kleinert, Produzent Frieder Scheiffele und Bürgermeister Ulrich Bünger) zitierten seine Sprüche, ließen seinen besonderen Humor noch einmal aufleben. Es war ein Abschied mit Wärme, Lächeln und großer Dankbarkeit. Viel Lob gab es für Götz Schultheiß und seine Frau, die ihn bis zuletzt gepflegt hatten.

Bünger kündigte an, dass in Wildberg eine Straße nach Walter Schultheiß benannt wird. Vor dem letzten Geleit zum Grab lief das Lied „Sag mir, wo die Blumen sind“.

Dem gebürtigen Tübinger war es vergönnt, bis ins hohe Alter in seinem Haus im Schwarzwald leben zu können, umsorgt vom Sohn und dessen Familie. Schultheiß hatte sich zum 100. Geburtstag gewünscht, die Einschulung seiner Enkel noch zu erleben – die war im September. In seinen letzten Stunden saß sein Sohn an seinem Bett.

Walter Schultheiß als Patriarch in dem Kinofilm „Global Player“ Foto: Verleih Movienet

Ein Inbegriff der schwäbischen Seele und Bescheidenheit

Kantig, knitz, pointenstark – so liebten ihn seine Landsleute. Schultheiß verkörperte die schwäbische Seele wie kaum ein anderer: wortkarg und warmherzig, humorvoll und tiefgründig. Eine einzigartige Karriere gelang ihm, ohne dass er je Aufhebens um sich selbst machte. Bescheidenheit war für ihn keine Attitüde, sondern Haltung – er hat diese Bescheidenheit mit Größe verbunden.

Noch an Weihnachten war er im Fernsehen in mehreren Sendungen präsent. Der SWR strahlte im Nachmittagsprogramm zwölf Folgen der Serie „Der Eugen“ aus . Am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags lief obendrein die Komödie „Sei still Kerle oder ’s Konfirmandenfescht“ mit Schultheiß. Die Zuschauer konnten nicht ahnen, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebte.

Es passt zu dem großen Mimen, dass er sich still verabschiedet, während seine Figuren weiterleben. Die Ausstrahlungstermine standen seit Sommer fest.

Wer die Familie Schultheiß im Schwarzwald besuchte, kam in ein gastfreundliches Haus. Kuchen und Kaffee von der Hausfrau standen bereit. Der Hausherr, der von seinen Landsleuten verehrt wurde wie ein Volksheld, saß locker im braunen Sessel, um aus dessen Tiefen seine Pointen abzufeuern.

Bei einem unserer Besuche baten wir ihn, für ein kurzes Video zu erklären, was zu tun sei,um so alt zu werden. Zeitlebens war es der vielseitig beschäftige Schauspieler gewohnt, vor Kameras auf Kommando zu reden. Flugs legte er los: „Um so alt zu werden, muss man jeglichen Sport vermeiden. Sport und Turnen füllt Gräber und Urnen.“ Nach einer kurzen Pause setzte er noch eins drauf: „Wer länger leben will, muss halt älter werden.“ Ach, so einfach ist das.

Viele seiner Sprüche sind legendär. „Nur wer mit Humor zu Bett geht, kann mit einem Lächeln aufstehen.“ Diesen Satz kann man fast als sein Lebensmotto verstehen.

Schauspieler ohne Starallüren :„Ich hab nur meine Arbeit getan“

Walter Schultheiß war ein Mann ohne Starallüren. Lieber biss er sich auf die Zunge, als sich selbst zu loben. Stolz sei er auf keinen Film, sagte er. „Ich hab nur meine Arbeit getan.“ Diese Arbeit machte Generationen Freude. Als Köberle, Eisele, Eugen, Altpfarrer oder Merkle, – meist geschrieben von seinem Freund, dem 2022 verstorbenen Autor Felix Huby – wurde er Teil schwäbischer Wohnzimmer und weit darüber hinaus.

Walter Schultheiß (rechts) 1992 mit Christoph Hofrichter in der Serie „Der König von Bärenbach“. Foto: SWR

Eine seiner Paraderolle war die des Altbürgermeisters Holzwarth in „Der König von Bärenbach“ (1992). Zunächst war die Serie nur im Südwesten Deutschlands zu sehen. Doch die Fans setzten sich mit Petitionen und Protestbriefen unter Federführung des Schauspielers Christoph Hofrichter so engagiert ein, dass die Serie schließlich auch in der ARD ausgestrahlt wurde – ein deutlicher Beweis für seine Beliebtheit.

Zu den wichtigen Produktionen in seinem langen Schauspielerleben zählen Rollen in dem Kriegsdrama „Drei Tage im April“ von Oliver Storz sowie im ZDF-Film „Pannenhilfe“, den Felix Huby so gut fand, dass er unbedingt für Schultheiß schreiben wollte.

Mit 88 Jahren bekam der große Schwabe seine erste Kinohauptrolle: In „Global Player“ spielte er einen sturen Patriarchen mit viel Feingefühl. Das SWR-Fernsehen strahlt diesen Film zu seinen Ehren am Samstag zur besten Sendezeit aus. Zum zweiten Zuhause wurde für Schultheiß in all den Jahren die Komödie im Marquardt in Stuttgart, in der er bis ins hohe Alter unzählige Male als absoluter Publikumsliebling gefeiert wurde. Auch als Maler machte er sich einen Namen.

Humor war sein Schutzschild – Gefühle konterte er mit einer Pointe

Schultheiß und Huby – ein Glücksfall der Fernsehgeschichte: zwei Marken, die das Bild der Schwaben bundesweit prägten – feinsinnig, witzig, alles andere als dumpf. Humor war das Schutzschild des Schauspielers. Gefühle trug er nicht vor sich her, er konterte sie am liebsten mit einer Pointe – gerade, wenn es um ernste Themen ging. Angst vor dem Sterben habe er nicht, sagte er: „Ich muss ja nicht unbedingt dabei sein.“ Was für ein Leben in 101 Jahren, im Auf und Ab der Zeitgeschichte! Am 1. Mai 1945 – eine Woche vor Kriegsende, Hitler war bereits tot – traf ihn eine Kugel in den Bauch. Es grenzte an ein Wunder, dass er überlebte. So konnte er zurück zur geliebten Bühne. Der vom Krieg abgemagerte Mime trug 1947 vor einem hungernden Publikum in Stuttgart so bildhaft „das Märchen von dicken, fetten Pfannkuchen“ vor, dass sich die Schauspielerin Trudel Wulle in ihn verliebte.

„Meine Frau ist das Beste, was mir passiert ist“, sagte Schultheiß gern bei Lesungen – und setzte eine Pointe drauf: „Ich kann sie jedem nur empfehlen!“

Wer Schultheiß und seine Frau traf,spürte ihre innige Verbundenheit

Wer die beiden traf, spürte sofort die innige Verbundenheit, die das Paar auszeichnete und für Jüngere zum Vorbild machte.

Das Land verneigt sich vor einer Legende

Bis ins biblische Alter blieb Schultheiß neugierig auf alles, was in Stuttgart und in der ganzen Welt passierte. Als er nicht mehr selbst Zeitung lesen konnte, las ihm sein Sohn jeden Morgen die Artikel vor, er sah Konzerte im Fernsehen, Reisesendungen aus Italien, Archäologiefilme. Sein berühmter Satz aus „Laible und Frisch“ – „Saufsch, stirbsch. Saufsch net, stirbsch au. Also saufsch“ – ging viral und brachte ihm Bewunderung der Jüngeren ein. Dabei hielt er selbst Maß, nicht Maßkrug. Alles im richtigen Verhältnis, das war seine Philosophie.

Am Freitag, 2. Januar, fand die Trauerfeier für Walter Schultheiß statt. Foto: ubo

Walter Schultheiß war ein ganz Großer, viel mehr als ein Volksschauspieler. Einer, den das Volk mochte, weil er ihm ähnelte und vertraut war, als wäre er Teil der eigenen Familie. Und weil er es vorbildlich verstand, sich nicht zu wichtig zu nehmen. Schultheiß nahm an, was kam und machte einen Witz dazu. Auch als er nicht mehr aufstehen konnte, jammerte er nicht. Das Land verneigt sich vor einer Legende. Und lächelt dabei ein wenig – so, wie er es gemocht hätte.