U-Roy blieb auch im Alter ein charismatischer Musiker. Foto: imago images/Le Pictorium/Michael Bune

Toasting heißt der Sprechgesang Jamaikas. U-Roy war einer seiner Meister und hat auch US-Amerikaner beeinflusst.

Kingston - Rap hat längst die Welt erobert. Dass dieser Poesie, Rohheit, Engagement und Aggression umfassende Stil seinen Siegeszug von den USA aus antrat, weiß jeder. Dass es einen starken Einfluss auf die US-Szene aus Jamaika gab, ist weniger bekannt. Auf Jamaika aber wird schon lange das sogenannte Toasting praktiziert, und einer der Meister dieser improvisierten Sprechgesänge ist jetzt im Alter von 78 Jahren gestorben. Auf Jamaika war er unter dem Namen U-Roy jeder Stubenfliege bekannt, auf Ämtern wurde er unter dem Namen Ewart Beckford geführt, hierzulande blieb er außerhalb der härteren Reggae-Fan-Gemeinde eher unbekannt.

Musikgeschichte lässt sich nicht präzise mit Stecknadeln auf der Landkarte festpinnen. U-Roys Geschichte zeigt das deutlich. Wie viele karibische Musiker verfiel der 1942 in Jones Town Geborene früh dem Rhythm & Blues und dann dem Soul aus den USA: Das war auch für ihn der Klang der Moderne. Aber beim Nachspielen der Hits aus New Orleans und Detroit, New York und Chicago, Memphis und Los Angeles brachten jamaikanische Musiker ihr eigenes Rhythmusgefühl, ihre eigenen Hörerfahrungen und ihren eigenen Alltag mit ein. Die Kopie wurde zu etwas ganz Eigenem.

Kreative Plattenansagen

U-Roy hat als Discjockey begonnen. Discjockeys waren die großen Toaster, ihre Ansagen eine Kunstform für sich. Auch die Technik der in Bann ziehenden, rhythmisierten, gereimten Ansage, die bald zum Lied selbst wurde, wanderte zwischen den USA und Jamaika hin und her. Mancher DJ aus Jamaika bekannte, er sei in den fünfziger Jahren von den kreativen Plattenansagen inspiriert worden, mit denen schwarze Radiostationen in den USA um Hörer konkurrierten.

Mit U-Roy aber erreichte das Toasting neue Popularität und neue Höhen: U-Roy schnappte sich vorhandene Musik, mischte sie neu ab, legte seinen eigenen Sprechgesang darüber, völlig überzeugt, mehr zu sagen zu haben als andere.

Ruf nach Gerechtigkeit

Das Publikum war da ganz seiner Meinung. Erste Singles wurden ein lokaler Hit, ebenso die Debüt-LP „Dread in a Babylon“, die auch bei der jamaikanischen Exilgemeinde in Großbritannien sofort neue Standards setzte. U-Roy verband die klassischen Inhaltselemente des Reggae miteinander, den Ruf nach größerer sozialer Gerechtigkeit, die Anklage der bestehenden Verhältnisse sowie das Heils- und Kraftversprechen der Rastafari-Religion.

An seine Aufnahmen über die Jahrzehnte hin kann man all die kritischen politischen und gesellschaftlichen Fragen stellen, die Reggae wie R&B und Rap nicht immer gut aussehen lassen: Man kann hier auch viel Sexismus finden. Aber U-Roy hat auch über jeden Zweifel erhabene, kraftvolle Tracks geliefert, deren Botschaften man nicht über Umwegerklärungen irgendwie entschuldigen muss.

Zu U-Roys Tod twitterte Jamaikas Premierminister Andrew Holness den Titel eines frühen Hits des Toasters: „Wake the town and tell the people!“ (Weck die Stadt auf und sag es allen). „Jamaika hat einen Riesen in der Musikindustrie verloren“, schrieb Holness, das ganze Land sei in Trauer.

Drei U-Roy Hits für Einsteiger

1971 kam die Single „Wake the Town“ heraus. Das Label schrieb den Namen des Musikers da noch „Hugh Roy“.

1975 wird U-Roys Debüt-LP „Dread in a Babylon“ praktisch Track um Track auch ein Hit in den Clubs von London. Er hat auch politische Botschaften, aber selbst nicht-jamaikanische Briten hatten gewisse Schwierigkeiten, den starken jamaikanischen Akzent zu entschlüsseln, etwa auf „Dreadlocks Dread“.

Nicht jedes Album von U-Roy im Lauf der Jahre muss in eine Sammlung, aber seine Diskografie hat auch in der zweiten Schaffenshälfte viele sehr gute Einspielungen aufzuweisen. U-Roys Charisma hat im Alter nicht nachgelassen, wie dieser Auftritt von 2017 zeigt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: