Ob im Seekneiple, als Kostümbildnerin fürs Ballett oder im Panto im Siegle-Haus – Irena Koubik prägte über Jahrzehnte Stuttgarts Kulturszene. Die Trauer um ihren Tod ist groß.
Bevor das Seekneiple beim Feuersee zum Treff von VfB-Fans in guten wie in schlechten Zeiten geworden ist, versammelte sich Ende der 1980er bis Mitte der 1990er eine bunte Mischung aus Studierenden, Lebenskünstlern, Theaterleuten, Gelegenheitsphilosophen und Musikern in diesem so kitschig wie witzig dekorierten Lokal. Die Fantastischen Vier gingen hier ein und aus. Es gab eine DJ-Empore für wilde Partys.
Dass ein lebendiges Stück Subkultur, ein kreativer Schmelztiegel, unweit der Johanneskirche entstehen konnte, war das Verdienst der kroatischen Designerin Irena Koubik und ihres damaligen, inzwischen verstorbenen Mannes Martin Koubik, der in der Stadt als Barkeeper-Institution galt. „Aus dieser Zeit, lange vor den Smartphones, besaß Irena etwa 3000 Fotos“, berichtet der Stuttgarter Autor Günter Flohrs, „wir wollten daraus ein Buch machen und an eine der ersten Szene-Kneipen der Stadt erinnern, die mit damals innovativen Lava-Lampen bis heute unvergessen ist.“
Für Punk-Ikone Vivienne Westwood ging sie auf den Laufsteg
Aus diesem schönen Plan kann leider nichts mehr werden. Im Alter von 68 Jahren ist die Kroatin Irena Wilhelmi (vormals Koubik), die das Stuttgarter Kultur- und Nachtleben über Jahrzehnte mitgeprägt hat, vor wenigen Tagen in ihrer Heimat gestorben. Damit ist ein spannendes Leben zu Ende gegangen, das fürwahr viel Stoff für ein Buch liefern könnte. Ein frühes Kapitel könnte ihre Freundschaft mit Punk-Ikone Vivienne Westwood sein, für die sie auf den Laufsteg ging, obwohl sie nicht der klassische Model-Typ war.
„Irena war ein Engel mit kulturellen Ideen und sozialem Engagement“, sagt Dirk Wilhelmi, ihr Mann, der ehemalige stellvertretende Intendant der Stuttgarter Philharmoniker. Vor zweieinhalb Jahren, als der langjährige Betriebsbüroleiter des Orchesters in den Vorruhestand ging, war das Paar in die geliebte Heimat der Designerin, Künstlerin und Gastronomin gezogen.
Die Trauer bei ihren Weggefährten ist groß. „Irena war eine tolle, freundliche, fröhliche und herzliche Frau“, sagt La-Commedia-Chef Luigi Aracri, der sie 30 Jahre lang kannte. Auch das Stuttgarter Ballett trauert. Die quirlige Kroatin, die mit Alfred Biolek befreundet war, entwarf Kostüme für etliche Aufführungen, unter anderem für Marco Santis „Samstag, der 14.“
Auf eigene Faust transportiere sie Medikamente ins Kriegsgebiet
Irena Koubik, einst ein beliebtes Gesicht der Stadtmagazine, lebte ungewöhnlich. In erster Ehe war sie mit einem schwulen Mann verheiratet, ihrem Seekneiple-Partner. Als 1991 der Krieg in ihrer kroatischen Heimat begann, wusste sie, dass es zu wenig war, ein Lokal zu führen. Auf eigene Faust brachte sie Medikamente in die Kriegsgebiete.
Danach entwickelte Koubik mit dem Pantomimen Karl-Hans Miller Kulturprojekte: den „Tempel“ an der Pfarrstraße im Bohnenviertel sowie das Panto, einem „Kunstraum-Café“ im Anbau des Gustav-Siegle-Haus. Das Panto wurde zum Jazzlokal, einem Vorläufer des heutigen Bix. Immer wieder war Alfred Biolek hier zu Gast. An diesem Ort hat Dirk Wilhelmi seine viel zu früh verstorbene Partnerin kennen gelernt und 2006 geheiratet. Der Autor Günter Flohrs legte im Panto auf und schwärmt noch heute: „Das war die schönste Zeit meines Lebens!“
„Für das tolle Leben mit ihr bin ich sehr dankbar“
Nach langer Krankheit habe sie nun ihren Frieden gefunden, sagt der Ehemann: „Irena hatte seit ihrer Geburt einen Herzfehler.“ Die wunderschöne Zeit mit der Liebe seines Lebens sei leider „viel zu schnell“ vorbeigegangen. „Wir hatten ein tolles Leben, dafür bin ich sehr dankbar“.
Nach dem Tod seiner Frau will der einstige stellvertretende Intendant der Philharmoniker in Kroatien bleiben und nicht nach Stuttgart zurückkehren. Wenn er die Nachrichten aus Deutschland höre, werde ihm „nur noch schlecht“ oder er werde „sehr traurig“. Nun aber bekommt er anrührende Bekundungen der Anteilnahme aus seiner alten Heimat geschickt.