Sascha Johannis ist Kundenbetreuer der Deutschen Bahn. Einer seiner Kollegen starb in der vergangenen Woche nach einer Attacke bei einer Fahrkartenkontrolle. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter treibt die Kollegen um. Kundenbetreuer Sascha Johannis fährt dennoch weiter – wachsam, deeskalierend und mit Bodycam.

Der Metropolexpress steht am Bahnsteig am Stuttgarter Hauptbahnhof, parat für die nächste Fahrt nach Gaildorf im Nordosten des Landes. Er wird für die kommenden zwei Stunden der Arbeitsplatz von Sascha Johannis sein. Der 26-Jährige steht vor dem Eingang zum Wagen und schaut zu, wie Fahrgäste einsteigen oder versucht, Auskünfte über den manchmal gar nicht mal so zuverlässigen Fahrplan der Bahn zu geben.

Doch drohende verpasste Anschlüsse, ausfallende Züge oder Verspätungen im deutlich zweistelligen Minutenbereich sind derzeit die kleinsten Sorgen von Johannis und seinen Kollegen. Kundenbetreuer im Nahverkehr heißt sein Beruf offiziell, im Volksmund ist er der Schaffner. Einer, der kontrolliert, Auskünfte erteilt, Türen freigibt, im Zug nach dem Rechten sieht – und der seit vergangener Woche anders wahrgenommen wird.

Über 3000 Angriffe auf Bahnmitarbeiter in 2025

Ein Zugbegleiter war bei einer Kontrolle in einem Regionalzug in Rheinland-Pfalz von einen Fahrgast so schwer verletzt worden, dass er später starb. Die Tat hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Am Freitag kommen Vertreter von Politik, Bahn und Gewerkschaften in Berlin zu einem Sicherheitsgipfel zusammen.

Attacken auf Zugpersonal sind mittlerweile keine Einzelfälle mehr. 2025 hat die Bahn bundesweit mehr als 3000 Übergriffe auf ihre Belegschaft verzeichnet. Am Wochenende wurde eine Kollegin von Johannis in einem Zug von Stuttgart Richtung Crailsheim nach einer Fahrkartenkontrolle bespuckt und mit einer Flasche traktiert. Die Bundespolizei ermittelt.

Kerzen, Blumen und eine handgeschrieben Tafel erinnern am Bahnhof in Homburg an den getöteten Bahnmitarbeiter Foto: Boris Roessler/dpa

Der Tod des Kollegen aus Rheinland-Pfalz bewegt die Bahnmitarbeiter am Standort Stuttgart. „Das war für uns alle eine schockierende Nachricht. Das hat uns alle sehr mitgenommen“, sagt Sascha Johannis. Es berühre einen, wenn man höre, was dem Kollegen passiert ist, der doch nur seiner Arbeit nachgegangen sei – und das auch noch tagsüber. Gemeinhin gelten die Nachtstunden als kritisch. „Das zeigt: man muss zu jeder Tageszeit wachsam sein. Eine Gefahr ist immer mit dem Job verbunden, aber so ein Ereignis bringt einem das noch einmal stärker ins Bewusstsein.“

Bodycams sollen für mehr Sicherheit sorgen

Oder sich entsprechend wappnen. Kurz nach der Abfahrt hat der 26-Jährige ein kleines, schwarzes Kästlein vor seiner Brust in Position gebracht. Eine Bodycam, eine Kamera, die auf Knopfdruck das Geschehen vor Johannis aufzeichnet. Seit 2024 können die Kundenbetreuer der Deutschen Bahn auf diese technische Lösung auf freiwilliger Basis zurückgreifen. Die Kunden reagieren auf diese nicht übermäßig subtile Art der Überwachung überraschend positiv. „Ich merke, dass mir manche Diskussion erspart bleibt, wenn ich die Bodycam trage. Das macht es für mich entspannter“, sagt Johannis. Nur die Bundespolizei kann die Aufnahmen auslesen und das auch nur, wenn der betroffene Kundenbetreuer eine Anzeige erstattet.

Das düstere Thema will so gar nicht zum Blick aus dem Fenster des fahrenden Zuges passen. Die Bahn rollt durchs obere Murrtal, draußen ziehen Wiesen und Felder vorbei, auf den Höhen des Schwäbischen Waldes liegt noch vereinzelt Schnee. Eigentlich kein schlechter Arbeitsplatz. Johannis kommt ursprünglich aus der Informatik, hat dann in der Gastronomie gearbeitet. Während der Coronakrise ist er zur Bahn gegangen. „Der Beruf hat mich schon immer interessiert. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen.“

Forderung nach doppelt besetzten Schichten wird lauter

Seit 2021 ist er in den Zügen der Deutschen Bahn rund um Stuttgart unterwegs. Mal geht es so wie heute nach Gaildorf, mal nach Freudenstadt im Schwarzwald, mal nach Friedrichshafen am Bodensee und manchmal einfach nur in einen Seminarraum. Johannis arbeitet auch in der Weiterbildung der Deutsche Bahn. „Das Sicherheitsempfinden der Kolleginnen und Kollegen ist gesunken. Man merkt, dass zunehmend Fragen kommen, ob sie nicht noch eine Schulung mit der Bodycam bekommen können oder für den Einsatz unserer Abwehrsprays. Auch die Forderungen nach einer Doppelbesetzung werden lauter.“

Doch bei der Frage wie viel Personal im Zug arbeitet, entscheidet die Deutsche Bahn nicht allein. Sie ist im Regionalverkehr im Auftrag des Landes Baden-Württemberg unterwegs. In den Ausschreibungen wird der Personaleinsatz vorgegeben. Würde die Bahn mehr Zugbegleiter in den Bahnen beschäftigen, würde sie diese Extraschichten nicht vom Auftraggeber entlohnt bekommen. Die Länder sitzen beim Sicherheitsgipfel am Freitag mit am Tisch.

Zugbegleiter setzt auf Deeskalation

Mittlerweile hat der Zug seinen Endbahnhof in Gaildorf erreicht, nach einer kurzen Pause geht es wieder retour Richtung Landeshauptstadt. Noch sind die meisten Sitze leer, ab Murrhardt füllt sich der Zug merklich. Johannis kontrolliert zwei junge Männer. Der eine hat sein Ticket auf einer Chipkarte gespeichert, der andere auf dem Handy – zumindest scheinbar. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der vermeintliche digitale Fahrschein als schlichtes Foto eines Tickets. Und dann stimmt auch noch das Geburtsdatum, das der Mann angibt nicht mit dem überein, das auf dem Ticket steht.

Freundlich aber bestimmt verweist Johannis die Männer des Zuges. Keine schönes Szene, aber auch keine, die aggressiv gewirkt hätte. Anders könne es in den Abend- und Nachtstunden sein, wenn das Partyvolk erschöpft und nicht mehr ganz nüchtern die Heimreise antritt. Braut sich Ärger zusammen, nimmt sich Johannis zurück und sucht schlimmstenfalls den Lokführer auf, von wo aus dann die Bundespolizei alarmiert werden kann.

Johannis räumt auch ein, dass seit dem Tod des Kollegen die Dinge ein wenig anders sind. Zwar fährt nicht die Angst mit, aber die Wachsamkeit sei deutlich höher geworden. „Ich bin bisher zum Glück sehr gut durchgekommen, weil ich versuche, deeskalierend aufzutreten.“