Der Bäckermeister Wolfram Stehle hat in Langenenslingen ein Zuckerhasenmuseum eröffnet. Herzstück der Sammlung sind die uralten Formen der Stuttgarter Zinngießerei Georg Lieb.
Wolfram Stehle öffnet die Tür zu seinem Museum. Auf Regalen stehen die Urformen seiner Zuckerfiguren. Alles Unikate aus Metall. Er nimmt eine und steckt sie in die Gipsform, die an der Wand befestigt ist. „Ich weiß, nur, dass sie da hinein gehört. Aber ich weiß nicht, was das für einen Zweck hat“, sagt er. Es gibt noch so einige offene Fragen.
Was Stehle hier in Langenenslingen versammelt hat, ist das Lebenswerk der Familie Lieb aus Stuttgart. In der von Georg Lieb gegründeten Zinn- und Aluminiumgießerei entstanden von 1868 bis 1962 Formen für Zucker- und Eisfiguren. Zuerst in der Bärenstraße, ab 1914 an der Alten Weinsteige. Bäcker in ganz Süddeutschland nutzten sie, um zu Ostern ihre roten Zuckerhasen herzustellen. Mit der Zeit liefen dann die Schokoladenhasen ihren Zuckerbrüdern den Rang ab und verdrängten sie schließlich komplett.
Wolfram Stehle hat die Tradition in seiner Bäckerei wiederbelebt. Zwischen Januar und April gießt er hunderte Hasen aus Zucker. Inzwischen hat mehr als 2800 Formen mit 300 verschiedenen Motiven gesammelt.
„Stupf mi, des muss ein Traum sein“
Nun besitzt er gleichsam die Urmütter seiner Formen. Das hat er Hermann Lieb, einem Urenkel von Georg Lieb zu verdanken. In einer Hinterhof-Werkstatt bewahrte Lieb die übrig gebliebenen Firmenschätze auf. Bäcker, denen er seine Formen schmackhaft machen wollte, winkten meistens ab oder nahmen mal ein Einzelstück, um ihr Schaufenster damit zu schmücken. Doch dann lernte er Stehle kennen und lud ihn ein.
„In der Werkstatt sah es aus, als hätte Herr Lieb gestern einfach zugemacht, um heute wieder zu öffnen“, erzählt Wolfram Stehle. Werkbank, Hocker, Eimer, Zinnbarren, alles war noch genau wie damals. Das Firmenschild hing noch an der Wand. In den Eimern war noch Schlacke. Da standen 300 Urformen für Zuckerfiguren, darunter die alten aus Zinn und die jüngeren aus Aluminium, das von 1920 an für die Herstellung genutzt wurde.
Neben den Hasen gab es noch reichlich andere Motive: vom Zwerg mit einem Zeppelin-Luftschiff auf dem Rücken bis zum Liebesgott Amor, der einen Delfin reitet. Vom Ulmer Münster bis zum Luzerner Löwen. Zu seinem Schwiegersohn, der ihn begleitete, sagte Wolfram Stehle nur: „Stupf mi, des muss doch a Traum sei.“
In einem anderen Regal standen Eisformen, verpackt in ihren Gießmänteln, sodass Stehle sie gar nicht gleich erkennen konnte. Konditoren füllten diese Formen mit Eiscreme, um Figuren für Torten herzustellen. Die Auswahl der Motive war so vielfältig wie bei den Zuckerformen, ein Eisspargel war auch dabei. Sie kamen vor allem auf Kreuzfahrtschiffen oder auf Schlossgütern zum Einsatz. „Das war nur was für die besonderen Leut“, erklärte ihm Hermann Lieb.
Er schenkte Stehle das gesamte Inventar der alten Firma. Fünf Mal fuhr der Bäckermeister nach Stuttgart, bis alles eingeladen war. In seinem alten Vorführraum unter der Garage richtete er das Museum ein und nannte es „Hasengässle“. Dort baute er auch die Werkstatt originalgetreu wieder auf. Die ganze Familie packte mit an.
Die Fertigstellung des Museums erlebte Hermann Lieb nicht mehr. Er starb im September 2023. Er litt an Lungenfibrose, eine Nachwirkung der jahrelangen Arbeit mit Metallen und Asbest. „Dass Stehle die Formen übernommen hat, war das schönste Geschenk für meinen Mann“, sagt Sieglinde Lieb. „Das Museum ist ein ehrenvolles Andenken für das Lebenswerk seiner Familie.“ Sie ist sich sicher, dass die Formen sonst später auf dem Müll gelandet wären.
Schlotzer für die Kinder
Als Hermann Lieb die Firma 1968 übernahm, gab es nur noch wenig Interesse an den Zucker- und Eisformen. Vorbei war die Zeit, wo jeder zwischen Biberach und Stuttgart die roten Zuckerhasen kannte und Kinder beim Bäcker Schlange standen, um ein kleines Bruchstück oder einen Schlotzer zu bekommen. „Die Zuckerformen reichten nicht mehr aus, um eine Großfamilie zu ernähren“, sagt Sieglinde Lieb. Sie hatten zwei kleine Kinder. Die Oma, Onkel und Tante wohnten auch mit im Haus.
Die Firma spezialisierte sich deshalb auf die Herstellung von Vitrinen und auf den Fensterbau. Hermann Lieb machte eine Lehre zum Schlosser. Als sein Vater starb, hatte der 24-Jährige gerade seine Meisterprüfung bestanden. Er versprach seinem Vater am Sterbebett, die Firma weiterzuführen. Sie existiert bis heute unter dem Namen Lieb Metallbau. 2004 verließ Hermann Lieb das Unternehmen und überließ die Geschäfte einem ehemaligen Lehrling.
Hermann Lieb starb, bevor Stehle ihm alle Fragen zum Produktionsprozess von einst stellen konnte, die ihn heute umtreiben. Seitdem versucht er, mithilfe von Handwerkern zu konstruieren, wie die Formen damals gemacht wurden. Oder er probiert selbst aus, wie die Dinge funktionieren. Zum Geburtstag seines Schwiegersohns backte er einen Kuchen und verzierte diesen mit einem Fliegenpilz aus Eis – gemacht aus einer historischen Form. Erdbeereis für den Pilz, Vanilleeis für den Stamm, Schokoladeneis für den Gecko, der den Pilz hinaufklettert.
Genauso hat er sich auch schon das Zuckerhasengießen beigebracht: Einfach so lange probiert, bis irgendwann die richtige Temperatur für den Zucker gefunden war. Denn es gab ja niemanden, der ihm das hätte beibringen können. Sein Vater, Gründer der Familienbäckerei und Jahrgang 1935, kannte die Zuckerhasen zwar aus seiner Kindheit, hatte sie aber nie selbst hergestellt. Die Geschichten, die er über die Zuckerbäcker erzählte, inspirierten Wolfram Stehle schon in jungen Jahren dazu, es selbst auszuprobieren. Sein Vater riet ihm davon ab. Doch Wolfram setzte sich durch, und sie kauften die ersten 50 Formen bei einem Antiquitätenhändler. Der Erfolg gab ihm Recht. Die Hasen kamen so gut an, dass er inzwischen 5000 pro Jahr verkauft. Nach Ostern macht er vor allem Bonbons und andere Zuckerfiguren.
In seinem neuen Museum hat Stehle die Meisterbriefe der Familienmitglieder aufgehängt. Daneben die Auszeichnung, die Georg Lieb vom württembergischen König verliehen bekam. Zu seiner Sammlung gehören auch die alten Kataloge und Preislisten, die sich Bäcker zuschicken lassen konnten, um ihre Formen auszuwählen. Nach dem Gebrauch mussten sie diese wieder ordentlich zurückschicken. Die Formen wurden größtenteils selbst von den Liebs modelliert und gegossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwarf auch der Degerlocher Künstler Walter Thumm einige Formen.
In seinem Museum möchte Stehle in Zukunft Kaffeefahrten mit begleiteten Führungen anbieten – als ergänzendes Angebot zu den Vorführungen, die er seit zwölf Jahren im wenige Schritten entfernten „Zuckergässle“ anbietet. Dabei stellt er Zuckerhasen und Bonbons vor Publikum her. „Mein Ziel ist es“, sagt er, „die Traditionen zu bewahren, die wir hier in Süddeutschland haben.“