Oft sind Frauen und Kinder von der Gewalt der Partner und Väter betroffen. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Laut Polizeistatistik nimmt die Häusliche Gewalt zu. Gleichzeitig gibt es nicht genügend Plätze in Frauenhäusern. Was geschehen muss, dass alle Frauen geschützt werden können, erklärt Sylvia Haller aus Heidelberg, Sprecherin der Autonomen Frauenhäuser.

Wenn Frauen in Not keine Schutzräume für sich und ihre Kinder finden, kann das lebensgefährlich sein. Helfen kann die bessere Finanzierung der Frauenhäuser. Das Gewalthilfegesetz müsse endlich umgesetzt werden, fordern die Autonomen Frauenhäuser. Sonst enden manchen Frauenleben tödlich, sagt Sylvia Haller, Sprecherin der Autonomen Frauenhäuser.

Frau Haller, die Zahlen häuslicher Gewalt sind laut aktueller Polizeistatistik um 6,5 Prozent gestiegen, beim Notruftelefon ist die Zahl der Anruferinnen gar um 12 Prozent gestiegen. Spiegeln sich diese Zahlen auch in den Anfragen an Frauenhäuser wider?

Ja, auch in den Frauenhäusern kommen vermehrt Anrufe an. Frauen sind mutiger, trauen sich eher, kennen ihre Möglichkeiten. Deshalb sind für uns solche steigenden Zahlen erst mal ein gutes Zeichen. Das heißt, die Gewalt kommt raus aus dem Dunkelfeld in die Situation, dass Frauen sich Unterstützung holen.

Sie gehen von keinem wirklichen Anstieg der Gewalt aus?

Das lässt sich aus unserer Sicht nicht seriös beantworten. Wir wissen, dass sich gerade bei Partnerschaftsgewalt viel im Dunkelfeld abspielt. Die letzte Dunkelfeldstudie ist viel zu lange her, um dazu etwas sagen zu können.

Haben Sie einen Überblick, wie oft Sie Frauen abweisen müssen, die bei Ihnen einen Schutzraum suchen?

Wir erheben die Zahlen nicht. Aber wenn wir uns bundesweit austauschen, gehen wir davon aus, dass im Schnitt etwa ein Drittel der Hilfesuchenden aufgenommen werden kann und wir Zweidrittel abweisen müssen. Das unterscheidet sich natürlich von Land zu Stadt.

Woran liegt das?

Dass wir wirklich zu wenig Plätze haben. Wir haben etwa 7000 bis 8000 Frauenhausplätze bundesweit und brauchen 21000. Das sagt die letzte Woche veröffentlichte Kostenstudie des Bundesfamilienministeriums.

Seit 2021 gibt es den Plan der Koalition, Frauen über das Gewalthilfegesetz vor häuslicher Gewalt zu schützen. Bekenntnisse helfen Frauen aber nicht. Deshalb soll nun das Gewalthilfegesetz verabschiedet werden. Darin geht es um die Finanzierung der Hilfe. Von welchem Betrag reden wir?

Wir haben die Kostenstudie, die die aktuellen Kosten auf die höhere Anzahl von Plätzen hochrechnet. Da der jetzige Standard mit schlechten räumlichen Bedingungen und schlechter Personalausstattung aber nicht gut ist, gehen wir von einem Gesamtbedarf von 944 Millionen aus. Das würde dann keine Einzelfallförderung mehr bedeuten sondern die Objekt-Förderung von Frauenhäusern als Schutzhäusern. Denn jetzt bekommen wir für die Unterbringung von Studentinnen Rentnerinnen und Asylbewerberinnen keine Regelfinanzierung. Aber der Status darf beim Gewaltschutz keine Rolle spielen. Würde die Förderung neu aufgesetzt, können wir, wenn wir den Platz haben, jeder Frau einen gewaltfreien Raum anbieten.

Geben Sie dem Gesetz noch eine Chance in dieser Legislaturperiode? 944 Millionen Euro sind nicht wenig.

Für uns ist entscheidend, ob der Bund in die Regelförderung eintritt. Im Moment tragen die Länder ein Drittel der Kosten, die restlichen Zweidrittel teilen sich auf die Kommunen, Eigenmittel und einen kleinen Teil vom Bund auf. Bei einer bundeseinheitlichen Förderung wäre es egal, ob ich in Heilbronn oder in Itzehoe einen Frauenhausplatz brauche.

Was heißt es in der Konsequenz für Frauen, wenn das Gesetz nicht kommt?

Wenn alles so bleibt, wie es ist, müssen wir tagtäglich Frauen abweisen. Das ist der worst case. Es macht dann einen Unterschied, wo in Deutschland ich um Schutz bitte. Unterm Strich heißt das: Das Leben der Frauen und der Kinder, denn Frauenhäuser sind auch Kinderschutzhäuser, bleibt gefährlich. Und manchmal endet es auch mit dem Tod von Frauen, wenn sie keine Schutzräume finden.

Hilfe für Frauen

Person
Sylvia Haller arbeitet im Autonomen Frauenhaus Heidelberg, ist auch eine der Sprecherinnen der Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser, von denen es ungefähr 100 in Deutschland gibt. Außerdem ist sie seit Juni 2023 Vorständin im Deutschen Frauenrat und verantwortet dort das Schwerpunktthema „Gewalt gegen Frauen beenden“.